Shamim Manzar über Karachi: „Die Pakistaner haben gelernt, geduldig zu sein“

Zum Empress Market kommen Pakistaner in bunt bemalten Bussen, den Hauptverkehrsmitteln in Karachi (Foto: Kashif Paracha)
4. Juni 2012
Strand, Meer und tropisches Klima, das ist Karachi. Armut und blutige Anschläge aber auch. Und dazwischen entsteht eine junge Musikszene, die Anschluss an den Westen sucht. Shamim Manzar, Mitarbeiter am Goethe-Institut Karachi, kennt alle Seiten der pakistanischen Metropole.
Wo ist Karachi am schönsten?
Manzar: Haben Sie schon mal im Atlas nachgeschaut, wo Karachi liegt? Am Arabischen Meer. Die Araber fühlen sich zum Meer hingezogen. Und die Strände Karachis sind besonders schön. Menschen aus Lahore oder Islamabad kommen nur ihretwegen hierher.
Über welches Thema wird in der Presse Karachis zurzeit am heftigsten gestritten?
Über zwei Themen: Zum einen sorgt die pakistanische Blockade von Nato-LKWs nach Afghanistan für Schlagzeilen. Bisher sind die Nato-Soldaten in LKWs von Karachi nach Afghanistan transportiert worden. Doch vor wenigen Monaten hat die pakistanische Regierung diesen Zugang unterbunden. Jetzt gibt es heftige Diskussionen zwischen den USA und Pakistan. Auch im eigenen Land sind die Meinungen darüber geteilt. Das zweite brisante Thema sind die innenpolitischen Unruhen. In Karachi leben verschiedene Volks- und Glaubensgruppen, die nach der Teilung Britisch-Indiens im Jahr 1947 ins damals neu gegründete Pakistan einwanderten. Zwischen ihnen kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Groß ist der Unmut der einheimischen Bevölkerung den Zugewanderten gegenüber, da Letztere einen höheren Bildungsstand und damit eine bessere Stellung in der Gesellschaft haben.
Zwischen Slums und heruntergekommenen Wohnungen erheben sich noble Kolonialbauten – so etwa das D. J. Science College (Foto: Kashif Paracha)
Was ist Kultur in Karachi?
Karachi ist multikulturell. Die Völker haben verschiedene Kulturen. Da sind zum Beispiel die Panjabis; sie pflegen Volkstänze wie etwa den Bhangra-Tanz und spielen auf Trommeln, den Tabla, und Saiteninstrumenten. Mit den Sindhi ist in Karachi die Sufi-Kultur vertreten. Sie geht auf die gelehrten Dichter des Sufismus zurück. Auf ihren Festen rezitieren die Sindhi Gedichte in ekstatischen Gesängen und bewegen sich dazu wie in Trance. Einen neuen Musikstil haben junge Pakistaner für sich entdeckt: Es ist eine Mischung aus westlichem Rock und pakistanischem Folk. Diesen Trend gibt es schon länger, aber seitdem die Getränkemarke Coca Cola in Karachi ein Studio eingerichtet hat, haben Nachwuchsmusiker die Gelegenheit, ihre Kreativität zu zeigen.

Deutschlehrer Manzar: „Die Pakistaner sind liberaler, als sie in Europa dargestellt werden“ (Foto: Kashif Paracha)
Wenn Europäer an Pakistan denken, denken die meisten vermutlich an Fundamentalisten, al-Qaida und die Gefolgschaft Osama Bin Ladens. Ich kann nicht leugnen, dass es sie gibt. Aber sie sind nicht die Mehrheit: Die meisten Pakistaner sind liberaler, als sie in Europa dargestellt werden. Sie wollen die Fundamentalisten nicht. Allerdings gibt es nur wenige Mutige, die sich auflehnen; der größte Teil schweigt, aus Angst.
Was können wir von den Pakistanern lernen?
Geduld. Beantragt beispielsweise ein Pakistaner bei den Behörden eine Bescheinigung, wird ihm gesagt, dass er sie in einer Woche abholen könne. Er geht also wieder zum Amt, die Bescheinigung wird aber noch nicht fertig sein, und man gibt ihm einen neuen Abholtermin. Das kann sich drei Monate lang wiederholen, bis der Pakistaner endlich auf den Tisch haut. Die Menschen hier haben gelernt, geduldig zu sein. Die Armut und das politische Regime haben es ihnen beigebracht.
An der Strandpromenade verkaufen Kinder Süßigkeiten, um die Familienkasse aufzubessern (Foto: Kashif Paracha)
Warum lernen Pakistaner Deutsch?
Aus drei Gründen. Pakistanische Studenten lernen Deutsch, um ihr Studium in Deutschland fortzuführen. Dann gibt es Geschäftsleute, die mit deutschen Firmen zusammenarbeiten, und Deutsch lernen, weil sie gelegentlich nach Deutschland reisen oder deutsche Kunden in Pakistan empfangen. Und drittens lernen Pakistaner im Zuge der Heiratsmigration Deutsch. Frauen und Männer, die ihrem Partner nach Deutschland folgen, müssen eine Sprachprüfung bestehen, um ein Visum zu bekommen.
Was hat Sie in Deutschland am meisten überrascht?
Die Hilfsbereitschaft der Menschen, wenn man sie nach dem Weg fragt. Einmal ist es mir sogar passiert, dass mich eine Person zu dem Ort brachte, nach dem ich gefragt hatte. Wenn Sie einen Pakistaner nach dem Weg fragen, und er ihn nicht genau kennt, wird er Sie irgendwo hinschicken.
Was lieben die Menschen in Karachi über alles?
Am liebsten gehen sie am Strand spazieren. Es ist auch das Einzige, was sie tun können; die Sommer hier sind heiß, und es kostet kein Geld.
Spaziergänger und geschmückte Kamele am „Sea View“-Strand (Foto: Kashif Paracha)
Was wäre Ihr Traumprojekt?
Europäische und deutsche Literatur in Pakistan zu fördern. Zwar gibt es prominente deutsche Werke wie etwa Goethes Faust oder Hermann Hesses Siddhartha in Urdu, der Nationalsprache Pakistans, aber es sollten viele mehr übersetzt werden. Man kann hier nur über die Literatur oder die Musik eine Brücke nach Europa schlagen. Für Pakistan wünsche ich mir Frieden zwischen allen Volks- und Glaubensgruppen.
Die Fragen stellte Daniela Gollob
Shamim Manzar, 56, studierte in Karachi International Relations und lernte währenddessen am Goethe-Institut Deutsch. Als ihn der Leiter des Instituts ermunterte, selbst Deutschlehrer zu werden, war er überrascht. Danach ging er nach München, um sein Diplom zu absolvieren. Inzwischen unterrichtet er seit 25 Jahren Deutsch und leitet die Spracharbeit am Goethe-Institut in Karachi. Er lebt dort mit Ehefrau und fünf Kindern.










