Neun Fragen an ...

Judith Maiworm über Havanna: „Die Kubaner sind überaus kulturbegeistert“

Flickr / puyol5Copyright: Thierry Hinder
Straßenszene in Havanna (Foto: Thierry Hinder)

6. August 2012

Die wirtschaftliche und politische Situation im Land stimmt nicht gerade froh. Doch die Kubaner sind optimistische Menschen. Judith Maiworm erzählt, warum es wichtig wäre, ein Goethe-Institut in Havanna zu eröffnen: Schon allein um den Menschen dort Zugang zu Büchern und dem Internet zu verschaffen.

Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Havanna?

Maiworm: Mein Garten, der eine wunderschöne tropische Vegetation hat. Mein zweiter, öffentlicher Lieblingsort ist der Garten des Hotel Nacional de Cuba. Da sitzt man im Zentrum Havannas und trotzdem direkt am Meer: Hinter der Promenade, dem Malecón, kann man den Atlantik sehen. Außerdem hat man dort einen tollen Blick auf die Altstadt. Überhaupt, die Altstadt Havannas ist wunderschön.

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Installation des kubanischen Künstlers Kcho an der Uferpromenade, dem Malecón (Foto: Reinhard Maiworm)

Was bewegt die Habaneros derzeit am meisten?

Die Kubaner bewegt vor allem die Organisation ihres Alltags. Woher bekomme ich Lebensmittel? Wie repariere ich mein Haus? Wie komme ich von A nach B? All diese Dinge. Darüber hinaus beschäftigt sie ihre ungewisse Zukunft. Gestern ist hier gerade die 11. Biennale zu Ende gegangen. Prominente Themen der Ausstellungen waren: Exil, Flucht, Heimat und Familie. Viele Kubaner verlassen das Land, wodurch Familien auseinandergerissen werden. Die Familia extranjera ist ein wichtiger Eckpfeiler der Versorgung: Kubaner können oft nur überleben, weil sie von den im Ausland lebenden Familienmitgliedern Geld geschickt bekommen. Das Bewundernswerte an alledem ist, dass die Kubaner trotz des harten Alltags unglaublich fröhliche Menschen sind, mit einem beneidenswerten Optimismus und großer Lebensfreude.

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Habaneros beim Plausch (Foto: Reinhard Maiworm)

Was können wir von den Habaneros lernen?

Trotz des schwierigen Alltags Freude am Leben zu haben und Freundlichkeit auszustrahlen.

Was lieben die Habaneros über alles?

Alles, was unterhaltsam ist. Baseball vor allen Dingen, der hier Pelota heißt. Sie lieben aber auch Theater und Kino. Wenn das Internationale Filmfestival stattfindet, stehen Tausende in Schlangen vor dem Kino. Wir sprechen hier von Kinos, die über 3.000 Leute fassen. Das Festival ist dann wirklich ein Volksfest. Dasselbe gilt natürlich auch für Musikveranstaltungen. Diese unglaubliche Begeisterung der Habaneros für Kultur ist es, die die Arbeit hier sehr erfüllend macht.

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Kulturreferentin Maiworm: „Die Kubaner lieben alles, was unterhaltsam ist“ (Foto: Reinhard Maiworm)
Welches kubanische Buch sollten wir unbedingt kennen?

Zum Beispiel Paradiso von José Lezama Lima. Ins Deutsche übersetzt wurden auch viele Romane von Alejo Carpentier. Aber das Buch, das uns als Goethe-Institut derzeit am intensivsten beschäftigt, stammt von Miguel Barnet. Dieser Autor hat eine große Fangemeinde in Deutschland und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Auf Grundlage seines Romans El Cimarrón über die Geschichte der Sklaverei in Kuba entstand 1973 eine Oper von Hans Werner Henze mit einem Libretto von Hans Magnus Enzenberger. Diese Oper werden wir im nächsten Jahr zum ersten Mal in Kuba inszenieren. Miguel Barnet schreibt dafür neue Textteile.

Welches deutsche Buch kennt man in Havanna?

Natürlich Das Kapital von Karl Marx. Das größte Theater in Havanna heißt Teatro Karl Marx. Generell ist die gesamte kommunistische Literatur hier sehr bekannt. Im Bereich der Dramatik ist Heiner Müller eine wichtige Figur.

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Häuserfront in der Altstadt Havannas (Foto: Mickaël Thomassin)

Welche Frage über Deutschland hören Sie besonders oft?

Die wichtigste Frage ist immer: „Wie kann ich da mal hinkommen, welche Möglichkeiten habe ich, dieses Land zu besuchen?“ Durch die enge Verbindung zur DDR ist Deutschland hier sehr präsent. Sehr viele Kubaner, man schätzt über 30.000, waren zu irgendeinem Zeitpunkt, zum Studieren oder Arbeiten, in der DDR. Jetzt wünschen sich viele, dieses stark veränderte Deutschland kennenzulernen. Und das versuchen wir über Besucherprogramme und Stipendien zu unterstützen.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?

Auf meine Familie. Meine Tochter studiert in Berlin. Und auf die Freunde, die man wiedersieht. Aber auch auf das Fernsehprogramm. Das Programm hier ist so reduziert, dass ich ganz glücklich bin, wenn ich in Deutschland mal wieder die Tagesschau gucken kann. Selbst über die Werbung freue ich mich dann. Die gibt es hier natürlich nicht.

Copyright: Goethe-Institut
Eine Installation zum Thema „Flucht und Exil“ (Foto: Reinhard Maiworm)

Was möchten Sie in Havanna unbedingt noch erleben?

Ich bin ja noch gar nicht so lange hier, erst seit einem Jahr. Der Grund, warum ich nach Havanna gekommen bin, und was ich unbedingt erleben möchte, ist, dass wir hier ein Goethe-Institut eröffnen. Das haben natürlich meine zwei Vorgänger auch gesagt – ich bin ja schon die dritte Goethe-Mitarbeiterin, die hier an die Botschaft abgeordnet wurde. Wir können in Kuba zwar in sehr vielen Bereichen so arbeiten, als gäbe es ein Goethe-Institut. Aber dennoch fehlt gerade hier ein Ort der Begegnung. Eine Anlaufstelle, die Zugang zu Informationen bietet. Es ist in Kuba leider nicht selbstverständlich, Zugang zu Büchern und zum Internet zu haben. Ich möchte einen physischen Ort bieten, wo sich die Habaneros treffen und austauschen können. Das ist mein Traum.

Die Fragen stellte Elisa Stahmleder

In diesem Jahr hatte Judith Maiworm ihr 25. Dienstjubiläum. Den Einstieg ins Goethe-Institut fand sie in München, wo sie eine Dozentenausbildung absolvierte. Nach Stationen in Cincinnati, New York, Berlin und Santiago de Chile wurde sie im Juli 2011 als Kulturreferentin und Leiterin des Verbindungsbüros des Goethe-Instituts an die Deutsche Botschaft in Havanna abgeordnet.

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