Neun Fragen an ...

Ilona Goyeneche über Santiago: „Die Chilenen rappeln sich immer wieder auf“

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Blick in eine Seitenstraße - Santiago de Chile (Foto: iStock)

7. Februar 2012

Chile ist ein Land der Extreme: im Süden Eisberge, im Norden die wohl trockenste Wüste der Welt. Und mittendrin: Santiago. Ein Ort, an dem viel Neues entsteht, wie Ilona Goyeneche vom dortigen Goethe-Institut erzählt.

Was können wir von den Menschen in Santiago lernen?

Die Chilenen sind sehr begeisterungsfähig und haben eine tiefe Verbundenheit zu ihrer Heimat. Und sie sind sehr stark im Nehmen. Denken Sie daran, wie oft das Land von Katastrophen heimgesucht wird: Erdbeben, Vulkanausbrüche, das Minenunglück der Bergbauarbeiter im Norden – die Chilenen rappeln sich immer wieder auf. Von diesem Mut, dieser Kraft und Energie kann man sich etwas abgucken.

Was ist Ihr Lieblingsort in Santiago?

Mein ganz persönlicher Lieblingsort ist der Stadtteil Providencia, in dem ich lebe. Der Grund dafür ist, dass sich hier so langsam ein Kiez entwickelt. Immer mehr junge Menschen ziehen hier her, Cafés werden eröffnet, man kennt sich, und es entsteht eine Fahrradkultur – etwas völlig Neues in Santiago.

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Santiago nach einem Regentag (Foto: Ignacio Muñoz)

Was bewegt die Menschen in Santiago derzeit am meisten?

Sämtliche öffentliche Institutionen verlieren immer mehr an Glaubwürdigkeit – die Regierung und sogar die Kirche. Der Bürger kann sich nicht mehr damit identifizieren und nimmt eine neue Rolle an: Die Chilenen von heute stellen Anforderungen und wehren sich gegen die Missstände. Die Bürgerbeteiligung ist ganz stark im Kommen. Aktuelle Themen sind zum Beispiel Umwelt und vor allem Bildung. Und dann gibt es natürlich die Studentenbewegung, die sich in den letzten Jahren gebildet hat. Letztes Jahr waren mehrere Schulen geschlossen. Bildung in Chile ist sehr teuer und leider oft auch von geringer Qualität. Das lassen sich die Chilenen nicht mehr so einfach gefallen.

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Theaterliebhaberin Goyeneche: „Ich bringe es fertig, nach einem 18-Stunden-Flug direkt ins Theater zu gehen“ (Foto: Barbara San Martin)
Welche Frage über Deutschland hört man besonders oft?

Ich werde immer wieder gefragt, ob die Deutschen wirklich so kleinkariert sind, wie sie wirken. Hier bei uns gibt es einen Ausdruck, der heißt cuadrado. Wenn man das wörtlich übersetzt, bedeutet das quadratisch. Die Leute fragen mich, ob die Deutschen denn wirklich so steif, kleinkariert und korrekt sind. Was das Planerische und die Pünktlichkeit betrifft, gibt es wirklich einen sehr großen Unterschied zwischen Deutschen und Chilenen. Aber ich antworte dann immer, dass sie die Deutschen mal näher kennenlernen sollten, dann würden sie schon feststellen, dass es nicht so ist.



Was möchten Sie in Santiago unbedingt noch erleben?

Santiago und Chile erleben in letzter Zeit einen Boom an neuen Kultureinrichtungen. Was ich sehr gerne erleben möchte, ist, dass die kulturellen Veranstaltungen und Highlights besser über das ganze Jahr verteilt werden. Kultur findet hier sehr geballt statt, das meiste läuft im Januar. Außerdem wünsche ich mir mehr Unterstützung von privaten Unternehmen und vom Staat.

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Der Süden Chiles: Die Torres del Paine (Foto: Reinhard Maiworm)

Warum lernen Chilenen Deutsch?

Meistens kommen Chilenen, die in Deutschland studieren möchten, zu uns ins Goethe-Institut. Dann gibt es immer wieder Schüler, die Deutsch für ihre Arbeit oder den Alltag lernen möchten. In letzter Zeit haben aber auch zunehmend Künstler, Theatermacher, Festivalleiter und Kulturvermittler Interesse daran, Deutsch zu lernen. Sie haben das Gefühl, die Sprache für ihre Arbeit und den unmittelbaren Austausch nutzen zu können. Um die Stücke besser umzusetzen und um die deutsche Kultur, mit der sie konfrontiert werden, besser begreifen zu können.

Welches kulturelle Highlight sollten Santiago-Besucher auf keinen Fall verpassen?

Das kulturelle Highlight in Santiago ist das Festival Internacional Santiago a Mil (Internationales Theaterfestival Santiago), das seit 1993 immer im Januar stattfindet. Es zeigt nicht nur Theater, sondern auch Tanz. Das Goethe-Institut ist aktiv daran beteiligt: Wir hatten unter anderem Constanza Macras, Sasha Waltz und Pina Bausch zu Gast. Auch die Sparte Musik wird immer weiter ausgebaut. Die kulturelle Szene Santiagos wurde durch dieses Festival sehr geprägt. Parallel laufen zurzeit auch die Videobiennale und zwei große Filmfestivals.

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Die Atacama im Norden Chiles – die trockenste Wüste der Welt (Foto: Reinhard Maiworm)

Welches chilenische Buch sollten wir kennen?

Die Werke von Nicanor Parra sollte man unbedingt kennen. Er ist ein chilenischer Lyriker und Künstler mit einem unglaublich schwarzen Humor. Er schreibt nicht nur, sondern arbeitet auch mit Zeichnungen und kleineren Installationen. 2011 hat er den Cervantespreis erhalten und wurde auch schon mehrmals für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Er ist zurzeit der Künstler, der das Chilenische am besten widerspiegelt. Einige Bücher liegen auch in englischer Übersetzung vor.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?

Auf Theater und Tanz. Ich bringe es tatsächlich fertig, nach einem 18-Stunden-Flug direkt ins Theater zu gehen und mir ein vierstündiges Stück anzuschauen.

Die Fragen stellte Patrizia Barba

Ilona Goyeneche, 35, in Chile geboren, hat eine österreichische Mutter und einen chilenischen Vater deutscher Herkunft. Sie studierte Journalismus und Kulturmanagement und hat vor ihrer Zeit im Goethe-Institut für lokale Tageszeitungen und Onlineredaktionen gearbeitet. Sie ist seit 2008 im Goethe-Institut Santiago tätig und dort für den Bereich Theater und Tanz, Ausstellungen sowie die Presse und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
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