Beate Kolberg über Nowosibirsk: „Wie bei Tolstoi“

Das Schneeskulpturenfestival am Platz des 1. Mai (Foto: Pavel Miroshnikov)
12. März 2011
Wodka trinkt man pur und kalt: Das macht hundert Jahre alt! Auch wenn nicht jeder Russe viel davon trinkt, in Russland hat Wodka seine Bedeutung. Beate Kolberg vom Goethe-Institut Nowosibirsk über kulturelle Highlights und sibirische Temperaturen, Wodka und Gelassenheit.
Was ist Kultur in Nowosibirsk?
Kultur in Nowosibirsk ist in erster Linie Theater. Wir haben viele Theaterhäuser. Das größte ist das Opern- und Balletttheater. Das Opernhaus ist auch das Wahrzeichen von Nowosibirsk.
Welchen kulturellen Höhepunkt sollten Nowosibirsk-Besucher auf keinen Fall verpassen?
Das Zentrum für zeitgenössische Kunst wurde letztes Jahr eröffnet und ist im Moment ein Highlight. Es gibt interessante Projekte, die man auf keinen Fall verpassen sollte, wenn man nach Nowosibirsk kommt. Bewegte Zeit, erzählte Zeit war zum Beispiel eine Ausstellung zu 20 Jahre Mauerfall. In diesem Jahr zeigen wir eine Fotografieausstellung von Babara Klemm. Es gibt dort aber auch Projekte zeitgenössischer russischer Kunst.
Fotostrecke: Das kulturelle Zentrum Sibiriens
Was hat Sie am meisten überrascht?
Dass es tatsächlich noch kälter ist als in St. Petersburg. Ich habe eigentlich immer gedacht, ich sei russlanderfahren. In meinem ersten Winter fiel das Thermometer auf bis zu minus 37 Grad. Die Straßen sind dann leer, und man vermeidet jeden Gang nach draußen. Das Leben verändert sich durch die klimatischen Bedingungen. Es ist ein Leben im privaten Raum.
Welches Vorurteil über die Sibirier sollten wir ganz schnell wieder vergessen?
Russen trinken viel Wodka, sie feiern viel und sind sehr leidensfähig – das sind die Vorurteile, die ich kenne. Ich glaube, dass an allen diesen Sachen was Wahres dran ist, aber natürlich nicht in diesem Ausmaß. Genauso wie Bier in Deutschland hat auch Wodka seine Bedeutung in Russland. Aber nicht jeder Russe trinkt viel Wodka. Dieses Vorurteil sollte man vergessen.
Was bewegt die Russen und Sibirier derzeit am meisten?
Der Terroranschlag vom 24. Januar in Moskau bewegt alle. Es gibt Sicherheitsvorkehrungen an allen Bahnhöfen, an Flughäfen, in der Metro. Durch diesen Vorfall werden leider auch Skepsis und Vorbehalte gegen Menschen aus der kaukasischen Region geschürt. Alle sind nervös. Dann gibt es auch noch ein viel diskutiertes Thema in meinem eigenen Arbeitsbereich: die Bildungsreform in den Schulen. Ein Moskauer Schullehrer hat jetzt im Internet einen Brief gegen die Umsetzung dieser Reform verfasst. Diesen Brief haben innerhalb von zwei Tagen 12.000 Personen unterschrieben. Das hat dazu geführt, dass sich Wladimir Putin eingeschaltet hat und der Gesetzesentwurf jetzt erst einmal zur öffentlichen Diskussion gestellt worden ist. In Sibirien bewegt die Sibirier derzeit die Kälte. Die Schulen werden ab minus 35 Grad geschlossen. Momentan haben wir eine Grippe-Epidemie. Ganze Schulen werden unter Quarantäne gesetzt.
Warum lernen Sibirier deutsch?
Erst einmal gibt es eine traditionelle Verbindung zwischen beiden Ländern. Zur Zeit des Eisernen Vorhangs war Deutsch viele Jahre ein Pflichtfach in der Schule. Dann möchten viele gern im Ausland studieren; und zum Studieren ist Deutschland ein interessantes Land. Ein Hauptgrund ist auch die Karriere, denn in deutschen Firmen mit Repräsentanz in Russland sind deutschsprachige Mitarbeiter willkommen. Und viele haben russlanddeutsche Verwandte in Deutschland.
Was können wir von den Sibiriern lernen?
Gelassenheit. Bei Temperaturen, die ich kaum ertragen kann, reagieren Sibirier relativ gelassen und sitzen sogar noch draußen auf der Bank. Am Wochenende habe ich gerade frisch Vermählte gesehen. Im Brautkleid und nur mit einer Pelzstola ließ sich die Braut im Schnee fotografieren. Flexibilität kann man auch von den Sibiriern lernen.
Wo ist Nowosibirsk am schönsten?
Mein persönlicher Lieblingsort ist der Platz des 1. Mai. Es ist eigentlich ein Park. Dort gehe ich jeden Morgen hin. Man sieht dann die Damen wie bei Tolstoi in ihren Pelzmänteln und Pelzmützen durch den tiefen Schnee spazieren. Der Schnee funkelt meistens noch im Sonnenschein. Alles ist ruhig und sehr romantisch. Das Festival der Schneeskulpturen wird auch in diesem Park veranstaltet. Und wann immer eine Party ist, findet sie dort statt.
Was wäre Ihr Traumprojekt?
2010 haben wir ein Schulpuppentheaterfestival veranstaltet. Das findet in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. Das ist ein Festival mit Schülern, die auf Deutsch Dramen fürs Puppentheater erarbeiten. Die Stücke sind Eigenproduktionen. Wir geben ein Thema vor, zum Beispiel „Mutprobe“, und die Lehrer mit ihren Schülern entwickeln kleine rührende Alltagsszenen. Die Sieger des Wettbewerbs fahren als Gruppe nach Deutschland. Das ist für die Schüler natürlich ein großer Ansporn. Ich möchte in das Projekt gern noch Studenten einbeziehen, die Puppenspiel studieren. So kämen die Kinder über das Deutschlernen zum Puppenspiel und die Studenten über das Puppenspiel zur deutschen Sprache. Wenn Nowosibirsk zum Zentrum für das Puppenspiel in deutscher Sprache würde – das wäre wirklich traumhaft.
Die Fragen stellte Rita Seyfert
Beate Kolberg, geboren 1966, studierte Französisch, Russisch und Wirtschaft in Saarbrücken und untertitelte als Übersetzerin für Arte. Nach dem Aufbaustudium Deutsch als Fremdsprache ging sie nach St. Petersburg und arbeitete als Lektorin und Lehrerin für den DAAD und das Goethe-Institut. Seit 2009 baut sie die Sprachabteilung im Goethe-Institut Nowosibirsk auf.











