Heinrich Stricker über Sarajevo: „Bei 10 Grad minus gab es keine Fensterscheiben“

Sarajevos österreich-ungarischer Teil mit seinen prächtigen Jugendstilfassaden (Foto: Ana Raos)
5. Mai 2012
Die Gelassenheit, Dinge anzugehen, die altmodischen Cafés und die gemütlichen Ćevapčići-Lokale zeichnen Sarajevo aus. Seit 2010 leitet Heinrich Stricker dort die Spracharbeit am Goethe-Institut. Im Interview spricht er über Kaffeerituale, geopferte Lämmer und temperamentvolle Herzegowinerinnen.
Was lieben die Bosnier über alles?
Stricker: Ihr Kaffeeritual, das ausgiebig zelebriert wird. Der Kaffee wird auf einem Metalltablett mit eigenem Service serviert. Man sitzt zusammen, gibt ein Stück türkischen Honig in den Kaffee, spricht mit Freunden und entspannt. Der Kaffee wird vormittags, nach dem Mittagessen und am Nachmittag getrunken, eigentlich immer. Dafür gibt es auch einen Namen – Ćeif – das bedeutet Entspannung oder gute Laune und das brauchen die Bosnier zwischendurch.
Welches Vorurteil über die Bosnier sollten wir ganz schnell wieder vergessen?
Dazu fällt mir ein Witz ein: Wo verstecken eine Frau aus Montenegro, aus Bosnien und aus Herzegowina Geld vor ihren Männern? Die Frau aus Montenegro versteckt es unter einer Schaufel, weil ihr Mann die Schaufel nicht anrühren wird. Die Frau aus Bosnien versteckt es in einem Buch, weil er dort nicht hineinschauen wird und die Herzegowinerin legt es auf den Tisch und sagt: „Falls du das Geld anrührst, bekommst du es mit mir zu tun“. Dass die Bosnier ungebildet und die Montenegriner nicht sehr arbeitsfreudig sein sollen, sollten wir natürlich ganz schnell wieder vergessen. Die Frauen aus Herzegowina gelten als temperamentvoll. Da könnte was dran sein.
Ihr größter Kulturschock?
Da gab es gleich zwei: Einen, als mein Nachbar direkt vor meinem Wohnzimmerfenster ein Lamm für das Opferfest geschlachtet hat; den zweiten, als ich bei minus 10 Grad in der Herrentoilette des Kult-Lokals „Kino Bosna“ feststellen musste, dass es dort keine Fensterscheiben gibt.

Spracharbeitsleiter Heinrich Stricker: „Ich freue mich auf den Englischen Garten und eine Tasse Dallmayr-Kaffee" (Foto: privat)
Das ist wohl die wirtschaftliche Lage. Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch. Selbst die jungen, gut ausgebildeten Leute haben Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Es sei denn, sie haben Beziehungen, dann stehen die Chancen ein bisschen besser. Die wirtschaftliche Lage hängt natürlich auch mit der politischen Situation zusammen. Die politische Struktur ist leider nicht besonders tragfähig. Sie basiert noch auf dem Dayton-Friedensabkommen, das nach dem Bosnienkrieg geschlossen wurde. Damals wurde die Verfassung für den heutigen Staat verabschiedet, die leider wenig funktionsfähig ist. So hat es beispielsweise 451 Tage gedauert, bis die Regierung gebildet werden konnte. Natürlich haben die Menschen auch Angst davor, noch einmal einen Krieg erleben zu müssen. Hier in Bosnien und Herzegowina gibt es drei Ethnien, die zusammen leben: die Kroaten, die Serben und die Bosniaken. Aufgrund der Nachwirkungen des Krieges und der politischen Aufteilung sind die Beziehungen zwischen ihnen noch immer angespannt.
Warum lernen Bosnier Deutsch?
In unseren Deutschunterricht kommen viele Bosnier, die während des Krieges als Flüchtlinge in Deutschland waren und ihr Deutsch nicht verlernen wollen. Viele sind gut aufgenommen worden und haben die Deutschen als hilfsbereit und gastfreundlich kennengelernt. Andere möchten in Deutschland oder Österreich studieren und dort arbeiten. Ein weiterer Grund ist die Heiratsmigration.
Welches Buch aus Bosnien und Herzegowina sollten wir unbedingt kennen?
„Wesire und Konsuln“ von Ivo Andrić, der 1961 den Nobelpreis für Literatur bekam. In seinem Werk geht es um Travnik, die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina im 19. Jahrhundert. Travnik war damals eine Drehscheibe des Balkans. Ein bisschen vergleichbar mit dem Sarajevo von heute, das ja auch so eine Art Drehscheibe zwischen Ost und West ist.
Wo ist Sarajevo am schönsten?
Dort, wo die beiden wichtigsten Einflussgebiete aufeinander treffen: Sarajevos österreich-ungarischer Teil mit seinen prächtigen Jugendstilfassaden und die Baschcharschija, der osmanische Teil. Man sieht den Unterschied an den Gebäuden, den typischen Läden und den kleinen Handwerksbetrieben.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?
Ich freue mich auf den Englischen Garten, denn Grünflächen gibt es hier nur sehr wenige. Und auf eine gute Tasse Dallmayr-Kaffee.
Und worauf, wenn Sie wieder in Sarajevo sind?
In Bosnien gibt es generell eine größere Gelassenheit, Dinge anzugehen. Ich freue mich auf die entspannte Atmosphäre, die hier in den Cafés herrscht, zum Beispiel im Hotel Europa mit seiner altmodischen Kaffeehaus-Atmosphäre, und auf die gemütlichen Ćevapčići-Lokale mit ihrem guten Essen.
Die Fragen stellte Aloña Elizalde
Heinrich Stricker (62) studierte Anglistik und Germanistik, bevor er 1980 zum Goethe-Institut kam. Seitdem hat er viele Stationen durchlaufen: Er arbeitete als Sprachlehrer am Goethe-Institut in Blaubeuren und München, war Leiter der Spracharbeit in Manchester und Thessaloniki und in der Sprachabteilung der Münchner Zentrale für Berufsdeutsch und später für Vorintegration verantwortlich. Seit 2010 leitet er die Spracharbeit am Goethe-Institut Bosnien-Herzegowina. Wenn er im Ruhestand ist, möchte er „vielleicht noch etwas studieren, eventuell Archäologie“.










