Elisa Costa über Rom: „Das Leben hier ist immer ein Kampf“

Auch mancher Deutscher lebt gern in Rom – zum Beispiel im Vatikan (Foto: Ivo Marino)
11. Januar 2011
Mamma mia – von wegen! Italiens Männer sind längst nicht die Muttersöhnchen, als die sie gern hingestellt werden. Außerdem ist der Italiener flexibler als der Deutsche, aber auch gestresster. Elisa Costa vom Goethe-Institut Italien über Italiener, Deutsche und Klischees.
Was beschäftigt die Italiener derzeit am meisten?
Costa: Natürlich die politische Krise. Vor wenigen Wochen schien es ja fast so, als sei die Ära Berlusconi kurz vor dem Ende. Er hat zwar dann doch das Misstrauensvotum überstanden, aber seine Position ist geschwächt. Die Stimmung ist sehr aufgeheizt im Moment. Studenten, aber auch einfache Leute, gehen auf die Straße, um gegen die Regierung zu demonstrieren. Die Menschen leiden stark unter der Wirtschaftskrise. In Rom spürt man diese Stimmung besonders stark. Wenn Sie bedenken, dass die Miete für eine normale Drei-Zimmer-Wohnung in Rom ungefähr 1.200 Euro kalt kostet und man gerade mal 1.200 bis 1.500 Euro im Monat verdient, sehen Sie, dass es für die jungen Menschen unmöglich ist, ein normales Leben zu führen. Und auch die Kultur leidet natürlich. Denn sie ist immer das erste, woran man spart.
Was können wir von den Italienern lernen?
Wir haben im vergangenen Jahr ein Projekt namens Va bene?! gestartet, in dem wir uns genau diese Frage gestellt haben: Was können wir von einander lernen? Und wir sind auf sehr viele interessante Antworten gestoßen. Eine Sache, die die Deutschen sicher von uns lernen können, ist Flexibilität.
Fotostrecke: Die ewige Stadt
Und welches Vorurteil über die Italiener sollten wir dafür ganz schnell wieder vergessen?
Das Klischee von der italienischen Familie, um die sich alles dreht. Die Söhne, die ganz auf ihre Mütter fixiert sind und nur essen, was die Mutter kocht. Das ist nicht mehr so. Die Familie hat sich in den letzten Jahren in Italien stark verändert. Die Frauen arbeiten alle, und die Kinder führen ihr eigenes Leben. Dass viele Kinder erst spät von zu Hause ausziehen, liegt an den Mieten. Wie soll man sich da eine eigene Wohnung leisten?
Warum lernen Italiener deutsch?
Deutsch ist in Italien sehr wichtig. Vor allem natürlich für den Tourismus. Viele Deutsche verbringen ihren Urlaub in Italien. Es gibt Regionen, da liest man schon fast alles zweisprachig. Aber natürlich gibt es auch viele deutsche Firmen in Italien – und italienische Firmen in Deutschland. Deshalb verbessern Deutschkenntnisse die Chancen, Arbeit zu finden. Und bei Studenten wird Deutschland immer beliebter. Bei den Auslandsaufenthalten steht zwar nach wie vor Spanien an erster Stelle, aber gleich danach kommt Deutschland. Städte wie Berlin oder Frankfurt sind sehr attraktiv für italienische Studenten, und das Leben in Deutschland ist vergleichsweise günstig.
Wo haben Sie selbst so gut Deutsch gelernt?
In der Schweiz. Ich habe meine Kindheit in Zürich verbracht, weil mein Vater dort gearbeitet hat. Später habe ich dann Germanistik studiert und bin für ein Semester nach Dortmund gegangen.
Welches ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Rom?
Das Stadtviertel San Saba. Dort habe ich früher gewohnt. San Saba ist wie eine kleine Insel im Zentrum. Es liegt mitten in der Stadt, ist aber sehr ruhig. Das Viertel ist nicht sehr bekannt; außer Anwohnern verirrt sich hier niemand her – und trotzdem ist es wunderschön. Hier wohnen auch noch sehr viele alteingesessene Römer.
Welches italienische Buch sollten wir unbedingt lesen?
Das ist schwierig. Um ehrlich zu sein: Ich lese kaum Italiener. Aber ein Buch würde ich vorschlagen: Was ist ein Italiener? von Andrea Camilleri. Vielleicht hilft es den Deutschen, uns ein bisschen besser zu verstehen.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland reisen?
Es klingt vielleicht etwas merkwürdig: Ich fühle mich in Deutschland immer etwas entspannter als hier in Italien. Ich finde die Atmosphäre dort sehr gemütlich. Man nimmt sich mehr Zeit, die Leute sind nicht so gestresst. Rom ist dagegen eine sehr chaotische Stadt, das Leben hier ist immer ein Kampf.
Und worauf freuen Sie sich, wenn Sie zurück nach Rom kommen?
Ich fahre jeden Morgen mit meinem Sohn im Auto zur Arbeit. Und da fahren wir jeden Morgen eine kleine Straße entlang, die plötzlich eine Kurve macht – und auf einmal sehen wir das Kolosseum vor uns. Auch wenn wir natürlich genau wissen, wo das Kolosseum ist, ist es jeden Tag wieder eine kleine Überraschung. Jeden Morgen sagen wir: Ach, ist das schön! Allein deswegen lohnt es sich, in Rom zu leben.
-db-
Elisa Costa, 42, studierte Germanistik an der Universität La Sapienza in Rom, anschließend arbeitete sie als Journalistin für Print und Online sowie als Pressereferentin. Seit 2008 ist sie beim Goethe-Institut und betreut als Pressereferentin von Rom aus ganz Italien. Dabei hat sie ihre zwei Leidenschaften zusammengebracht: deutsche Kultur und Medien.











