Nadine Müseler über Rabat: „Das Café Weimar – der hippste Ort der Stadt“

Straßenkünstler sind beliebt in Rabat (Foto: Goethe-Institut Marokko)
8. März 2012
Die Begeisterung für Straßentheater ist groß – die Analphabetenrate auch. Marokko ist ein schwieriges Pflaster für Kulturschaffende. Und doch entsteht in Rabat gerade eine junge, lebendige und kritische Kulturszene. Nadine Müseler, Mitarbeiterin am Goethe-Institut, über Kunst und Alltag in Marokko.
Wo ist Rabat am schönsten?
Müseler: Ein wahrer Genuss fürs Auge sind die Gebäude im Stil des Art Déco und des Bauhauses. Aber auch die Orte aus dem Mittelalter wie die Medina von Rabat und der Kasbah des Oudaias sind toll. Sie liegen direkt am Meer und gegenüber der ehemaligen Piratenstadt Salé. Schön ist außerdem die ehemalige römische Siedlung außerhalb der Stadtmauern, Chellah.
Enge Gassen in der Altstadt Rabats (Foto: istock)
Welchem kulturellen Hochgenuss frönen die Rabater besonders?
Die junge Szene Rabats hat seit zwei Jahren „Dabatheatr“ für sich entdeckt. Diese multidisziplinäre Gruppe von Theater-, Tanz-, Filmkünstlern und Bloggern setzt sich kritisch mit dem Zeitgeschehen in Nordafrika auseinander. Jeden Monat findet eine Veranstaltung statt. Der Zulauf ist so stark, dass sich der Saal an manchen Abenden zweimal hintereinander füllt. Am stärksten besucht werden allerdings die klassischen Konzerte im Theater Mohamed V. Aber natürlich frönt diesem Genuss hauptsächlich die gehobene Mittelschicht. Kultur als Hochgenuss zu vermitteln ist eine Herausforderung. Tatsache ist, dass viele Rabater nicht bewusst nach Kultur suchen. Aber zumindest sind sie für sie offen.

Müseler: „Die Nostalgie nach Geschmäckern war mir vorher nicht so bewusst“ (Foto: privat)
Ein Marokkaner gibt durchschnittlich einen Dirham im Jahr für Bücher aus – das sind ungefähr zehn Cent. Die Analphabetenrate im Land liegt laut den Statistiken der Unesco bei rund einem Drittel der Gesamtbevölkerung. In den großen Städten Rabat und Casablanca sieht die Situation natürlich etwas anders aus. Aber es kommt trotzdem sehr selten vor, dass mir Marokkaner von deutschen Büchern erzählen. Narziß und Goldmund von Hermann Hesse mag hier eine der Ausnahmen sein.
Welchen Autor aus Marokko sollten wir unbedingt kennen?
Spontan würde ich sagen: Fatima Mernissi, Kita El Khayat und Youssouf Amine Elalami. Die Reiseberichte von Paul Bowles sind auch sehr lesenswert. All diese Bücher sind aber viel leichter in Europa als in Marokko zu beziehen. Der Buchvertrieb funktioniert hier eben nicht immer so, wie wir es erwarten würden.
Wer kommt zu Ihnen ins Goethe-Institut?
Neben ganz vielen jungen Marokkanern, die Deutsch lernen, um in Deutschland zu studieren, auch viele Kreative, marokkanische Offizielle, Geschäftsleute. Und Touristen, die unser Café Weimar zu ihrem Lieblingsort gemacht haben. Im Lonely Planet wird es als der „hippste Ort“ in Rabat beschrieben und tatsächlich begegne ich auf meinen Reisen immer wieder Marokkanern, die mir begeistert von unserem Café erzählen. Warum? Das versteht man, sobald man einmal dort gewesen ist ...
Am Eingang des Goethe-Instituts erwartet die Besucher die „Hörbar“ mit aktueller deutschsprachiger Musik (Foto: Nadine Müseler)
Wer kommt nicht?
Schwer zu sagen. Das Publikum ist sehr gemischt. Es scheint tatsächlich keinerlei Hemmschwelle zu geben, sondern nur viele gute Gründe, zu uns zu kommen. Ein Glücksfall für unsere Arbeit und das Goethe-Institut.
Über welches Thema wird in der Rabater Presse zur Zeit am heftigsten gestritten?
Es gibt wenig kontroverse Themen in der Tagespresse. Auf Seite eins geht es nach wie vor um die Veränderungen im Land, um Orte, die Tag für Tag vom König eingeweiht werden und natürlich um die Arbeit des neuen Parlaments.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?
Auf das deutsche Essen und ganz speziell auf Gemüsesorten, die wir hier in Marokko nicht bekommen: Kohlrabi, Kohl, Spinat, Wirsing. Die Nostalgie nach Geschmäckern, mit denen man aufgewachsen ist, war mir vorher nicht so bewusst. Ansonsten freue ich mich natürlich auf die vielen Kulturorte in Deutschland, neuen Input für meine Arbeit und meine Eltern und Freunde, die ich nicht so häufig sehe.
Und worauf, wenn Sie wieder in Rabat sind?
Auf den Duft Afrikas, das schöne Licht, den blauen Himmel, auf viele nette Menschen, auf meine Arbeit mit ihren täglichen Herausforderungen und auf den marokkanischen Alltag mit seinen Gelegenheiten, immer wieder Neues und Unbekanntes zu entdecken.
Die Fragen stellte Gitte Zschoch
Nadine Müseler, 33, stammt aus Köln und studierte Kunstgeschichte, neuere deutsche Literaturwissenschaft und Städtebau. Im Anschluss war sie unter anderem für das Fernsehprogramm Kulturzeit sowie für Galerien, Filmverleihe und PR-Agenturen im In- und Ausland tätig. 2008/09 absolvierte sie die Nachwuchsausbildung des Goethe-Instituts und ist nun für die Goethe-Institute in Rabat und Casablanca für die Bereiche Programm, Öffentlichkeitsarbeit, Großprojekte und Drittmittelakquise zuständig.










