Goethe aktuell

Festivalfieber: Und? Welchen Film schaust du?

Copyright: Patrizia Barba
Wer gewinnt was? Preisverleihung in Leipzig (Foto: Patrizia Barba)

17. November 2012

Wer 30 Mal im Jahr ins Kino geht, kann schon als eifriger Kinobesucher durchgehen. Aber wie ist es, wenn man sich dasselbe Pensum in zwei Wochen vornimmt? Unsere Autorin Patrizia Barba hat’s getan – und hat noch immer Lust auf mehr. Ein Festivalbericht.

Allein die ersten Minuten: Ein Nasa-Pilot steigt mit einem Heliumballon 10.000 Meter in die Höhe und lässt sich spektakulär zur Erde fallen. Das ist schwer zu steigern. Doch dann bestaune ich einen Einsiedler auf Hawaii, der seit über 30 Jahren fernab der Zivilisation lebt. Die zentrale Frage ist: Was ist Zeit? Und ich frage mich: Wie lange kommen eigentlich mir die 114 Minuten vor, in denen Regisseur Peter Mettler mittels außergewöhnlicher Filmaufnahmen dieser nachgeht? Sein Film The End of Time lief auf dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm DOK Leipzig und war einer meiner persönlichen Favoriten im Internationalen Wettbewerb.

Ein weiterer Film auf meiner Liste diese Woche ist Another Night on Earth. Der Titel reizt schon ohne Hintergrundwissen, erinnert er mich doch sofort an Jim Jarmuschs Episodenfilm Night on Earth. Tatsächlich befinden sich die Protagonisten in David Muñoz’ Film ebenfalls in Taxis. Doch die Episoden in diesem Film sind real. Schauplatz ist Kairo. Während der nächtlichen Fahrten kommunizieren die unterschiedlichsten Insassen auf engstem Raum, debattieren, fluchen und lachen miteinander und bieten so dem Zuschauer eine Bestandsaufnahme der Stimmung in Ägyptens Hauptstadt kurze Zeit nach dem Arabischen Frühling. Das Taxi als isolierter Raum bietet die perfekte Spielfläche für eine zensurfreie Kommunikation. Nach der Aufführung erstaunt Muñoz mit der Aussage, dass er nur mit der Videofunktion einer Fotokamera gedreht habe, die er sichtbar im Innenraum der Fahrzeuge montierte.

Im Laufe der Woche schaue ich 19 von insgesamt 360 Filmen aus 62 Ländern an. Ich bin eine von insgesamt 37.000 Besuchern in fünf Spielstätten, was es nicht immer einfach macht, noch einen Sitz im Saal zu ergattern. Zahlreiche freiwillige Helfer bemühen sich, dass dennoch nahezu jeder Kinogast seinen Wunschfilm zu sehen bekommt.



Auf der Preisverleihung im imposanten Centraltheater werden Preisgelder in der Rekordhöhe von 79.000 Euro vergeben. Einer der Abräumer mit zwei Preisen ist Another Night on Earth, den Hauptpreis, die Goldene Taube gewinnt die Schwedin Tora Mårtens für ihre gefühlvoll erzählte Geschichte über ein ungleiches Brüderpaar. Colombianos heißt ihr Film. Einen eigenen Dokumentarfilmpreis verleiht das Goethe-Institut. Die mit 2.000 Euro dotierte Auszeichnung geht an Vergiss mein nicht von David Sieveking. „Der Film ist eine sensibel erzählte Hommage des Filmemachers an seine an Alzheimer erkrankte Mutter, welcher die schwierige Balance zwischen persönlicher Betroffenheit und künstlerischer Distanz zu wahren weiß“, begründet die Jury ihre Entscheidung. Ein schönes Bild auf der Bühne: Sieveking streckt erfreut die Arme in die Luft und bedankt sich mehrfach. Das Goethe-Institut erwirbt die Lizenzen, finanziert die Untertitelung in mindestens fünf Sprachen und zeigt Vergiss mein nicht weltweit.

Der Abend endet so, wie es sich für ein Filmfestival gehört – die geladenen Gäste können wählen zwischen einer Filmvorführung oder der Party im Foyer. Ich entscheide mich für den Film, meine persönliche Nummer 20.

Seifenkistenrennen und Schüsse an der Schule

Schnitt. Anderer Ort, anderes Publikum. Beim Filmfestival Schlingel stürmen hauptsächlich Kinder die Kinosäle. Bereits zum 17. Mal findet das Internationale Filmfestival für Kinder und junges Publikum in Chemnitz statt. Doch dass auch hier das Goethe-Institut wie in Leipzig einen eigenen Preis vergibt, ist Premiere. 15 Filme laufen in der Reihe Blickpunkt Deutschland. Insgesamt werden 103 Produktionen aus 36 Ländern gezeigt, darunter Filme aus Tschechien, Russland, Taiwan und erstmalig ein Beitrag aus Katar.

Copyright: Patrizia Barba
Schlingel-Besucherin Oyunaa: „Eltern müssen versuchen, ihre Kinder besser zu verstehen" (Foto: Holger Graf)
Wieder erstelle ich mir eine persönliche Watch List. Ein Highlight, das ich zu sehen bekomme, ist die deutsch-irische Koproduktion Am Ende eines viel zu kurzen Tages von Ian Fitz Gibbon, eine interessante Mischung aus Real- und Animationsfilm. Für den Film Ein Jahr nach morgen von Aelrun Gotte treffe ich zwei Filmfans, die extra aus München angereist sind. Oyunaa und ihre Freundin Ulzii haben via Facebook Tickets für die Vorstellung ergattert. Die beiden stammen ursprünglich aus der Mongolei, leben aber schon seit einigen Jahren in Deutschland. Deutsch hat Oyunaa beim Goethe-Institut gelernt. Ein Jahr nach morgen erzählt von der 16-jährigen Luca, die in ihrer Schule zwei Menschen erschossen hat. Oyunaa ist nach dem Film für einen Moment sprachlos. Dann sagt sie: „Der Film regt sehr zum Nachdenken an. Gerade wenn man selbst Kinder in der Pubertät hat wie meine Freundin Ulzii. Eltern müssen versuchen, ihre Kinder besser zu verstehen.“

Für zahlreiche Lacher im Kinosaal hingegen sorgt Tony Simpsons neuseeländischer Film Kiwi Flyer. Die Kinder, die für den Kinobesuch auf dem Filmfest von der Schule frei bekommen haben, verfolgen mit großer Freude die lustigen Geschehnisse rund um ein Seifenkistenrennen am anderen Ende der Welt. Das freut auch den anwesenden Regisseur: „Das Tolle an den Reaktionen der Kinder war, dass sie an genau denselben Stellen gelacht haben wie wir in Neuseeland.“

Den Jugend- und Kinderfilmpreis des Goethe-Instituts erhält die deutsch-schweizerische Produktion Der Verdingbub von Markus Imboden. Erzählt wird die Geschichte des zwölfjährigen Waisenjungen Max, der an eine Bauernfamilie vermittelt wird, wo er ein Leben aus harter Arbeit, Hunger und Gewalt zu bestehen hat. „Besonders überzeugend war der Blick der Kamera, der die idyllische Schönheit dieser Landschaft in ruhigen Bildern einfängt“, so die Jury. „Dadurch wirkt der Kontrast zu der alltäglichen Brutalität hinter einer Mauer des Schweigens noch erschütternder.“



Vor allem die Bandbreite der gezeigten Filme beeindruckt mich, und am Ende der Woche bin ich wie die insgesamt 12.000 Besucher trotz zahlreicher Vorstellungen noch nicht kinomüde. Auf der Preisverleihung werden nochmals zahlreiche Ausschnitte gezeigt, die Lust machen, auch noch die verpassten Filme nachzuholen. Ich habe also noch einiges vor mir.

Das Goethe-Institut ist Kooperationspartner des Schlingel und von DOK Leipzig. Das Internationale Filmfestival für Kinder und junges Publikum fand vom 15. bis 21. Oktober in Chemnitz statt, das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm vom 29. Oktober bis 4. November 2012. Auf beiden Festivals hat das Goethe-Institut einen Preis vergeben. Der Jugend- und Kinderfilmpreis des Goethe-Instituts ging an Der Verdingbub von Markus Imboden und der Dokumentarfilmpreis an Vergiss mein nicht von David Sieveking.
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