Neun Fragen an ...

Manfred Stoffl über Montréal: „Kanadier sind bürokratischer als wir"

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Skyline von Montréal: Mit 3,7 Millionen Einwohnern ist Montréal die größte Stadt der französischsprachigen Provinz Quebec (Foto: Tourisme Montréal)

11. Dezember 2010

Als zweitgrößte frankophone Stadt der Welt ist Montréal eine Insel im ansonsten englischsprachigen Nordamerika. Dass sich Menschen hier für Deutschland interessieren scheint ungewöhnlich – Manfred Stoffl berichtet das Gegenteil. Im Interview spricht er über Vielsprachigkeit, die DDR und deutschen Wein.

Warum lernen Kanadier Deutsch?

Oftmals einfach nur aus privatem Interesse, weil eine Reise nach Deutschland bevorsteht. Gerade die Marke Berlin spielt bei vielen jungen Menschen eine entscheidende Rolle, Deutsch lernen zu wollen. Außerdem sind in Montréal die meisten Leute zwei-, drei- oder mehrsprachig – anders als im restlichen Kanada oder den USA. Durch das Schulsystem sind Immigranten außerdem dazu verpflichtet, Englisch und Französisch fließend zu sprechen, dazu behalten sie ihre Muttersprache bei und nutzen diese im Umgang zu Hause – und selbst dort wachsen viele Kinder mit zwei Muttersprachen auf. Vielsprachigkeit ist also nichts Ungewöhnliches, und das Interesse an Sprachen ist enorm.

Welches Vorurteil über Kanadier sollten wir ganz schnell wieder vergessen?

In Deutschland ist das Vorurteil weit verbreitet, dass in Kanada alles viel einfacher funktioniert. Dem ist aber nicht so: Kanadier sind mindestens genauso bürokratisch wie wir Deutschen. Gerade in meiner Position als Verwaltungsleiter habe ich sehr viel mit kanadischen Behörden zu tun und muss sagen, dass es häufig viel höhere bürokratische Hürden zu überwinden gibt, als wir in Deutschland immer denken.

Copyright: Goethe-Institut Fotostrecke: Montreal

Was ist ihr persönlicher Lieblingsort in Montréal?

Mein Lieblingsort ist auf dem Mont Royal, dem größten Berg in der Gegend und Namensgeber der Stadt. Wenn ich dort am Wochenende joggen gehe, stelle ich mich auf die Aussichtsplattform – von ihr aus kann man über die ganze Stadt blicken und die Skyline von Montréal betrachten. Wenn man seine Blicke in die Ferne schweifen lässt, sieht man den imposanten St. Lorenz Strom, der den Rhein wie einen kleinen Fluss wirken lässt. Besonders im Sommer ist das für mich der schönste Ort der Stadt.

Was ist Kultur in Montréal?

Montréal ist eine tanzverrückte Stadt, eine Tanzhochburg sozusagen. Es gibt hier bestimmt 15 bekannte mittelgroße bis große Tanzkompanien. Dazu kommen zahlreiche kleine Tanzgruppen. Außerdem hat Montréal eine größere Filmszene und einen Hang zur elektronischen Musik.

Welche Frage (über Deutschland) hören Sie besonders oft?

Wenn ich erzähle, dass ich aus Deutschland komme, kommt zunächst immer die Frage: „Woher genau?" Antwortet man dann, man habe in Berlin gelebt, wollen alle sofort wissen, ob man nun Ostdeutscher oder Westdeutscher ist. Aber für Leute um die 40 ist Ost und West ein recht diffuses Konzept. Viele Fragen drehen sich darum, wie sich das Leben in Ost und West unterschieden hat. Deshalb habe ich manchmal das Gefühl, die Menschen hier können sich nicht vorstellen, dass ein Teil Deutschlands mal kommunistisch war. Das Deutschlandbild ist eher durch Westdeutschland und das heutige Deutschland geprägt. Als ich mit Bekannten Das Leben der Anderen angesehen habe, konnten sie nicht glauben, dass der Film eine deutsche Realität vor dem Mauerfall beschreibt.

Wer kommt zu Ihnen ins Goethe-Institut?

Unser Publikum ist sehr breit gefächert. Aber wenn ich gerade unten in die Lobby blicke, sehe ich vor allem viele junge Menschen. Außerdem haben wir auch zahlreiche Geschäftskunden, die für die Arbeit Deutsch lernen müssen. Dann haben wir noch ein besonderes Publikum: Cineasten. Diese besuchen uns regelmäßig donnerstag- und freitagabends zu unseren Filmvorführungen.

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Goethe-Mitarbeiter Stoffl: „Die Menschen hier können sich nicht vorstellen, dass ein Teil Deutschlands kommunistisch war“ (Foto: privat)
Wer kommt nicht?

Leute aus Gebieten, die nicht so gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln angebunden sind, wie beispielsweise aus dem Westen der Stadt. Außerdem hätten wir gerne noch mehr junge Leute in unserem Institut; durch Teenager-Sprachkurse versuchen sind wir gerade erfolgreich dabei, diese mehr auf uns aufmerksam zu machen.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?

Auf deutsches Brot, Brötchen und Wein – eigentlich grundsätzlich auf preiswertere Lebensmittel. Gerade Milchprodukte und Alkoholika sind in Kanada sehr teuer.

Und worauf, wenn Sie wieder in Montréal sind?

Ich freue mich auf den strahlend blauen Himmel und das Licht – in Montréal ist es viel heller als in Deutschland. Besonders im Winter herrscht hier eine herrliche Atmosphäre. Da bekommt man einfach gute Laune!

Die Fragen stellte Matthias Bitzl

Manfred Stoffl (38) studierte an der FU Berlin Germanistik und Regionalwissenschaften Nordamerika. Nach verschiedenen Tätigkeiten an Theatern in Berlin, unter anderem als Produktionsleiter Tanz an der Schaubühne, zog es ihn 2006 nach Kanada, wo er an der HEC Montreal ein MBA Studium absolvierte. Zum Goethe-Institut kam er als freier Mitarbeiter für das Tanz-Webprojekt tanz-de-ca. Seit Juli 2009 ist er Verwaltungsleiter am Goethe-Institut Montreal.
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