Neun Fragen an ...

Daniel Göpfert über Krakau: „Eine der schönsten Aussichten überhaupt“

Bernhard LudewigCopyright: Bernhard Ludewig/Goethe-Institut
Blick aus dem Bibliotheksfenster des Goethe-Instituts Krakau (Foto: Goethe-Institut)

8. Oktober 2012

So viele Polen-Witze es gibt, so wenig wissen viele Deutsche, wie es sich wirklich lebt im Land nebenan. Daniel Göpfert, Leiter des Goethe-Instituts Krakau, erzählt, was die Polen über Barack Obama denken und wieso es sich lohnt, im nächsten Jahr das Stary Teatr in Krakau zu besuchen.

Stimmt es eigentlich, dass in Polen so viele Menschen Deutsch lernen wie in keinem anderen osteuropäischen Land?

Göpfert: Ja, das stimmt. Es sind immer noch mehr als zwei Millionen Deutschlerner, trotz einer ungünstigen demografischen Entwicklung. Universitäten verzeichnen hier immer niedrigere Studentenzahlen; auch Schulen bekommen immer weniger Schüler. Mittelfristig wird sich das auf die Zahl der Sprachschüler niederschlagen. Aber wir bemühen uns, dieser Entwicklung aktiv entgegenzuwirken.

Was bewegt die Polen derzeit am meisten?

Erstens die Erhöhung des Rentenalters auf 67; sie soll in einem Zeitraum von 18 Jahren umgesetzt werden. Das ist bewegend, weil der Sprung ziemlich groß ist: Frauen müssen bisher nur bis 60 arbeiten, Männer immerhin bis 65. Und zweitens hat Barack Obama bei einer Rede vor einigen Wochen einen Fehler begangen. Er sprach von „polnischen Vernichtungslagern“, wobei er die ehemaligen deutschen Vernichtungslager auf polnischem Boden meinte. Das hat hohe Wellen geschlagen. Die Polen haben sich zurecht darüber aufgeregt und eine Klarstellung verlangt, die dann auch erfolgt ist.

Wie gut ist Ihr Polnisch?

Ich hatte das Glück, meinen Zivildienst in Polen zu machen. Damals noch 18 Monate, in einem fast rein polnischen Umfeld. Da konnte ich kaum vermeiden, die Sprache zu lernen. Später habe ich auch noch hier studiert und eine Polin geheiratet.

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Daniel Göpfert: „Ich hatte das Glück, meinen Zivildienst in Polen zu machen“ (Foto: Goethe-Institut Krakau)
Welche Redewendung hört man in Polen besonders oft?

Redewendung ist zu viel gesagt, aber es gibt ein Wort, das man relativ oft hört: trudno. Wörtlich übersetzt bedeutet es schwierig. Gemeint ist: Die Situation ist nicht gut, aber wir müssen weitermachen – so ist es nun mal. Ein resignativer Kommentar mit einem Funken Hoffnung.

Ihr Lieblingskünstler aus Polen?

Jan Klata, ein unkonventioneller Regisseur, der ab dem nächsten Jahr die Leitung des Stary Teatr, des traditionsreichsten Theaters in Krakau, übernehmen wird. Wir planen ein Projekt mit ihm und dem in Berlin lebenden Regisseur Nurkan Erpulat. Er ist der erste Türke, der für die Regieausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch angenommen wurde und verkörpert das multikulturelle Deutschland von heute. Erpulat wird vier Monate in Krakau leben, einen Sprachkurs machen und mit den polnischen Schauspielern des Stary Teatr ein Stück einstudieren.

Welche Frage über Deutschland hören Sie besonders oft?

So viele Fragen werden mir gar nicht gestellt. Wenn Leute erfahren, dass ich aus Deutschland komme, fangen sie meist an, mir etwas von ihren Reisen nach Deutschland zu erzählen. Polen ist eben direkt nebenan. Und viele Leute, mit denen wir hier zu tun haben, sind oft in Deutschland.

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Der Krakauer Marktplatz; das Goethe-Institut ist im Gebäude rechts untergebracht (Foto: Bernhard Ludewig/Goethe-Institut)

Eine Frage des Anstands: Was sollte man in Polen auf gar keinen Fall tun?

Bei der namentlichen Begrüßung sollte man nie einen der anwesenden Würdenträger vergessen. Dann fühlt er sich übergangen und ist im schlimmsten Fall beleidigt, denn Hierarchien und Titel sind hier wichtiger als bei uns. Bei der Eröffnung des akademischen Jahres wird zum Beispiel jeder Würdenträger offiziell vom Podium begrüßt. Die Angesprochenen müssen dann aufstehen, sich kurz in alle Richtungen verbeugen und wieder setzen. Inaugurationsfeiern dauern daher oft bis zu drei Stunden. Der Rektor einer Krakauer Universität hat sogar einen inoffiziellen Preis für die kürzeste Eröffnungsfeier ausgelobt.

Was sollte man in Polen nicht vergessen zu tun?

Frauen beim Gehen durch eine Tür, auch beim Ein- oder Aussteigen in einen Fahrstuhl, den Vortritt zu lassen. Zudem ist der Handkuss bei älteren Polen noch weitverbreitet.

Was sehen Sie, wenn Sie aus Ihrem Bürofenster schauen?

Das Gebäude gegenüber in etwa acht Metern Entfernung, das Fallrohr einer Regenrinne und ein paar Stromkabel, die an der Fassade hängen. Wenn ich aber ein paar Schritte aus meinem Büro hinaus in die Bibliothek des Goethe-Instituts gehe, habe ich eine der schönsten Aussichten überhaupt: Von dort blickt man auf den großzügigen, mittelalterlichen Marktplatz Krakaus.

Die Fragen stellte Martin Bruch

Geboren wurde Daniel Göpfert in Berlin. Nach dem Abitur ging er für seinen Zivildienst nach Lublin in Ostpolen, wo er im KZ-Museum Majdanek arbeitete. Anschließend studierte er Geschichte, Politik und Wirtschaft in Berlin, Krakau und London. Beim Goethe-Institut ist er seit 2005. Er war bereits in München, Schwäbisch Hall, Athen und Brüssel. In Krakau leitet der 36-Jährige seit 2011 das Goethe-Institut. Sein Traum: Einrad fahren lernen. Übrigens: In seiner Freizeit bessert Daniel Göpfert gemeinsam mit seinem fünfjährigen Sohn polnische Radwege aus.
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