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Blogger Maikel Nabil im Porträt: „Es war für mich immer gefährlich in Ägypten“

Martin BruchCopyright: Martin Bruch
Maikel Nabil vor dem Goethe-Institut Göttingen (Foto: Martin Bruch)

14. November 2012

Maikel Nabil ist ein Kind seiner Generation. Das Internet ist sein Medium, er bloggt nahezu täglich. Doch was der 27-Jährige in Deutschland selbstverständlich und unbehelligt tut, brachte ihn in seiner ägyptischen Heimat bereits ins Visier der Militärregierung. Von Martin Bruch

„Wie wohnst du“, fragt Paul Rentrop. Als erstes antwortet David aus Mexiko: „Ich wohne in einer Wohnung.“ Rentrop, der als Lehrer am Goethe-Institut Göttingen arbeitet, nickt und wiederholt langsam Davids Worte. Als nächstes meldet sich Martha aus Belgrad; sie ist in einem Studentenwohnheim untergekommen. Dann spricht der Lehrer Maikel an. „Ich wohne in meiner Wohnung“, sagt der Junge mit der lilafarbenen Mütze, „im Nordosten von Kairo, in einer Drei-Zimmer-Wohnung.“ Ein Satz, an dem grammatikalisch nichts auszusetzen ist. Dennoch stimmt er nicht. Nicht mehr. Denn seit Mitte Mai wohnt Maikel Nabil Sanad in Göttingen. Und davor saß er in Ägypten im Gefängnis. An einem Tag im März 2011 hatte die Militärpolizei an seiner Wohnungstür geklopft und ihn mitgenommen.

Das Göttinger Goethe-Institut ist in einer historischen Villa mit großem Gartengrundstück untergebracht (Foto: Martin Bruch)
Nach dem Unterricht zieht Maikel Nabil seine Mütze ab, er geht die Treppen hinunter in die Cafeteria des Göttinger Goethe-Instituts. Es sind die ersten kalten Tage im September, doch die Cafeteria liegt unter der Erde, wo es warm und aufgeräumt ist und nach Jugendherberge riecht. „An den deutschen Winter habe ich mich noch nicht gewöhnt.“ Maikel Nabil spricht Englisch und lächelt verschmitzt. „Göttingen ist kleiner als meine Straße in Kairo. Aber ich mag Göttingen. Es ist eine friedliche Stadt, hier sind viele Studenten. Das hat mir geholfen, mich schnell einzugewöhnen“, sagt der 27-Jährige, der sich mit Turnschuhen, Jeans und Kapuzenpulli auf den ersten Blick nicht von den anderen Schülern in seinem ersten Deutschkurs abhebt. Doch was er in den letzten anderthalb Jahren erlebt hat, unterscheidet sich erheblich von den Biografien seiner Mitschüler. Erfahrungen, um die sie ihn nicht beneiden.

Als die Militärpolizei in seiner Wohnung stand, blieb nicht viel Zeit. Die Soldaten brachten den Blogger in das El-Marg-Gefängnis am Stadtrand von Kairo. Seine Bücher, sein Handy und vor allem seinen Computer musste er zurücklassen. Die Anklage lautete: Beleidigung des Militärs und Irreführung der öffentlichen Meinung. Einen Monat später verurteilte ihn ein Militärgericht zu drei Jahren Haft. Es folgten verschleppte Berufungsverfahren, ein Hungerstreik und eine in letzter Minute verhinderte Einweisung in die Psychiatrie. Im Frühjahr 2011, in den Tagen, als die arabische Revolution in Ägypten ankam, hatte sich Maikel Nabil in seinem Blog kritisch mit der ägyptischen Armee auseinandergesetzt. Er hatte brutale Übergriffe gegen Demonstranten festgehalten, Folterungen und Verhaftungen aufgelistet. Nach dem Sturz Husni Mubaraks war Maikel Nabil der erste Blogger, der inhaftiert wurde.

„Im Fokus meiner Aktivitäten liegen für gewöhnlich Dinge, die niemand anders im Blick hat“, erzählt Maikel Nabil in der Cafeteria unter der Erde; er spricht ruhig und präzise, so, als würde sich die Zeit vor dem Gefängnis und die Zeit danach nahtlos aneinanderfügen. Über 300 Tage war Maikel Nabil inhaftiert. Freigelassen wurde er ausgerechnet zum ersten Jahrestag der Revolution im Januar 2012, zusammen mit 1.950 anderen Häftlingen. Diese Begnadigung kritisiert der Blogger mit Verweis auf sein Recht auf freie Meinungsäußerung. „Ich war im Gefängnis wegen meiner Prinzipien“, sagt er, „weil ich um meine Ideale gekämpft habe.“ In dieser Zeit hatten sich Menschenrechtsorganisationen und Politiker für ihn eingesetzt; eine internationale Öffentlichkeit blickte auf die ersten Schritte des ägyptischen Militärregimes.

Unterwegs in Deutschland

Schon als Ägyptens erster Kriegsdienstverweigerer hatte Maikel Nabil in seiner Heimat für Aufsehen gesorgt. Das war im Herbst 2010. Zuvor hatte er Tiermedizin studiert, sich aber zunehmend für Politik interessiert und mit seinem Blog begonnen. „Ich beschloss zu dieser Zeit, meine Karriere zu ändern“, sagt Maikel Nabil und in seinem Blick liegt etwas Sanftes, aber auch etwas Unnachgiebiges. Man kann sich vorstellen, wie er vor dem Sturz Mubaraks jeden Tag mit seinen Freunden auf den Straßen Kairos demonstriert hat. Doch als der Diktator weg war, fing alles eigentlich erst an. Während der Monate im Gefängnis bekam er auch einmal Besuch von einer Reporterin der Zeit. „Für einen jungen Mann, der es gewohnt ist, täglich mit der ganzen Welt zu kommunizieren“, schreibt sie in der Wochenzeitung, „wirkt er kein bisschen gebrochen.“

Seit Maikel Nabil in Deutschland ist, war er viel unterwegs. Er wurde zu Vorträgen und Podiumsdiskussionen in rund 20 deutsche Städte eingeladen. Auch in dieser Woche findet eine Veranstaltung statt. Über der Cafeteria, im repräsentativen holzgetäfelten Saal des Goethe-Instituts Göttingen, geht es um Verlauf und Perspektive des Arabischen Frühlings. „Das Internet hat das Monopol der Medien in Ägypten gebrochen“, sagt Maikel Nabil. „Es ist das Werkzeug unserer Generation.“ Momentan braucht er es, um mit seinen Freunden in Ägypten in Kontakt zu bleiben, um weiter am politischen Diskurs teilzuhaben.

Copyright: Martin Bruch
Maikel Nabil: „Das Land, das mich am meisten unterstützt hat als ich im Gefängnis war, war Deutschland“ (Foto: Martin Bruch)

Auch in Deutschland aktualisiert Maikel Nabil fast täglich seinen Blog. Außerdem schreibt er an einem Buch über die Zeit in der Haft. „Das Land, das mich am meisten unterstützt hat als ich im Gefängnis war, war Deutschland“, sagt er. „Da habe ich gemerkt, dass ich mich hier nicht als Fremder fühlen würde.“ Über den zweiten Grund, nach Deutschland zu gehen, hat sich Maikel Nabil viele Gedanken gemacht: „In Europa – in Deutschland – haben schreckliche Ideologien des letzten Jahrhunderts ihren Anfang genommen. Sie wurden auch in mein Land importiert. Ich muss verstehen, wie diese Ideen entstanden sind – und wie Deutschland sich davon befreien konnte. Diese demokratischen Erfahrungen brauchen wir in meinem Land.“

Ein paar Wochen nach der Begegnung in Göttingen wohnt Maikel Nabil in Erfurt. Er hat ein zweijähriges Master-Studium an der Willy Brandt School of Public Policy aufgenommen. Danach will er wieder nach Ägypten. Findet er es gefährlich, dorthin zurückzukehren? „Es ist für jeden Aktivisten gefährlich, der in einer Diktatur lebt. Es war für mich immer gefährlich, in Ägypten zu sein. Das Problem ist aber nicht, ob man in Ägypten ist oder nicht. Das Problem ist die Existenz der Diktatur.“

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