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Des Adventsrätsels zweiter Teil: Woher kommt diese Hexe?

Andreas LechnerCopyright: Andreas Lechner
Hinter den Bergen zwischen Seen und Sümpfen erzählen sich Menschen dieses Märchen – doch in welchem Land? (Illustration: Andreas Lechner)

10. Dezember 2012

Das zweite Lichtlein brennt, das zehnte Türchen ist geöffnet – Zeit für ein neues Märchenrätsel: Woher stammt die Geschichte? Wenn Sie es uns verraten, bekommen Sie Post aus just diesem Land.

Pilipka, lieb Söhnchen

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die sich vergeblich ein Kind wünschten. Die Frau jammerte: „Ich habe niemanden, den ich in der Wiege wiegen, den ich von Herzen lieben kann.“ Eines Tages ging der Mann in den Wald, hieb aus dem Stamm einer Erle einen Scheit, brachte ihn nach Hause und sagte zur Frau: „Da hast du was zum Wiegen.“ Die Frau legte den Holzscheit in die Wiege und begann, ihn in den Schlaf zu schaukeln: „Söhnchen mein, schlafe ein, schlaft ihr weißen Schulterlein, schlaft ihr schwarzen Äugelein …“. Als sie am dritten Tag in die Wiege blickte, sah sie keinen Erlenscheit, sondern ein Bübchen darin liegen. Wie freuten sich der Mann und die Frau und nannten ihr Söhnchen Pilipka.

Als Pilipka etwas größer war, sagte er zum Vater: „Lieber Vater, baue mir ein golden Kähnlein mit silbernem Ruderlein, ich will im See angeln.“ Der Vater tat dies und ließ den Sohn auf den See hinausfahren und angeln. Pilipka fand so viel Freude daran, dass er nicht einmal zum Essen nach Hause fahren wollte. So brachte es ihm die Mutter an den See. Jedes Mal. Als sie am Ufer ankam, rief sie: „Pilipka, lieb Söhnchen, komm ans Ufer, iss von dem leckeren süßen Brei!“ Und Pilipka ruderte mit dem Kahn ans Ufer, gab der Mutter die Fische, aß den Brei auf und fuhr wieder auf den See hinaus.

Die böse Hexe hörte, wie die Mutter mit dem Sohn sprach, wurde wütend und beschloss, Pilipka zu töten. Sie nahm Sack und Schürhaken in die Hand, ging zum See und rief: „Pilipka, lieb Söhnchen, komm ans Ufer, iss von dem leckeren süßen Brei!“ Als Pilipka das hörte, antwortete er: „Nein, du bist nicht meine Mutti. Meine Mutti hat eine viel zartere Stimme.“ „Nun gut“, dachte sich die Hexe, „ich lasse mir eine zartere Stimme machen.“

Sie ging zum Schmied, der ihr befahl, die Zunge auf den Amboss zu legen. Mit einem Hammer schlug er so lange auf die Zunge, bis sie ganz dünn war, und die Stimme der Hexe ganz zart. Am See angekommen rief sie erneut: „Pilipka, lieb Söhnchen, komm ans Ufer, iss ein wenig von dem leckeren süßen Brei!“

Pilipka ruderte über den See und als er näher kam, zog die Hexe seinen Kahn mit dem Schürhaken ans Ufer, packte Pilipka und steckte ihn in den Sack. „Ich habe es satt, dass du alle Fische aus dem See wegangelst“, sprach sie und machte sich mit dem Sack auf den Schultern auf zu ihrer Hütte.

Als sie dort angekommen war, öffnete sie den Sack und sagte zur Tochter: „Heize den Ofen ein und brate mir den Halunken! Schau zu, dass er gegen Mittag gar ist!“ Die Tochter heizte den Ofen, holte die Brotschaufel und sagte zu Pilipka: „Leg dich auf die Schaufel, ich will dich in den Ofen schieben.“ Pilipka legte sich auf die Schaufel und streckte die Beine hoch. „So kann ich dich nicht in den Ofen schieben“, schimpfte die Hexentochter. „Wie soll ich mich denn auf die Schaufel legen?“, fragte Pilipka. „Zeige du es mir!“ „So ein Dummkopf“, schrie die Hexentochter, legte sich auf die Brotschaufel und streckte sich aus. Da stieß Pilipka die Schaufel in den Ofen und schob den Riegel vor. Als er die Hütte gerade verließ, sah er die böse Hexe kommen. Schnell kletterte Pilipka auf den Ahorn im Hof und versteckte sich in dessen dichtem Laub.

Die Hexe betrat die Hütte und schnupperte. Sie zog den Braten aus dem Ofen, aß sich am Fleisch satt, schmiss die Knochen auf den Boden im Hof und begann, sich darauf zu wälzen: „Ach, wie schön, mich so zu wälzen, mich hin und her zu drehen, nachdem ich mich von Pilipkas Fleisch satt gegessen, von seinem Blut satt getrunken habe.“ Da rief Pilipka vom Baum: „Ach, wie schön du dich wälzt und drehst, nachdem du dich vom Fleisch deiner Tochter satt gegessen, von ihrem Blut satt getrunken hast.“

Als die Hexe das hörte, wurde sie schwarz vor Wut. Sie holte eine Axt und hieb auf den Ahornstamm ein, bis der Baum zu wanken anfing. Pilipka begriff, dass er sich retten musste. Als ein Schwarm Gänse daherflog, bat er sie: „Liebe Gänse, werft mir jede eine Feder herab! Ich fliege mit euch zum Vater und zur Mutter. Sie werden es euch vergelten.“ Die Gänse warfen ihm je eine Feder herab. Pilipka machte sich daraus zwei Flügel und flog den Gänsen hinterher. Die Hexe hieb weiter auf den Ahorn ein, bis – rratsch! – dieser stürzte und die Hexe zerdrückte.

Als Pilipka mit den Gänsen zu Hause ankam, freuten sich die Eltern, dass sie ihr Söhnchen zurückhatten! Sie gaben ihm sofort zu essen und zu trinken. Und die Gänse bekamen einen Trog voller Hafer.

Die Auflösung erfahren Sie am nächsten Montag. Bis dahin können Sie Ihren Tipp abgeben. Übrigens: Das von uns gesuchte Land feiert gleich zweimal Weihnachten. Die katholische Bevölkerung am 25. Dezember, und die orthodoxe am 7. Januar. Die Geschenke bringen jedoch Väterchen Frost und seine Enkelin Schneeflöckchen. Gut haben Sie‘s, dass Sie nicht den Namen des Sees erraten müssen, in dem Pilipka angelt, denn in seiner Heimat gibt es über 10.000 Seen.

Apropos Wasser: Das Märchen von der feuerspuckenden Insel, das wir Ihnen vor einer Woche erzählt haben, stammte aus Sizilien. Natürlich haben wir auch Italien gelten lassen. Alle, die es gewusst oder erraten haben, bekommen eine Weihnachtskarte von dort – verfasst von den Sprachschüler des Goethe-Instituts. Auch diesmal gibt es wieder persönliche Post; doch nicht von einer Insel, sondern aus einem Binnenland.

Also: Wo retten Gänsefedern das Söhnchen Pilipka vor der bösen Hexe?

Dieses Rätsel ist bereits beendet. Die richtige Antwort lautete: Weißrussland (Belarus). Die hinterlistige Hexe heißt Baba Jaha und zählt mit den Namensvarianten Baba Yaga, Baba Jaga oder Baba Roga zu den bekannten Märchengestalten der slawischen Mythologie. Auf Deutsch nacherzählt haben das Märchen für uns Julija Knysch und Galina Skakun.

Zum nächsten Märchen unseres Adventsrätsels gelangen Sie hier.

-dg-

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