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Museumskonzepte: Wie viel darf ein Espresso kosten?

Wolfgang StaudtCopyright: Wolfgang Staudt
Berliner Museumsinsel mit dem Bode-Museum: Impulse für eine ganze Stadt (Foto: Wolfgang Staudt)

5. November 2012

Museen gedeihen überall, die Besucherzahlen steigen. Aber was macht ein gutes Museum aus? Wie kann man Museen vernetzen? Damit beschäftigte sich nun eine Fachtagung. Dass sie im Nationalmuseum stattfand, überraschte wenig. Die Stadt, in der dieses Museum stand, dagegen schon. Von Burkhard Müller

„Why Museums Now?“ – das ist eigentlich keine echte Frage, denn, wie es ein Teilnehmer ausdrückte: Wer ein Museum betreibt, muss sich niemals rechtfertigen. Museen gedeihen überall auf der Welt; umso mehr ging es bei dieser viertägigen Veranstaltung um das Wie. Das Besondere an ihr war der Ort, wo sie stattfand. Das Georgische Nationalmuseum in Tbilissi (früher deutsch Tiflis), der Hauptstadt, gehört nicht zu den weltberühmten Einrichtungen seiner Art. Hier aber fanden sich Repräsentanten und Architekten der großen Häuser in London, Berlin, New York, Washington, D.C., Singapur, Wien und Florenz zusammen und erwiesen durch ihre Gegenwart dem scheinbar peripheren Platz die Ehre.

Peripher ist Georgien allerdings nur dann, wenn man den Standpunkt der großen Mächte bezieht. Hält man stattdessen nach der Stelle Ausschau, wo sie sich alle berührt und durchdrungen haben, dann liegt Georgien auf einmal im Zentrum: Von Westen haben die Griechen und Römer es beeinflusst, später Deutschland, England und die USA; von Süden Araber und Türken; von Osten Perser und Mongolen; und vom Norden her, am wirkungsmächtigsten, Russland. Ein Museum, das so etwas dokumentiert, ist über seine nationale Bedeutung hinaus zweifellos auch von globalem Interesse.

Obwohl die Kongress-Sprache Englisch war, spielte das deutsche Element eine wesentliche Rolle. Bis zur Zeit Stalins existierte in Georgien eine große und kulturell wichtige deutsche Minderheit. Deutschland war 1991 der erste Staat, der die Unabhängigkeit Georgiens anerkannt hat. Und in Tbilissi gibt es eine große Niederlassung des Goethe-Instituts, die auch die Arbeit in Armenien und Aserbaidschan koordiniert; über ein Twinning Project hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dem Nationalmuseum in den vergangenen Jahren umfangreiche Aufbauhilfe zukommen lassen. Diese beiden Organisationen waren es, neben dem Museum selbst und dem amerikanischen Smithsonian Institute, die den Kongress auf den Weg gebracht haben.

Viel war infolgedessen von der Berliner Museumsinsel zu hören, als Beispiel dafür, wie von einer durchdachten Museumslandschaft Impulse für eine ganze Stadt ausgehen können; auch eine gut gemachte Ausstellung in den Räumen des Nationalmuseums selbst gab es dazu. Grundsätzlich bestand unter den Referenten und bei den Diskussionen ziemliche Einigkeit, dass Museen heutzutage, über ihre klassischen Aufgaben der Bewahrung und der Bildung hinaus, sich den veränderten ökonomischen, sozialen und aufmerksamkeitästhetischen Anforderungen des 21. Jahrhunderts zu stellen hätten. Doch dann gingen die Meinungen auseinander.

Laura Longo sprach für Florenz. Dort drängen sich jährlich drei Millionen Touristen auf kleinstem Raum und nutzen Stadt und Kunst auf beängstigende Weise mechanisch ab. Sie schlug ein „Cloud Museum Project“ vor, ein Konzept, das die vielen kulturellen Einrichtungen nicht nur durch eine Sammel-Eintrittskarte zusammenspannt, sondern einen höheren Grad von Koordination durch Apps und andere elektronische Mittel anstrebt. „Wir wollen jedem helfen, sein ganz individuelles Kunsterlebnis zusammenzustellen!“, rief sie. Nebenbei vereinnahmte sie, als gäbe es so etwas wie eine einheimische Bevölkerung gar nicht mehr, die Stadt als Museumskomplex, bei dem es nur noch auf das geschickte Management ankäme.

Beim Smithsonian Institute, vertreten durch Carole Neves, Amy Ballard und Nikolaus Apostolides, lag der entgegengesetzte Fall vor: Die ungeheuren Abmessungen der Mall in Washington hatten dazu geführt, dass die vielen einzelnen Häuser, die zum Institut gehören, in einer Art von sozialem Niemandsland standen, das verwahrloste und die Kriminalität anzog. Dass dies alles sich in den letzten Jahrzehnten radikal geändert hat, wurde durch ein Maschinengewehrfeuer von Zahlen bewiesen: wie viel Büroraum, Arbeitsplätze, Appartements und Restaurants dort entstanden waren, seit man sich entschlossen hatte, von den Museen aus die Problemzonen der amerikanischen Hauptstadt durchgreifend anzugehen. Ein Erfolgsbericht.

Das Georgische Nationalmuseum hat mit Schwierigkeiten ganz anderer Art zu ringen. Zum einen fehlen ihm die Mittel, die den großen westlichen Häusern wie selbstverständlich zur Verfügung stehen. Zum anderen ist Georgien, dieses schöne Land, das wirkt wie ein einziger großer Garten mit alten Kirchen, Weinstöcken und Feigenbäumen überall, als Nation nicht fertig; als Staat ist es jung, und sein Territorium besitzt es nicht unangefochten. Es steht heute mit ihm ungefähr so wie mit Deutschland vor eineinhalb Jahrhunderten, als das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg gegründet wurde. Der Name erinnert an jene ferne Zeit, als auch wir kraft Museen, Theatern und Dichtkunst uns als Nation erst konstituieren wollten.

Die Gentrifizierung steht bevor

Das Georgische Nationalmuseum besteht aus zehn Einrichtungen allein in der Hauptstadt. In einer „Museumsstraße“ sollen sie zusammengefasst werden und ihr Umfeld prägen, so will es ein Masterplan. Darüber hinaus aber denkt man über ein urbanes Konzept nach, in dessen Mittelpunkt die Rustaveli-Straße steht, die belebte Hauptachse der Stadt, die sich in eine Fußgängerzone verwandeln soll. An die georgische Öffentlichkeit ist dieser Plan bislang noch nicht gedrungen, wir durften sein erstes Publikum sein. Und was gäbe es dort zu sehen und zu tun? „Dining, shopping“, schlug Jean-Francois Milou vor, dessen Firma den Projektauftrag erhalten hat. Mit anderen Worten: Wer kein Geld mindestens für einen Espresso mitbringt, möge sich bitte fernhalten. Schon jetzt muss, wer einen Espresso im Museum trinkt, die Summe von 5,50 Lari entrichten, rund 2,50 Euro, was so weit in Ordnung wäre – läge das Durchschnittseinkommen etwa eines Museumsbediensteten nicht bei 300 Lari im Monat.

Vom musealen Kern aus soll sich die Stadt erneuern, insbesondere das angrenzende Alt-Tbilissi, das Herz der eintausendfünfhundert Jahre alten Kapitale. Während sich im Rest der Stadt eine fieberhafte Bautätigkeit entfaltet, regiert hier der Niedergang; schon ein paar Meter vom zentralen Freiheitsplatz entfernt trifft man auf ein geradezu ländliches Leben inmitten verfallender Bausubstanz. Zweifellos muss hier bald etwas geschehen. Wird dies möglich sein, ohne die eingesessene Bevölkerung zu verdrängen? Niemand wagt es, diese Frage zu bejahen. Ein einheimischer Kongressteilnehmer meint, es handle sich sowieso nur um Lumpenproletariat ohne historischen Sinn, das hier eigentlich gar nichts zu suchen habe. Man darf also vermuten, dass die Gentrifizierung der Innenstadt bei gleichzeitiger Auslagerung der Unterschichten an die Ränder demnächst auch hier einsetzen wird.

Das heißt, wenn die politische und ökonomische Lage stabil bleibt. Dies ist freilich alles andere als gewiss. Der Krieg mit Russland vor vier Jahren hat zu keinem Frieden geführt, sondern dem Land die fortdauernde Feindschaft seines mächtigen Nachbarn beschert. Das von Russland für unabhängig erklärte Süd-Ossetien reicht bis sechzig Kilometer vor die Hauptstadt. Für die jüngsten Parlamentswahlen hat man das Parlament ins nahe Kutaissi ausgelagert, das Parlamentsgebäude soll an das Berliner Kempinski verkauft oder verpachtet werden. Das Nationalmuseum hat Einschusslöcher von früheren Straßenkämpfen.

Zu den umfangreichen Sammlungen des Nationalmuseums gehört auch ein Dokumentationszentrum, das die „sowjetische Besatzung“ von 1921 bis 1991 zum Thema hat. Dort herrscht Dunkel, und es geht emotionell und manipulativ zu. Ein Güterwagen, in dem georgische Widerstandskämpfer liquidiert wurden und der wie ein Emmentaler mit Kugellöchern durchsiebt ist, erweist sich als Fake. Aber an den Fakten besteht kein Zweifel: Georgien, das 1918 mit deutscher Hilfe das erste Mal seine Unabhängigkeit erlangt, fällt bereits drei Jahre später einer russischen Invasion zum Opfer; und Stalin schlug 1937 mit besonderer Härte gegen seine Landsleute zu: 5.000 Bewohner dieses kleinen Landes wurden umgebracht, 190.000 deportiert, die alte wirtschaftliche und kulturelle Führungsschicht komplett ausgelöscht.

Von Istanbul aus fliegt man nach Tbilissi noch einmal 1.500 Kilometer weit nach Osten. Europa ist fern, nah hingegen außer Russland auch die beiden islamischen Staaten Türkei und Iran. Armenien sympathisiert mit Moskau und Aserbaidschan mit Ankara. Zwischen ihnen allen fühlt sich das Land wie eingeklemmt und setzt all seine Hoffnung auf den Westen. Die kyrillische Schrift ist, ein kleines Puschkin-Denkmal abgerechnet, aus dem Straßenbild völlig verschwunden. Alle lernen Englisch. Es gibt, wohl einmalig in der Welt, eine große George-W.-Bush-Straße. An jedem öffentlichen Gebäude weht die Europa-Flagge. Was kann der Westen für Georgien tun? Nicht viel, wie sich im desaströsen Krieg von 2008 gezeigt hat. Aber einige symbolische Dinge vielleicht trotzdem. Dass diese Konferenz in Tbilissi stattfand, dass sich hier die Repräsentanten der großen Museen der Welt trafen, hatte da schon etwas zu bedeuten, nämlich: Willkommen!

Dieser Text ist die leicht gekürzte Version eines Artikels, der am 26. September 2012 in der „Süddeutschen Zeitung“ erschien. Copyright: Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).
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