Heidrun Rottke über Dublin: „Plötzlich stand der Premier vor der Tür“
Filmreif: Der Leuchtturm von Howth im Norden der Dublin Bay lotste schon manchen Hollywood-Regisseur an Land (Foto: Ciarán Fitzpatrick)
9. Dezember 2011
Einsamer Inselmensch? Gewiss nicht der Ire! Er frönt den Festen und liebt die Geselligkeit. Heidrun Rottke vom Goethe-Institut in Dublin über Pubs, irischen Humor und unerwartete Besuche.
Was können wir von den Dublinern lernen?
Rottke: Sie verlieren nie ihren Humor und können auch in schwierigen Situationen lachen. Das gilt nicht nur für die Dubliner, sondern für die Iren überhaupt. Sie haben eine grundsätzliche Gelassenheit und leben nach dem Motto „It will all fall into place“, also „Am Ende wird es sich schon richten“. Und meistens stimmt es auch.
Was bewegt die Dubliner derzeit am meisten?
Das, was derzeit ganz Europa bewegt: die Finanzkrise. Irland steht unter dem Eurorettungsschirm. Damit ist es finanzpolitisch abhängiger von der EU und dem IWF als andere Länder. Das macht die Iren nicht unbedingt glücklich, aber sie kommen grundsätzlich gut mit der Situation zurecht. Auf der einen Seite haben sie Angst, einen Teil ihrer Souveränität zu verlieren – einen unabhängigen irischen Staat gibt es ja erst seit 90 Jahren. Auf der anderen Seite fühlen sie sich Europa sehr verbunden.
Warum lernen Iren Deutsch?
Hauptsächlich lernen sie Deutsch, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Zum einen sehen sie darin die Möglichkeit, sich in Deutschland bewerben zu können. Zum anderen haben sie bessere Aussichten, in ihrem Land eine Stelle zu finden. Trotz der hohen Arbeitslosigkeit gibt es hier Firmen, die Vakanzen haben, weil den Bewerbern die Fremdsprachenkenntnisse fehlen.
Und was machen Ihre Irischkenntnisse?
Die sind so gut wie nicht existent. Die Alltagssprache in Irland ist Englisch, obwohl Irisch die erste Amtssprache ist. Trotzdem ist die Existenz der irischen Sprache aufgrund der Geschichte des Landes ein wichtiger Bestandteil der irischen Identität. Jedes staatliche Dokument, jedes Straßenschild ist zweisprachig. Jedes Kind lernt von der ersten bis zur letzten Klasse Irisch als Pflichtfach in der Schule. Seit 2007 ist Irisch auch offizielle Sprache der EU. Tatsächlich gesprochen wird Irisch jedoch nur in einigen Gegenden an der Westküste, aber auch hier können die Menschen Englisch. Außerhalb dieser Regionen haben Iren oft nur Grundkenntnisse in Irisch. Deshalb gibt es verschiedene Einrichtungen zur Förderung der irischen Sprache – zum Beispiel einen irischen Fernsehsender, bei dem allerdings mit englischen Untertiteln gesendet wird, oder eine Reihe von irischsprachigen Schulen, sogenannten All Irish Schools.
Was lieben die Dubliner über alles?

Heidrun Rottke: „Zur Culture Night ist ganz Dublin auf den Beinen“ (Foto: Ciarán Fitzpatrick)
Was ist Kultur in Dublin?
Der Dubliner Kulturkalender hat viel zu bieten. Es gibt eine große Livemusik-Szene. Man geht abends gern zu sogenannten Gigs – Konzerten in einem Saal mit Bühne oder eben in einem Pub. Daneben besitzt Irland eine große literarische Tradition. Das Land hat drei Literatur-Nobelpreisträger hervorgebracht. Außerdem gibt es jede Menge Festivals. Einmal im Jahr ist Culture Night, ein Abend, an dem alle Kunst- und Kulturorganisationen bis spät abends geöffnet sind. Dann ist ganz Dublin auf den Beinen. Im September dieses Jahres wurde in Dublin der irisch-deutsche Kurzfilm Rhinos gedreht. Die Vorpremiere zeigten wir bei der 50-Jahr-Feier des Goethe-Instituts in Dublin im Oktober 2011. Es ist eine Kooperation des irischen Regisseurs Shimmy Marcus und der deutsch-türkischen Schauspielerin Aylin Tezel; die beiden haben sich im letzten Jahr bei den Hofer Filmtagen kennengelernt. So eine Zusammenarbeit unterstützen wir natürlich immer gern.
Welche Erfahrung werden Sie nie vergessen?
Als ich hierher kam, war ich manchmal über die sehr persönliche Art der Iren erstaunt. So hat zum Beispiel einmal der damalige irische Premierminister vor der Wahl bei uns zu Hause an der Tür geklingelt und gefragt, ob er etwas für uns tun könne.
Welches irische Buch sollten wir unbedingt kennen?
Es gibt einen irisch-deutschen Autor, der in einem Vorort von Dublin aufgewachsen ist: Hugo Hamilton. Zu Hause durfte er nur Deutsch oder Irisch sprechen, nicht aber Englisch, weil sein Vater Englisch als Sprache der ehemaligen Kolonialmacht strikt ablehnte. In seinen Büchern, die Hugo Hamilton auf Englisch schreibt, erzählt er von seinem Irisch- und seinem Deutschsein. Voller Humor bringt er auf den Punkt, was die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede sind. Am eindrucksvollsten kommt es in seiner Autobiografie Gescheckte Menschen zum Ausdruck.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn sie nach Deutschland kommen?
Auf kalte Winter mit Schnee und Sonne oder warme Sommernächte freue ich mich am meisten. Lustigerweise gibt es die dann meistens nicht. Bevor ich nach Irland gezogen bin, hätte ich nicht gedacht, dass ich mal denken könnte, das Wetter in Deutschland sei etwas Besonderes. Jetzt denke ich es.
Die Fragen stellte Daniela Gollob
Heidrun Rottke, 47, studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Bonn und Zürich. Vor 16 Jahren brachte sie die Liebe nach Irland. Ans Goethe-Institut in Dublin führten sie 1997 ihre beiden Leidenschaften: deutsche Kultur in irischer Szene. Täglich verbindet sie beides im Kulturprogramm Film und Neue Medien sowie bei der Betreuung der irischen Projekte von EUNIC, der Vereinigung der europäischen Kulturinstitute.










