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Buchenwald-Überlebende: „Das Europa, das wir wollten, ist längst auf und davon“

Rudolf BalmerCopyright: Rudolf Balmer
Buchenwald-Überlebender Herz: „Sie haben uns gezwungen, über die Zukunft nachzudenken“ (Foto: Rudolf Balmer)

27. Oktober 2012

Von Europa ist derzeit viel die Rede. Aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive haben sich jetzt zwei Weimarer Autoren dem Thema genähert – im Gespräch mit Überlebenden des KZ Buchenwald. Über den langen Weg von Buchenwald nach Europa diskutierten sie nun in Paris. Von Rudolf Balmer

Ist Europa die Antithese zur Barbarei der Konzentrationslager? Mit dieser Ausgangsfrage sind Fritz von Klinggräff und Roland Hirte ins Gespräch mit Überlebenden des KZ Buchenwald gegangen. Von Klinggräff ist Journalist und war Sprecher der Stadt Weimar, Hirte ist Historiker und arbeitet in der Gedenkstätte Buchenwald. Das Ergebnis ihrer Begegnungen mit den ehemaligen Häftlingen haben die beiden Autoren nun in Zusammenarbeit mit Hannah Röttele in Buchform vorgelegt und im Goethe-Institut Paris vorgestellt. Der Titel des Bandes: Von Buchenwald (,) nach Europa.

Wieso steht da ein Komma wie ein Stolperstein in diesem Titel? Vielleicht weil das Satzzeichen wie eine signalisierte Atempause verdeutlichen kann, dass vom KZ zur europäischen Friedensgemeinschaft keine schnurgerade Linie führt, erklärt von Klinggräff bei der Lesung in Paris. Und „nach Europa“ verdeutliche auch in der zeitlichen Dimension, dass mit dem Dritten Reich auch das frühere Europa zusammengebrochen ist.

Wie es überhaupt zu der Fragestellung gekommen ist, erzählt Hirte: „Wir gingen aus von einem Satz, den ein anderer nach Buchenwald Deportierter formuliert hat. Der Schriftsteller Jorge Semprún hat einmal gesagt: ,Es mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, aber in gewisser Weise entstand in den Lagern der Nazis zum ersten Mal so etwas wie ein europäischer Geist.‘ Wir haben dann unsere zehn Gesprächspartner in Frankreich darauf angesprochen.“ Was dabei herauskam, sind nicht einfach Meinungen zu Europa, sondern Einblicke in Lebensgeschichten mit Erinnerungen an Tragödien und auch an Anekdoten, wie dies das vorgelesene Kapitel Alte Männer von 16 Jahren veranschaulicht. Ergänzt wird dieses Stück Zeitgeschichte im Buch durch mehrere, zum Teil erstmals veröffentlichte Texte und Fotos.

Semprún ist gestorben, der ehemalige Minister Pierre Sudreau im letzten Jahr ebenfalls. Doch acht der Interviewten leben noch, fünf von ihnen kommen an diesem besonderen Abend sogar persönlich ins Goethe-Institut: Bertrand Herz, Walter Spitzer, Elie Buzyn, Aron Bulwa und Floréal Barrier. Sie alle stellen ihre ganz persönliche Version dar und geben einen Kommentar zum langen Weg von Buchenwald nach Europa ab.

Situation nicht beschönigen

„Sie haben uns gezwungen, nicht nur über die Vergangenheit nachzudenken, sondern auch über die Zukunft“, lobt Herz das Projekt. Und Barrier spricht engagiert von Europa als einer Verpflichtung zu Solidarität. „Wir sitzen hier auf unserer Technologie, statt sie denjenigen zu geben, die sie benötigen – wie Afrika beispielsweise die Sonnenenergie.“ Für ihn ist „das Europa, das wir in Buchenwald zu schaffen begonnen haben, nicht das Europa von Brüssel“. Für den französischen Vorsitzenden des Häftlingsbeirates KZ Buchenwald bleibt der gemeinsame Widerstand der Häftlinge der verschiedensten Nationen ein Beispiel. Er erinnert auch daran, dass dies nicht nur ein täglicher Kampf ums Überleben war, sondern auch eine Form von politischem und kulturellem Widerstand mit Gesang oder Malerei.

Der Künstler Walter Spitzer macht aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: „Was wir wollten, war ein Europa ohne Krieg. Es ist darum beschämend, was in Ex-Jugoslawien im 20. Jahrhundert passiert ist. Das Europa, das wir wollten, ist längst auf und davon. Das Europa, das man vorbereitet, lässt mich sehr skeptisch.“ Buzyn warnt jedoch davor, die Situation im Rückblick zu beschönigen. Schließlich habe in dem Konzentrationslager bei Weimar nur eine Minderheit politischen Widerstand geleistet. Und im von Hitler besetzten Europa habe sich eine überwiegende Mehrheit entweder als Kollaborateure oder wegen ihrer Gleichgültigkeit schuldig gemacht.

Er habe zunächst als 17-Jähriger diesen Kontinent verlassen, erzählt Buzyn, weil er in jedem Passanten einen Nazi-Komplizen durch Indifferenz vermuten musste. Er möchte vor den meist viel jüngeren Zuhörern an diesem Abend etwas unterstreichen: „Es gibt ein Europa für etwas, aber auch eines gegen etwas. Heute ist Europa von islamo-faschistischen Extremisten bedroht, die nur weichen, wenn die Europäer geeint sind gegen sie.“

Die Schuld des Wegschauens – die findet auch Autor Hirte zentral. „Wer wegschaute, wie einer zur Deportation abgeführt wurde, beging eine Tat.“ Dies sei aktuell ebenso von Bedeutung wie die Notwendigkeit des Gedenkens oder des Empörens.

Das Buch: „Von Buchenwald (,) nach Europa“ von Ronald Hirte, Fritz von Klinggräff, Hannah Röttele. Mit Beiträgen von Franziska Augstein, Claudia Grehn, Volkshard Knigge, François Le Lionnais, Lutz Niethammer, Jorge Semprún und Darja Stocker. Erschienen in der Weimarer Verlagsgesellschaft, 310 Seiten.
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