Rita Soares über Luanda: „Zu laut, zu voll, zu viel“
Wellblech und Hochhäuser: Angolas Hauptstadt Luanda (Foto: Marco Rohrbacher)
4. Januar 2012
Öl- und Diamantenvorkommen in der Region haben Angolas Hauptstadt Luanda zu einer boomenden Wirtschaftsmetropole gemacht. Die Bewohner entfliehen dem Baustellenlärm am Wochenende in die beschaulicheren Außenbezirke. Rita Soares berichtet über das Leben in der teuersten Stadt der Welt.
Was bewegt die Luander derzeit am meisten?
Soares: Die Baustellen. Wir erleben im Moment hier einen Bauboom – wo gestern noch überhaupt nichts war, steht am nächsten Tag schon ein neues Hochhaus. Dafür verschwindet immer mehr das Grün, von dem es in Angola leider sowieso nicht so viel gibt.
Was lieben die Luander über alles?
Musik. Jedes Wochenende hört man überall, in Häusern, Diskotheken und auf der Straße laute Musik. Angolaner tanzen auch gerne – Musik und Tanz gehören für uns zusammen. Wir haben den Kizomba, einen Paartanz, so ähnlich wie Lambada. Und sehr angesagt ist im Moment Kuduro. Übersetzt heißt das „harter Po“ und dementsprechend sieht der Tanz auch aus: Man bewegt sich so als wäre man ein Roboter, mit abgehakten Bewegungen, aber trotzdem gibt es da einen eigenen Swing. Der Tanz verbreitet sich hier wie ein Virus – egal aus welcher sozialen Schicht, vom Straßenjungen zum Minister, alle lieben Kuduro.
Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Luanda?
Das Haus von meiner Mutter im Stadtteil Benfica, im Süden von Luanda. Da ist es wunderschön ruhig, wie im Dorf. Luanda wurde ursprünglich für eine knappe Million Einwohner gebaut und im Moment haben wir hier zwischen sechs und sieben Millionen Einwohner. Die Stadt ist einfach zu laut, zu voll, es gibt zu viele Menschen, zu viele Autos, zu viel Müll, zu viel Lärm. Wenn man wie meine Mutter außerhalb vom Stadtzentrum wohnt und einen Garten hat, ist es so schön, abends nach Hause zu kommen. Diesen Frieden, diese Ruhe, die finde ich toll.

Naturliebhaberin Soares: „Im Grünen blühen wir Angolaner auf“ (Foto: privat)
Auf jeden Fall sollte man nicht in der Stadt bleiben, sondern auch das, was außerhalb der Stadt liegt, kennenlernen, weil Luanda nur ein kleiner Bruchteil von Angola ist. Die wirklichen Schönheiten von Angola sieht man, wenn man in die Provinzen fährt, etwa nach Benguela, Huambo. Das Schönste ist die Strecke dorthin. Man sollte auf jeden Fall mit dem Auto fahren, um etwas davon zu sehen. Leider gibt es Leute, die in Luanda geboren sind und keine einzige Provinz kennen.
Wer kommt zu Ihnen ins Goethe-Institut?
Besonders junge Menschen – junge, kreative Menschen. Die kommen zu uns, weil sie durch uns oder mit uns neue Möglichkeiten haben, ihre Kreativität auszuleben. Die sehen bei uns eine Chance, die sie bisher noch nicht hatten.
Warum lernen Angolaner Deutsch?
Wir haben seit einem Jahr unseren ersten Deutschkurs hier im Haus, vorher hat die deutsche Botschaft Deutschkurse durchgeführt. Unsere Kursteilnehmer kann man in zwei Gruppen teilen: einerseits sehr junge Leute, die in Deutschland studieren wollen, und andererseits Menschen im Alter von 30 bis 55, die in Deutschland einen Lebenspartner haben. Sie lernen hier Deutsch, weil es ja seit einigen Jahren das Gesetzt zum Ehegattennachzug gibt, nach dem man Grundkenntnisse in Deutsch nachweisen muss, wenn man seinem Partner nach Deutschland folgen will.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?
Auf die Natur, zum Beispiel im Herbst, wenn die Blätter fallen. Und ich liebe es, ins Grüne zu fahren. Obwohl man dafür aber eigentlich nicht unbedingt nach Deutschland fliegen muss – es reicht schon, nach Namibia oder Südafrika zu fahren. Viele Angolaner haben dieses Bedürfnis nach Grün, wir blühen dann so richtig auf.
Welches deutsche Buch kennt man in Luanda?
Ein konkretes Buch kennen die meisten nicht. Aber wenn ich sage, dass ich für das Goethe-Institut arbeite, weiß jeder, dass das nach dem berühmten deutschen Dichter benannt ist.
Welches angolanische Buch sollten wir unbedingt kennen?
Alle Bücher von Pepetela, dem erfolgreichsten angolanischen Schriftsteller. Erst vor einigen Wochen hat er einen neuen Roman veröffentlicht.
Die Fragen stellte Sabine Willig
Rita Soares, 33, lebte in ihrer Kindheit und als junge Erwachsene in Deutschland. Nach dem Abitur ging sie zurück nach Luanda, wo sie bei der Deutschen Botschaft arbeitete. Derzeit macht sie einen Master in Projektmanagement. Am 2009 neu gegründeten Goethe-Institut Angola ist sie für das Kulturprogramm zuständig.
Angola im Aufbruch: Reportagen, Hintergründe und Interviews zum Thema finden Sie in der neuen Ausgabe des Goethe-Magazins (zum PDF). Titel: Luanda leuchtet!










