Goethe aktuell

Unser Adventsrätsel: Wer kennt dieses märchenhafte Land?

Andreas LechnerCopyright: Andreas Lechner
Auf einer Insel erzählt man sich dieses Märchen – aber auf welcher? (Illustration: Andreas Lechner)

3. Dezember 2012

Nur ungern geraten wir in den Verdacht, wir erzählten Ihnen bei „Goethe aktuell“ Märchen. Doch in diesem Advent wollen wir es tun. Viermal. Und wenn Sie uns verraten, woher die jeweilige Geschichte stammt, bekommen Sie Post – aus just diesem Land. Es beginnt, wie könnte es anders sein, mit einem Stern.

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Duft von Anis, Nelken und heißem Rotwein die Luft schwängerte, und dieser Duft kommt alle Jahre wieder und zwar zu der Zeit, da die Tage kurz und kalt werden. Und jedermann geht, dass er sich verwöhnen lasse mit einer Tasse heißen Tees, einem Stück Christstollen oder einem Lebkuchen, ein jeglicher in seiner warmen Stube. Und wenn es draußen dunkel und ungemütlich ist, dann erzählt man sich drinnen Geschichten. Die Weihnachtsgeschichte, klar, aber auch andere weihnachtliche Prosa und Lyrik. Wie gern erinnern wir uns etwa an Loriots besinnliche Verse, in denen des Försters Ehefrau gerade, als das Rehlein zur Ruh' geht und das Häslein die Augen zutut, ihren Gatten erlegt und ihn – sorgfältig auf sechs Pakete verteilt – Knecht Ruprecht als edle Gabe mit auf den Weg gibt. Das wärmt das Herz.

Andere freuen sich über die zumeist televisionär dargebotene Geschichte vom kleinen Lord oder besinnen sich eben auf die guten alten Märchen.

So wollen auch wir es in diesem Jahr – inspiriert vom Grimm'schen Jubiläum – tun. Allerdings ausnahmsweise nicht in der Heimat der beiden Brüder, sondern draußen in der großen Welt. Denn fast jedes Land hat seinen reichen Schatz an besonderen Märchen. Vier dieser Märchen wollen wir Ihnen in den kommenden Wochen vorstellen. Jedes kommt aus einem Land, in dem auch das Goethe-Institut vertreten ist. Die Kollegen vor Ort haben sie mit viel Liebe für Sie ausgesucht – als besonders kalorienarme Nüsse während der Adventszeit. Jeder, der eine der Nüsse knackt, bekommt dafür Post aus dem erratenen Land, persönlich verfasst von Sprachschülern des Goethe-Instituts. Aber freilich freuen sich die Deutschschüler auch über Antwort: Wer möchte, kann dem Absender per Mail danken.

Und hier unser erstes Märchen für Sie:

Die Schöne mit dem goldenen Stern

Es war einmal ein wunderschöner junger Mann. Sein größter Wunsch war, die Schöne mit dem goldenen Stern zu finden. Aber sie wurde, so erzählte man sich, in einem Schloss von einem bösen Zauber in Bann gehalten.

Eines Tages nahm der junge Mann all seinen Mut zusammen, packte sein Schwert ein und machte sich mit seinem Pferd auf die Suche. Wochenlang suchte er vergeblich, eines Abends jedoch verlief er sich im Wald. Auf einmal hörte er bezaubernde Musik und sah, dass sich helle Lichter näherten. Sieben Feen erschienen vor seinen Augen und tanzten. Sie fragten ihn, wie er hierher gekommen war und warnten vor den vielen Gefahren, die auf ihn lauern würden. Doch als sie merkten, dass er sich nicht von seinem Vorhaben abbringen ließ, schenkte ihm jede einzelne Fee eine Nuss, die er bei Gefahr nutzen solle. Dann verschwanden sie.

Der junge Mann ritt weiter und traf auf einen alten Mann, der mit einem langen Stock in einem Topf über dem Feuer rührte. Der Reiter fragte ihn, was er da mache und der Alte antwortete: „Schon seit 3.000 Jahren rühre ich in diesem Topf, und ich werde nie damit aufhören dürfen. Das ist meine Verdammnis.“

„Was rührst du denn, alter Mann“, fragte der Reiter.

„Ich rühre die schlechten Angewohnheiten der Menschen. Damit die Tugenden, die ebenfalls im Topf sind, nicht verschwinden. Ich rühre, um das Gleichgewicht zu wahren.“

Der junge Mann beschloss, dem Alten zu helfen. Er übernahm das Rühren, so dass der Alte schlafen konnte. Als er am nächsten Tag weiterzog, schenkte ihm der alte Mann ein Haar aus seinem weißen Bart, das ihm bei der Suche nach der Schönen mit dem goldenen Stern helfen sollte. Der Alte gab ihm auch den Hinweis, dass er sieben Flüsse, sieben Berge und sieben Wälder voller Gefahren durchqueren müsse.

Der Reiter nahm seine Suche auf. Tatsächlich waren die Flüsse, Berge und Wälder voller Gefahren. Doch der junge Mann überwand sie, indem er die ersten drei Nüsse der Feen knackte. Wie durch ein Wunder lösten sich alle Hindernisse in nichts auf. Der junge Mann ritt weiter und weiter und auf einmal sah er ein Schloss, das wie ein Diamant leuchtete. Je weiter er sich dem Schloss näherte, desto mehr Skelette lagen ihm zu Füßen. Er schauderte vor Angst.

Kurz bevor er das Schloss erreichte, stellte sich ihm ein Drache in den Weg, und ein Kampf brach los. Der junge Mann versuchte, ihm den Kopf abzuschlagen, doch plötzlich verwandelte sich der Drache in ein Krokodil und versuchte sowohl den Reiter als auch sein Pferd zu verschlingen. Der junge Mann konnte in letzter Minute eine Nuss knacken. Sofort verwandelte sich das Krokodil in einen alten Mann, dem er den Kopf abschlug. Er verstaute den Kopf in seinem Sack und ritt weiter in Richtung Schloss.

An einem Fenster des Schlosses stand die Schöne. Auf ihrer Stirn befand sich ein goldener Stern, der so hell leuchtete, dass der junge Mann wie geblendet stehen blieb. Noch nie zuvor hatte er eine solche Schönheit gesehen. Auch sie war von seinem Anblick überwältigt. Sie öffnete ihm das Tor, doch plötzlich näherte sich ein Ungeheuer und wollte ihn fressen. Erneut griff der junge Mann zum Schwert, doch er war mit seinen Kräften am Ende. Schnell knackte er eine der verbliebenen Nüsse, und die Bestie verwandelte sich in eine alte Frau. Auch ihr schlug der junge Mann den Kopf ab und verstaute ihn in seinem Sack.

Seine Angebetete rief ihm zu, noch eine Schlange mit sieben giftigen Zungen töten zu müssen, um den Zauber endgültig zu durchbrechen. Sie befestigte ein Seil an seinem Gürtel und stieg mit ihm in ein dunkles Verlies hinab. Das Verlies war voller Rauch und stank fürchterlich. Sie bat den jungen Mann, die abgehackten Köpfe auf den Boden zu werfen, sodass der Gestank und der Rauch verschwanden. Er tat wie ihm geheißen, doch dann schien der Raum immer größer und größer zu werden und alles verschwamm vor seinen Augen. Voller Verzweiflung knackte er die sechste Nuss. Kurz darauf sah er einen Lichtschimmer, der aus einem Raum trat. Dort fand er die Schlange, die ihn mit ihren sieben giftigen Zungen zu töten suchte. Der junge Mann knackte die siebte Nuss, und die Schlange erstarrte. Er schnitt ihr alle Zungen ab und die Schlange fiel tot zu Boden. Dann zog er am Seil an seinem Gürtel und ließ sich von der Schönen mit dem goldenen Stern hinaufziehen.

Doch als sie ihn sah, drehte sie ihm den Rücken zu und lief in ihr Zimmer. Zwei Monate bettelte der Reiter vergeblich, dass sie ihn hineinließe. Schließlich nahm er das Barthaar, das ihm der alte Mann am Feuer geschenkt hatte und warf es in Richtung der Schönen mit dem goldenen Stern. Endlich löste sich der böse Zauber. Sie umarmten sich, sammelten alle Reichtümer des Schlosses und kehrten in das Heimatdorf des jungen Mannes zurück. Dort heirateten sie und waren glücklich bis an ihr Lebensende.

Die Auflösung erfahren Sie am nächsten Montag. Bis dahin können Sie Ihren Tipp abgeben – aber jeder bitte nur einen pro Land. Und weil Sie's sind, bekommen Sie noch einen kleinen Hinweis obendrein: Von allen vier Märchen, die wir Ihnen präsentieren, ist dieses das den Deutschen geografisch Nächste. Die Region, aus der es stammt, ist eine wunderschöne Insel; Krokodile sind hier nicht beheimatet, aber einen der Feuer spuckt, gibt es tatsächlich – es ist jedoch kein Drache.

Also, sagen Sie uns: Wo muss der junge Mann über sieben Flüsse gehen?

Dieses Rätsel ist bereits beendet. Die richtige Antwort lautete: Italien. Natürlich haben wir auch die Lösung „Sizilien“ gelten lassen, denn von hier stammt das Märchen. Anders als viele mündlich überlieferte Volksmärchen hat die Geschichte von der Schönen mit dem goldenen Stern sogar einen eindeutigen Autor: den Schriftsteller Giuseppe Pitrè (1841-1916). Auf Deutsch nacherzählt hat das Märchen für uns Patrizia Barba.

Zum nächsten Märchen unseres Adventsrätsels gelangen Sie hier.

-db-

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