Claudia Marchegiani über Kopenhagen: „Bei acht Grad sitzen alle draußen“

Blick über die Kopenhagener Innenstadt: „Das große Thema ist die Wirtschaft“ (Foto: Claudia Marchegiani)
4. August 2011
Kopenhagen lädt zu einem der größten europäischen Jazz-Festivals und hat eine lebhafte alternative Kulturszene. Claudia Marchegiani erklärt, warum die dänische Hauptstadt mehr zu bieten hat als die Nähe zu Roskilde und sie ihren deutschen Freunden Hundsköpfe schenkt.
Was lieben die Kopenhagener über alles?
Wenn die Sonne rauskommt und man draußen ein Bier genießen kann. Die Kopenhagener strömen bereits nach draußen, auch wenn es noch kalt ist. Deshalb liegen überall in den Cafés Decken parat, damit man auch bei zwei Sonnenstrahlen und acht Grad seinen Caffellatte im Freien – und mit der Sonnenbrille auf – trinken kann.
Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Kopenhagen?
Es gibt mehrere, aber wenn ich nur einen nennen darf, dann wäre es Huset (Das Haus). Huset ist ein alternatives Kulturhaus mit einem kleinen Programmkino, mit dem das Goethe-Institut Dänemark seit Jahren eng zusammenarbeitet. Huset war das erste besetzte Haus in Kopenhagen und hat in den letzten paar Jahren so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Wilhelm Hein, Peter Sempel, Christoph Hein, Arne Bellstorf und Thomas Brussig zu Gast gehabt. Da es mehrere Bühnen gibt, kann man dort Filme zeigen, Jazz- und Rockkonzerte veranstalten oder auch Theater und literarische Veranstaltungen machen.
Welches kulturelle Highlight sollten Kopenhagen-Besucher auf keinen Fall verpassen?

Institutsmitarbeiterin Marchegiani: „Aus Deutschland bringe ich neue Anregungen und Brot mit“ (Foto: Stig Nørhald)
Welchem kulturellen Hochgenuss frönen die Kopenhagener besonders gern?
Es ist wahrscheinlich kein kultureller Hochgenuss, aber die Dänen lieben Hochzeiten und Taufen und dergleichen im Königshaus. Das bringt fast alle Dänen zusammen. Wobei in den letzten zehn Jahren die Berechtigung des Königshauses hin und wieder in Frage gestellt wird.
Über welches Thema wird in der dänischen Presse zurzeit am heftigsten gestritten?
Wir stehen kurz vor den Wahlen, und das große Thema ist die Wirtschaft. Die politischen Parteien streiten sich darüber, wie man am besten die finanzielle Zukunft von Dänemark sichert und wie man das hoch gelobte skandinavische Modell, das heißt unter anderem unsere soziale Sicherheit auch für die nächsten Generationen sichert. Wir zahlen sehr hohe Steuern in Dänemark, haben aber dafür auch viele Vorteile. Manche möchten sich eher privat und einzeln absichern und dafür weniger Steuer zahlen, während andere das bestehende Modell vorziehen, wo alle zur Gesellschaft beitragen, aber die größten Beiträge von den Reichsten kommen. Ein dänischer Spruch sagt, dass die stärksten Schultern die größten Lasten tragen. Dieser Spruch wird momentan von den bürgerlichen Parteien in Frage gestellt.
Welches dänische Buch sollten wir unbedingt kennen?
Ich kaufe meinen deutschen Freunden oft das Buch Hundsköpfe von Morten Ramsland, weil es so herrlich fantastisch erzählt ist und etwas Magisches an sich hat.
Welches deutsche Buch kennt man in Dänemark?
Natürlich kennt man hier die Bücher von Günter Grass und Siegfried Lenz. In der letzen Zeit ist Judith Hermann überall in den Zeitungen. Sie hat wirklich tolle Rezensionen bekommen und viele Interviews gegeben. Im Frühjahr war sie auch hier am Goethe-Institut.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?
Auf die Deutschen! Auf die deutschen Kollegen und Partner und auf die frischen Eindrücke, Impulse und Kontakte, die man dort bekommt. Obwohl Deutschland nur einen Katzensprung von Dänemark entfernt ist, bin ich viel zu selten dort. Neben neuen Anregungen bringe ich dann immer auch deutsches Brot mit zurück nach Kopenhagen.
Und worauf freuen Sie sich, wenn Sie wieder in Kopenhagen sind?
Darauf, meinen Kopf ein bisschen ruhen zu lassen, der dann voller Eindrücke und Anregungen ist.
Die Fragen stellte Sofie Menke
Claudia Marchegiani, 39, im dänischen Sonderburg als Tochter einer Dänin und eines Italieners geboren, studierte Germanistik und Italienisch in Aarhus und Freiburg. Nach ihrer Tätigkeit im Bereich Kommunikation und Information in einer Gemeinde und als internationale Projektkoordinatorin bei der dänischen Bahn, kam sie 2006 zum Goethe-Institut in Kopenhagen, wo sie die fachliche Leitung im Kulturprogramm hat.










