Erika Broschek über Istanbul: „Hier beginnen zwei Kontinente”

Der echte Bosporus, vom Boot aus gesehen (Foto: Jan Kopetzky)
5. Juli 2011
Istanbul ist eine intensive Stadt, sagt Erika Broschek, Leiterin der Spracharbeit am örtlichen Goethe-Institut. Im Interview räumt sie mit dem Vorurteil auf, dass die türkische Metropole nicht Europa sei. Und macht dem Bosporus eine Liebeserklärung.
Was bewegt die Istanbuler derzeit am meisten?
Immer noch die Wahl vom 12. Juni. Ministerpräsident Erdogan hat nicht die von ihm erhoffte Zwei-Drittel-Mehrheit bekommen. Deswegen bleibt die Frage nach der Verfassungsänderung und möglichen Allianzen mit anderen Parteien weiter spannend. Genauso wie Erdogans Idee, einen zweiten, künstlichen Bosporus zu schaffen. Im Wahlkampf hat er als Ziel für die Umsetzung das Jahr 2023 anvisiert und man fragt sich, ob er bis dahin regieren will.
Was war Ihr größter Kulturschock, als Sie nach Istanbul gekommen sind?
Die vielen Menschen. Es gibt eine große Einkaufsstraße, die Istiklal. Wenn man auf diese Straße zugeht, sieht man nur einen riesigen Teppich aus Köpfen, die sich bewegen. Sie ist so brechend voll, das habe ich vorher noch nie erlebt.
Welches Vorurteil über die Istanbuler sollten wir ganz schnell wieder vergessen?
Dass Istanbul nicht Europa ist. Natürlich gibt es ein paar Ecken, die eher an den Orient erinnern, aber Istanbul ist sehr modern. Mein Sohn hat mich besucht und wir sind gemeinsam durch die Istiklal gelaufen. Da fragte er mich, wo denn hier die ganzen Türken seien.
Welche Frage über Deutschland hören Sie in der Türkei besonders oft?
Die Menschen fragen nicht so viel. Sie wissen entweder schon viel, weil sie Verwandte in Deutschland haben oder sie kennen sich aus, weil sie selbst bereits in Deutschland waren. Sie kommentieren Fußballvereine, sie sagen ganz schnell, dass sie Deutschland ganz toll finden – aber typische Fragen gibt es keine.
Wo ist Istanbul am schönsten?
Auf den Prinzeninseln. Das sind mehrere kleine Inseln im Marmarameer, auf denen es keine Autos gibt. Man kann Pferdekutsche fahren oder zu Fuß gehen. Dort gibt es viele alte Holzhäuser, die jetzt wieder schön restauriert werden. Diese Inseln sind eine kleine Flucht aus dem Alltag, die einen vergessen lässt, dass in unmittelbarer Nachbarschaft fast 17 Millionen Menschen leben.
Was lieben die Istanbuler über alles?
Essen. Zu jeder Tageszeit gibt es jede Art von Essen. Der kleine Snack, das große Essen, ein Picknick – das, was wir aus dem Berliner Tiergarten kennen, gibt es in Istanbul überall, wo eine Grünfläche ist. Sobald das Wetter schön ist, sind die Menschen draußen und grillen.
Und was machen Ihre Türkischkenntnisse?
Denen geht es leider gar nicht gut. Das hängt vor allem damit zusammen, dass ich mich so intensiv um die Vorintegrationskurse gekümmert habe. Darüber ist meine eigene Integration leider den Bach runtergegangen.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?
Auf das viele Grün. Auf das Fahrradfahren. Darauf, dass mich jeder versteht. Istanbul ist eine sehr intensive Stadt – und Gott sei Dank kann ich von meinem Fenster aus aufs Wasser schauen. Aber das Grün fehlt mir doch sehr in Istanbul.
Und wenn Sie wieder zurück nach Istanbul fahren, worauf freuen Sie sich da?
Auf den Bosporus, den echten. Er ist in vieler Hinsicht unglaublich. Geografisch, weil man den Schiffsverkehr zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer beobachten kann, weil er Europa und Asien trennt. Oder wie der Bürgermeister von Istanbul so schön sagt: „In Istanbul beginnen zwei Kontinente.” Und auf die Architektur. Man lebt zwar in modernen Häusern, aber man hat ständig die Hagia Sophia vor Augen. Die ist so prominent, dass man sie immer mit sieht. Es ist diese ständig gefühlte Geschichte, die die Stadt so lebenswert macht.
Die Fragen stellte Anne-Kathrin Lange
Erika Broschek, 58, ist seit 2007 stellvertretende Institutsleiterin und Leiterin der Spracharbeit in Istanbul. Sie ist bereits seit 1980 am Goethe-Institut, erst als Sprachlehrerin in Berlin, später New York und Athen. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit sind die Vorintegrationskurse, die die sprachliche Integration von Zuwanderern in Deutschland erleichtern sollen.











