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Zentralasien: Livekonzert eines schmelzenden Gletschers

Katina KlänhardtCopyright: Katina Klänhardt
Gute Miene zum bösen Klimaschauspiel: Expeditionsteilnehmer vor beeindruckender Kulisse (Foto: Katina Klänhardt)

21. November 2012

Erstaunlich, wie laut es sein kann, wenn ein Gletscher schmilzt. Es gurgelt, kracht, plätschert und knackt. Ein Expeditionsteam des Goethe-Instituts hat sich jetzt aufgemacht, das letzte Klagelied des Tujuksu-Gletscher vor den Toren Almatys einzufangen. Ein Expeditionsbericht. Von Katina Klänhardt

Es ist klirrend kalt hier oben, auf 3.500 Metern Höhe, und wir graben unsere Hände noch tiefer in die gefütterten Jackentaschen, während wir den Mikrofonen nachblicken, die langsam in die Gletscherspalten abgelassen werden. Unsere Mission lautet: Gletschermusik. Um die Geräusche eines schmelzenden Gletschers aufzunehmen, sind wir mit hochsensiblen Aufnahmegeräten bepackt auf den Tujuksu gekraxelt. Wir sind eine Gruppe von 15 Leuten.

Die Zeit drängt, wie uns der Gletscher mit den unzähligen kleinen Schmelzwasserbächen, die uns bei unserem Aufstieg munter entgegen plätschern, vor Augen führt. Offensichtlich deckt sich die Gletscher-Wohlfühltemperatur nicht mit der unsrigen, und es ist – Daunenjacke hin oder her – eigentlich viel zu warm hier oben.



Aber genau deshalb sind wir ja auch hier. Um auf die fortschreitende Gletscherschmelze aufmerksam zu machen, sammelt das Goethe-Institut im Rahmen des Projekts Gletschermusik Töne vom abschmelzenden Gletscher, um sie dann künstlerisch weiterverarbeiten zu lassen und in Zentralasien und Europa auf Festivals zu präsentieren. Wissenschaftlich wird das Projekt von Symposien und Konferenzen begleitet. Die musikalische Hauptrolle spielt dabei der Tujuksu-Gletscher, an dessen Gletscherspalten wir nun stehen, den Abgang der Mikrofone beobachten und vor allem Atem schöpfen.

Wie eine Horde von Pferden

Als flachlandverwöhnte Expeditionsteilnehmer kommen wir mit jedem Höhenmeter auch zunehmend ins Schnaufen. Eventuell vorhandene Wandererfahrungen aus dem Voralpenland kann man sich hier schnell an den Hut stecken. Das Tien-Shan-Gebirge ist doch noch mal eine Nummer größer. Nur Christian Frei, der Regisseur, immerhin aus der Schweiz, macht eine halbwegs gute Figur. Er ist auch der Einzige, der die Hand hebt, bei der Frage, wer denn schon mal auf über 4000 Metern gewesen sei. Dafür hat er allerdings auch, neben unserem Bergführer Alexeij, an seiner Kameraausrüstung mit am schwersten zu schleppen.

Unverwüstlich auch Sara Monimart von Arte Radio. Sie ist extra aus Frankreich angereist, um uns bei den Aufnahmen zu helfen und krabbelt dafür auch mal um fünf Uhr morgens aus dem Zelt. Wenn alle störenden Nebengeräusche ausgeblendet sind, haben ausschließlich die Gletschertöne ihren großen Auftritt. „Durch das Mikrofon klingt das wirklich faszinierend. Fast wie das Pfeifen einer Lokomotive oder das Getrampel einer Horde von Pferden.“ Erzählt sie uns „Daheimgebliebenen“ später bei einer wärmenden Tasse Tee in der improvisierten Küche der glaziologischen Station, die unser Basislager bildet.

Ein gelungener Start in den neuen Expeditionstag. Wir machen uns auf den Weg, die versenkten Aufnahmegeräte wieder einzusammeln. Wenn man nicht schon aufgrund des langsam einsetzenden Sauerstoffmangels das Reden eingestellt hat, so verstummt man doch bald vor der gigantischen Schönheit, die einen kurz darauf vollständig umgibt. Peak Molodjoshny, Peak Pogrebetzki, der Mametowgletscher und der sogenannte Alpengrad versetzen uns mit ihren wilden karstigen und schneebedeckten Gipfeln in Staunen und Ehrfurcht.

Atemlos am Gipfel

Eindrucksvoll auch die unendlichen Geröllstraßen der Gletschermoränen, die sich zwischen den Bergen durchschlängeln und uns die gewaltigen Kräfte des Gletschers, aber auch seine ehemalige Größe vor Augen führen. Es geht über Stock und Stein, an eiskalten Gletscherseen vorbei, bis sich vor uns abermals der majestätische Tujuksu auftut. Auf seiner weißen Zunge legen wir die verbleibenden Höhenmeter zurück, und stapfen mühsam in einer langen Schlange über die knirschende und knackende Eisfläche. Die Neugierde auf die akustischen Resultate der nächtlichen Aufnahmeaktion treiben uns an.

Insgesamt sind wir drei volle Tage am Fuße des Gletschers. Im Team herrscht betriebsame Arbeitsatmosphäre. Für die Ton- und Filmaufnahmen erkunden wir an den folgenden Tagen auch noch die anderen umliegenden Gipfel. Die Bergwelt wird dabei ihrem Ruf der schnellen Wetterumschwünge gerecht, und ehe wir uns versehen, stehen wir mal in einer dicken Nebelwand und mal im Schnee- und Hagelgestöber. Da wirkt der sonnenbegleitete Aufstieg zum Tujuksu vom Vortag fast wie ein Sonntagsspaziergang. So schnell die Wolken gekommen sind, so schnell verziehen sie sich aber auch wieder. Und dann stehen wir atemlos auf dem Peak Molodjoshny, am Horizont erahnen wir den großen Almatiner See. Ein Panorama, das es angesichts der Klimaerwärmung so schon bald nicht mehr geben dürfte.

„Gletschermusik“ ist ein gemeinsames Projekt der Goethe-Institute Usbekistan und Kasachstan, mit dem auf die fortschreitende Gletscherschmelze und die katastrophalen Auswirkungen aufmerksam gemacht werden soll. Aus den Gletschertönen entstehen Kunstwerke zentralasiatischer Künstler die im nächsten Jahr auf Festivals in Zentralasien und Europa präsentiert werden. Wissenschaftlich wurde die Problematik bereits auf vier künstlerisch-wissenschaftlichen Symposien aufgegriffen. Im Januar folgt eine vertiefende Konferenz. Begleitend entsteht didaktisches Material um die Thematik auch an Schulen und Universitäten zu verbreiten.
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