Neun Fragen an ...

Michael Flucht über Pune: „Love it or leave it”

Copyright: Goethe-Institut Pune
Straßenszene in Pune (Foto: Goethe-Institut Pune)

27. Mai 2011

Indien lernte er auf dem Hippie-Trail kennen und lieben. Heute ist Michael Flucht Institutsleiter des Goethe-Instituts in Pune. Im Interview spricht er über Menschenmassen, Globalisierung und den indischen Umgang mit dem Tod.

Was können wir von den Indern lernen?

Den indischen Multilingualismus. Viele Menschen wachsen mit mehreren Sprachen auf, so dass die Frage nach der eigenen Muttersprache oft nicht einfach zu beantworten ist. Zwar ist Englisch zumindest in der Mittelschicht weiterhin die Lingua Franca, aber auch die anderen Sprachen haben ihren Raum. Als Europäer kann man schon neidisch werden, wenn man sieht mit welcher Selbstverständlichkeit in Indien zwischen den verschiedenen Sprachen gewechselt wird.

Was war Ihr größter Kulturschock?

Als ich in den Siebziger Jahren das erste Mal nach Indien kam, war das auf dem Hippie-Trail, so dass meine Wahrnehmung von Indien immer eine positive gewesen ist. Ich kann mich aber erinnern, dass mich bei meinem ersten Mal in Bombay die Menschenmasse irritiert hat. Auch der enge Körperkontakt in den öffentlichen Verkehrsmitteln, kann einen schockieren. Das alles ist ein großer Unterschied zu Deutschland. Es gibt eine Redensart: „India, love it or leave it“ – und da ist schon etwas dran.

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Fotostrecke: Pune, Oxford des Ostens


Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Pune?

Das ist schwer zu sagen. Die Stadtviertel Koregaon Park und Band Garden sind zwei Orte, die ich sehr schön finde. In Koregaon Park wohne ich und in Band Garden ist das Goethe-Institut. Wir haben ein sehr schönes Institut in Pune. Es ist bundeseigener Besitz und ein spätes Art-Deco-Gebäude mit einem großen Garten. Dort kann man sich sehr wohl fühlen. Der Fluss ist nicht weit, deshalb besucht mich dort manchmal ein kleiner Eisvogel – auch ein Tukan kommt ab und an vorbei.

Welche Erfahrung werden Sie nie vergessen?

Tief eingeprägt hat sich mir der Umgang mit dem Tod. Als 2006 ein Institutsmitarbeiter starb, sind wir zur Einäscherung gegangen. Der Umgang mit dem Tod in Indien ist kalt, nüchtern und sachlich. Die in Deutschland üblichen Blumengestecke, der Sarg, der alles in Naturholz umrahmt und verdeckt, so etwas gibt es in Indien nicht. Wenn jemand in der Nacht stirbt, ist am Mittag die Einäscherung – und diese ist dann so traurig, wie man sich den Tod eben vorstellt. Diese Bestattungen in Indien werde ich nicht so schnell vergessen.

Was bewegt die Inder derzeit am meisten?

Das Thema Globalisierung. Momentan ist Indien sehr selbstbewusst, blickt nach vorne und hat den Eindruck in der ersten Liga mitzuspielen. Die Mittelschicht hat viele Möglichkeiten, sich zu entwickeln, und internationale Geschäfts- und Studienkontakte sind ganz selbstverständlich. Es gibt kaum eine Familie, in der nicht ein Onkel oder Neffe in den USA, Kanada oder Deutschland lebt, Geschäfte macht oder Freunde hat. Viele Inder beschäftigt allerdings auch die Schere, die sich in der Gesellschaft auftut. Denn auf dem Land ist die Entwicklung viel langsamer.

Was ist Kultur in Pune?

Institutsleiter Michael Flucht: „Meine Wahrnehmung von Indien war immer sehr positiv" (Foto: Goethe-Institut Pune)
Das sind die vielen Hochschulen. Pune gilt als das Oxford des Ostens. Die Zahl der Hochschulen ist nicht nur groß, sondern entwickelt sich auch sehr rasch. Dies gilt erfreulicherweise auch für Bereiche, die bisher wenig besetzt waren wie Design.

Wie wird in Pune das Deutschlandjahr begangen?

Die Auftaktveranstaltung wird ein Konzert der Deutschen Philharmonie Merck am 24. September sein. Im November werden wir dann 25 Jahre Kinder- und Jugendtheater Grips in Pune feiern. Pune ist die Stadt, in der das deutsche Jugendtheater sehr große Erfolge gefeiert hat und dann auch adaptiert wurde. Weiterhin wird es ein sehr interessantes Projekt mit dem Autor Lutz Hübner geben. Er wird zusammen mit einer indischen Autorin ein Stück schreiben, das dann in Pune aufgeführt wird.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?

Wenn ich daran denke, wie angenehm und schnell man sich in Deutschland fortbewegen kann, sei es mit der Bahn, den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Rad, dann freue ich mich darauf. Die Durchschnittsgeschwindigkeit, mit der man in Indien unterwegs ist, dürfte gerade einmal 30 Stundenkilometer betragen – das ist eine großzügige Schätzung und der Verkehr in den Städten wird sich sicherlich noch verschärfen. Pune ist eine ziemlich ebene Stadt, und man könnte sich wunderbar mit dem Fahrrad bewegen. Im Rahmen des Deutschlandjahres gibt es eine Kooperation mit Punes Partnerstadt Bremen. Bremen hat ein Straßenbahnprojekt für Pune vorgeschlagen.

Und worauf, wenn Sie wieder in Pune sind?

Auf den indischen Lebensrhythmus. Der Alltag scheint auf kleinem Raum bunter und spannender zu sein. Immer wenn ich in Deutschland ankomme, frage ich mich, ob ein Feiertag ist, weil so wenige Menschen auf der Straße sind. Der Weg von meiner Wohnung zum Institut ist relativ kurz, etwa 1,5 Kilometer und manchmal habe ich den Eindruck, dass auf dieser Strecke mehr passiert, als auf 500 Kilometer auf der Autobahn in Deutschland. Natürlich liegt das auch daran, dass sich das Leben in Indien mehr auf der Straße abspielt als in Deutschland. Man sieht Handwerker, Schuhmacher und Tempel, in denen Gläubige ihre Andacht halten.

Die Fragen stellte Aloña Elizalde

Michael Flucht, 59, studierte Germanistik und Politikwissenschaften an der FU Berlin. Als Sprachlehrer kam er 1977 an das Goethe-Institut Iserlohn und ging später nach Indonesien. Weitere Stationen waren Kiew und Addis Abeba, wo er Leiter der Spracharbeit war. Anschließend ging er als Referent für Sprachkurse nach New Delhi. Derzeit ist er Institutsleiter im westindischen Pune.
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