Neun Fragen an ...

Peter Zygowski über San Francisco: „Die Schüler bedanken sich“

Copyright: Stefan Sipl
Die Golden Gate Bridge ist das Wahrzeichen von San Francisco und bildet das Eingangstor zum Norden der Stadt. (Foto: Stefan Sipl)

8. November 2011

Seit 25 Jahren ist San Francisco die Heimat von Goethe-Mitarbeiter Peter Zygowski. Im Interview spricht der Deutschlehrer über kalifornische Gelassenheit, deutschen Fußball und das große Loma-Prieta-Erdbeben von 1989.

Was bewegt die Kalifornier derzeit am meisten?

Wie im ganzen Land sind es hauptsächlich die Finanzkrise, die Arbeitslosigkeit, und – je nach politischer Einstellung – die Kritik an US-Präsident Barack Obama, die die Menschen beschäftigen. Überraschenderweise ist der Afghanistan-Krieg kaum ein Thema.

Was können wir von den Kaliforniern lernen?

Auf jeden Fall die Lockerheit im täglichen Leben. Aber auch die Wertschätzung von Dienstleistungen. Als Lehrer erlebe ich das selbst: Lehren wird hier wortwörtlich als Dienst-Leistung angesehen. Die Schüler kommen nach dem Unterricht auf mich zu und bedanken sich für meinen Unterricht.

Wo ist San Francisco am schönsten?

Dafür muss man sich vom Goethe-Institut entfernen. Das Institut liegt sehr zentral am Rande von Finanzdistrikt und China Town. Wir sind umgeben von Touristen und recht wohlhabenden Leuten. Aber wenn man schon so lange hier ist wie ich, wird das auf Dauer langweilig. Deshalb zieht es einen in die Neighborhoods, in die einzelnen Stadtteile, wo das Leben ein wenig vielfältiger ist. Beispiele sind der Mission District, der hispanische Distrikt oder das wahre China Town, der Richmond District, der nicht von Touristen überlaufen ist. Und nicht zu vergessen: der Strand.

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Fotostrecke: Faszination San Francisco


Was möchten Sie in San Francisco unbedingt noch erleben?

Diese Frage möchte ich eher umkehren: Was will ich auf keinen Fall mehr erleben? Ein weiteres Erdbeben. Im Jahr 1989 habe ich vollkommen unvorbereitet eines erlebt. Diese Erfahrung steckt einem noch Jahre später in den Knochen und es braucht lange, um sie zu verarbeiten. Im Prinzip rechnet man jeden Moment mit einem weiteren großen Erdbeben – und sollte das eintreffen, möchte ich nicht unbedingt in der Stadt, der U-Bahn oder im Goethe-Institut sein.

Welche Frage über Deutschland hören Sie besonders oft?

Peter Zygowski: „Es ist schön, von der virtuellen Welt in die reale zu wechseln" (Foto: Gundolf Pfotenhauer)
Das kommt darauf an, mit welcher Zielgruppe man spricht. Von Jugendlichen werde ich häufig gefragt, ob es stimmt, dass man auf deutschen Autobahnen rasen kann und es keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt. Spricht man mit African-Americans, dann kommt nach wie vor die Frage, ob es für sie im Osten Deutschlands sicher ist und ob sie zum Beispiel einen Deutschkurs in Dresden besuchen können. Bei allen ist aber auch das Interesse am Oktoberfest ungebrochen.

Was ist Kultur in San Francisco?

Da wäre zum einen die Opernsaison, die am 15. September beginnt und während der die gesamte High-Society von San Francisco auf den Beinen ist. Interessanter sind aber die verschiedenen Filmfestivals, besonders das Internationale Filmfestival oder das Jazz-Festival. Aber auch außerhalb von San Francisco gibt es ein vielfältiges kulturelles Treiben – etwa in Oakland, wo sich noch eine Form von Grass-Roots-Kultur gehalten hat. Dort empfiehlt sich ein Besuch von kleineren Clubs und Theatern, die ein bisschen mehr Avantgarde-Charakter haben als die großen Locations und auch erschwinglicher sind.

Was wäre Ihr Traumprojekt?

Im Prinzip arbeite ich derzeit an meinem Traumprojekt. Wir haben sehr viel mit amerikanischen Jugendlichen zu tun und versuchen sie für Deutschland und die deutsche Sprache zu begeistern. Dabei stützen wir uns stark auf Themenbereiche, die Jugendliche interessieren, also zum Beispiel Musik und Sport, speziell auch Fußball. Wir haben die Website Step into German entwickelt, auf der diese Themen gebündelt dargestellt werden, mithilfe von Musikvideos oder kurzen Videoclips. Und es ist immer sehr schön, diese virtuelle Welt zu verlassen und in die reale Welt wechseln zu können. Momentan haben wir Madsen im Land, eine Band aus dem Wendland, die für das Goethe-Institut auf Tournee geht, und sie wird von den amerikanischen Jugendlichen phänomenal angenommen: Die Auditorien sind ausverkauft, die Band ist super und die Kids rocken.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?

Am meisten freue ich mich auf den Besuch eines Bundesliga-Spiels in Dortmund. Ich bin fußballbegeistert und habe auch hier in den USA viel mit Fußball zu tun. Doch auch wenn der Fußball in den USA wirklich blüht, ist die Atmosphäre in einem deutschen Stadion – besonders in Dortmund – etwas ganz anderes als in einem amerikanischen Stadion.

Und worauf, wenn Sie wieder in San Francisco sind?

Ich freue mich auf den Alltag, vor allem auf das Einkaufen, was hier angenehmer ist, weil Verkäufer und Kunden einfach freundlicher sind. Und ich freue mich auf die Verschiedenheit der Gesichter, wenn ich in die Stadt fahre. Es gibt hier eine wunderbare Mischung von Leuten und Gesichtern.

Die Fragen stellte Jasmin Bühler

Seit 1984 ist Peter Zygowski, 55, am Goethe-Institut San Francisco. Er arbeitete zunächst als Honorarlehrer, später als Vertragslehrer und ist heute verstärkt im Bereich der Pädagogischen Verbindungsarbeit und der Bildungskooperation Deutsch tätig. Eines seiner Lieblingsprojekte war die Transatlantic Soccer Bridge, ein Fußballturnier, in dem Deutschschülerinnen und Deutschschüler den amerikanischen Meister ermittelten. Peter Zygowski lebt mit seiner Familie in Berkeley, unweit von San Francisco.
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