Sebastian Huber über Mexiko-Stadt: "Ich freue mich auf das Chaos"

Wasserspiele in Mexiko-Stadt (Foto: Sebastian Huber)
7. September 2011
Das Image von Mexiko-Stadt ist geprägt von Kultur und Lebensfreude, aber auch von Drogenkrieg und Korruption. Dass es aber noch ganz andere Facetten gibt, erzählt Sebastian Huber, Mitarbeiter am Goethe-Institut in Mexiko. Im Interview spricht er über Deutsche Filmwochen, mexikanische Spontaneität und das Labyrinth der Einsamkeit.
Was können wir von den Mexikanern lernen?
Was mich sehr beeindruckt ist die allgemeine Gelassenheit im Alltag und bei der Planung von Kulturveranstaltungen. Auch von der Spontaneität der Mexikaner kann man einiges lernen. Wir Deutschen wollen meist alles bis ins kleinste Detail planen. In Mexiko wird oft intuitiv darauf vertraut, dass etwas klappen wird. Zum Beispiel hatten wir eine Veranstaltung im größten Konzertsaal von Mexiko-Stadt mit der Vorführung des Stummfilmklassikers Metropolis, der vom Symphonieorchester begleitet wurde. Das Orchester hat drei Tage vor der Veranstaltung mit den Proben angefangen. Da kann man schon nervös werden, aber es ist wirklich eine großartige Veranstaltung geworden.
Was war Ihr größter Kulturschock?
Die weit geöffnete Schere zwischen Arm und Reich. Der reichste Mensch der Welt wohnt in Mexiko – aber es leben auch unglaublich viele arme Menschen hier. Der Großteil der Bevölkerung ist arbeitslos. Das führt dazu, dass überall auf den Straßen Waren verkauft werden. Die Leute arbeiten in der Metro und bieten DVDs an, und überall wird Essen verkauft, das kann natürlich eine große Lärm- und Geruchsverschmutzung mit sich bringen.
Fotostrecke: Die Kulturmetropole Mexiko-Stadt
Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Mexiko-Stadt?
Ich finde Mexiko-Stadt am schönsten von oben. Es gibt verschiedene Orte, von denen aus man einen Eindruck der gewaltigen Größe der Stadt bekommen kann, wie zum Beispiel auf den verschiedenen Hochhäusern oder in den Bergen um die Stadt herum. Es ist fast schon meditativ von oben auf diese Stadtmasse herunterzuschauen, wo man sich sonst im Alltag durch die Straßen schiebt.
Was bewegt die Mexikaner derzeit am meisten?
Der Drogenkrieg. Mexiko hat in den letzten Jahren eine sehr negative Entwicklung eingeschlagen. Der Staat hat immer weniger Kontrolle über das eigene Land und die Bevölkerung hat kein Vertrauen mehr in den Staat. Das zeichnet sich durch Korruption im Alltag aus, aber auch auf höherer politischer Ebene. Es ist eine Art Ohnmacht der Zivilbevölkerung eingetreten. Es gibt aber auch positive Zeichen: Vor kurzem gab es einen Friedensmarsch, der von Cuernavaca, einem Vorort, bis zum Hauptplatz von Mexiko-Stadt ging. Jeden Tag haben sich mehr Leute und Organisationen angeschlossen und in Mexiko-Stadt war es dann eine riesige Menschenmasse, die für mehr Sicherheit demonstriert hat und so mehr Bewusstsein in der Bevölkerung geschaffen hat.
Was ist Kultur in Mexiko?
Kultur ist etwas, das auf allen Ebenen zu finden ist. Die präkolumbianische Kultur ist überall präsent, aber auch die Spuren der Kolonisation der Spanier. Im ganzen Land kann man die Pyramiden der Mayas, Azteken und anderer präkolumbianischer Völker besichtigen. Auch das Essen, das zum Teil auf die präkolumbianische Kultur zurückgeht, ist hier ein wichtiger Teil der Kultur. Mexiko-Stadt ist eine Kulturmetropole. Im Bereich der Hochkultur gibt es mit die wichtigsten Museen, Cinematheken und Kulturfestivals in ganz Lateinamerika. Es gibt Aztekengruppen, die auf dem Hauptplatz – meist allerdings für Touristen – ihre Tänze aufführen. Auf dem „Platz der drei Kulturen“ wird diese mexikanische Stil- und Epochenmischung besonders deutlich. Dort sieht man Aztekenpyramiden, auf die die Spanier ihre Kirche gebaut haben. Und außen herum entstand in den Sechziger-, Siebzigerjahren dann das moderne Mexiko mit den Plattenbauten des Verwaltungsapparats.
Welches mexikanische Buch sollten wir unbedingt kennen?
Das Labyrinth der Einsamkeit von Octavio Paz. Um Mexiko zu verstehen, sollte man dieses Buch gelesen haben. Es handelt von Identität und dem mexikanischen Schmelztiegel aus Epochen, Stilrichtungen und Gesellschaftschichten. Das Buch bietet einen tiefen Einblick in die mexikanische Seele.
Was wäre Ihr Traumprojekt?
Wenn ich vor einem Jahr gefragt worden wäre, hätte ich gesagt, eine deutsche Filmwoche in Mexiko zu etablieren. Nun ist das Projekt gerade vorbei und war ein großer Erfolg. Die Tickets waren eine Woche vorher ausverkauft und wurden dann sogar nur noch auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Wir haben es geschafft die deutsche Filmwoche nicht nur als eine punktuelle Veranstaltung zu etablieren, sondern auch verschiedene mexikanische Verleiher mit ins Boot zu holen. Nun können wir mit der deutschen Filmwoche durch das ganze Land reisen. Das ist wirklich ein Traumprojekt und ein neues muss ich mir jetzt erst mal überlegen.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?
Ich freue mich immer sehr über die Ruhe in Deutschland. Die Ordnung der Dinge, die Verlässlichkeit der Institutionen, auf die saubere Luft und die Möglichkeit in kurzer Zeit aus der Stadt raus, an einen See oder in den Wald zu fahren.
Und worauf, wenn Sie wieder in Mexiko sind?
Dann genau umgekehrt, dann freue ich mich auf das Chaos und die Lebensfreude, auf dieses überquirlende Leben, auf diese surrealen Momente in Mexiko-Stadt, die ein Überangebot an Eindrücken und Kultur bereit hält.
Die Fragen stellte Aloña Elizalde
Sebastian Huber, 32, studierte Kulturwissenschaften, Medienwissenschaft und Hispanistik in Leipzig. Bevor er in der Programmabteilung des Goethe-Instituts in Mexiko-Stadt anfing, arbeitete er bei verschiedenen Filmfestivals, bei der Berliner Kultur GmbH und an einem soziokulturellen Stadtteilprojekt in Cuba mit. Seit 2007 ist er im Goethe-Institut der Leiter des örtlichen Filmarchivs und für die Veranstaltungen im Bereich Film und Medienkunst zuständig.











