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Johannesburg: No go? Nein, danke!

Lerato MadunaCopyright: Lerato Maduna
Ein Akkordeonspieler spielt ein paar melancholische Töne ... (Foto: Lerato Maduna)

19. Dezember 2012

Mauern und Stacheldraht: Johannesburg ist hoch gerüstet. Viele Bewohner leben in Angst vor Überfällen. Kategorien wie Schwarz und Weiß, Arm und Reich spalten die Stadt noch immer. Das Kunstprojekt Spines hält dagegen. Von Aya Bach

Ein Schrottauto, hoch über den Köpfen aufgepflanzt, lädt zu einer zweifelhaften Miete ein: „Rent a Wreck“ heißt der Autoverleih in der Innenstadt. „Das ist ein vergessener Teil von Johannesburg“, sagt der Taxifahrer, als er mich herbringt und die Adresse sucht. Wir kurven zwischen zerfledderten Hausfassaden und Mülltüten herum. Noch vor zwei Jahren wurde ich davor gewarnt, als Weiße in der Gegend herumzulaufen. Was ich hier will? Am Wrack-Verleih beginnt eine ungewöhnliche Stadterkundung. Nicht für mutige Touristen konzipiert, sondern für Johannesburger: United African Utopias nennt sich das Performance-Projekt, das in Stadtteile führt, die oft gemieden werden.



Ein bunt gemischtes Kulturpublikum, ältere und jüngere, dunkel- und hellhäutige Menschen macht sich auf den Weg. Zwei Darstellerinnen mit goldfarbenen Gewändern und japanischen Schirmchen führen uns zu Fuß durch die Innenstadt, durch Straßen, in die Weiße sich nur selten trauen. Ausstaffiert mit knallbunten Designer-Radios sind wir in einen Soundtrack gehüllt, der als akustische Narren- und Tarnkappe dient. Uns begleiten geheimnisvoll maskierte Gestalten, die immer wieder wie aus dem Nichts auftauchen. Vorbei an Klamottenläden, Flip-Flop-Verkäufern am Straßenrand, Werbung für Penisvergrößerungen und Abtreibungen. Wir lassen gierig die Blicke schweifen, fotografieren ungehemmt. Die City-Bewohner nehmen den seltsamen Auftritt gelassen hin. Niemand wird beklaut, nicht mal angepöbelt.

Das Künstlerteam – João Orecchia und Mpumi Mcata (Johannesburg) sowie Hans Narva und Tanja Krone (Berlin) – führt uns nicht nur in den Straßen-Alltag, sondern auch in die Stadtgeschichte: Im Carlton Centre, früher mal ein Edel-Hochhaus samt Luxushotel, spuckt uns der Lift auf einer gespenstisch verlassenen Etage aus. Ein Akkordeonspieler spielt ein paar melancholische Töne, verschwindet wieder. Dann stehen wir ganz im Dunkeln, es riecht stickig, dumpf. Allmählich ist eine ehemalige Eisbahn zu erkennen: Erinnerung an bessere Zeiten.

Zynismus pur?

So wie das Carlton Center verkam Ende des 20. Jahrhunderts das gesamte Quartier infolge der Apartheid-Politik. Immer mehr Firmen zogen aus, gezielt wurden Schwarze als Mieter angelockt, um den weißen Besitzern leerstehender Immobilien Einkünfte zu sichern. Am Ende verslumte die Gegend – und leidet bis heute unter ihrem Negativ-Image, auch wenn Polizei und Kameras die Kriminalität nun eindämmen.

Schließlich steht ein Ort auf dem Tourprogramm, den niemand aus der Gruppe wirklich kennt: Alexandra, ein schwarzes Township mitten in Johannesburg, einen Steinwurf entfernt vom Nobelquartier Sandton. Prekäre Wellblech-Behausungen, Dixiklos. Ein paar Ziegen grasen im Müll. Im Minibus fahren wir vorbei, schauen aus dem Fenster: Zynischer Elends-Tourismus? Voyeurismus pur?

Ich fühle mich schlecht. Und beschließe zu fragen, wie es Leuten aus unserer Gruppe geht, die in Johannesburg leben und keine helle Haut haben. Klar finden sie das auch voyeuristisch. „Aber es ist besser, sich dem auszusetzen, als gar nicht hinzuschauen“, sagt Bret, ein junger Mann aus der Filmbranche. „Der Grad der Abgrenzung hier ist extrem hoch. Viele Leute haben Angst. Da hinzugehen würde die Blase ihres Lebens zerplatzen lassen, in der sie es sich bequem gemacht haben.“

Tiefe Gräben

Bequem fühlt sich von uns keiner mehr. Und das Kunstprojekt ist eine Gratwanderung. „Johannesburg ist eine Stadt in der Nach-Apartheid-Zeit“, sagt Lien Heidenreich, Leiterin der Kulturprogramme am Goethe-Institut. „Eine Stadt, die zwar zusammenwächst, in der aber viele Parallelwelten nebeneinander existieren.“ Die sind deutlich geworden auf der Tour. Aber das Festival Spines – der Titel spielt an auf die Verkehrsachsen der Stadt – will auch Anstöße zum Zusammenwachsen geben. So wie beim In House Project, einer zweiten Performance-Serie. Der Johannesburger Sello Pesa lässt Künstler bei Privatleuten auftreten, in ihren Vorgärten oder einfach auf der Straße vorm Haus.

Manchmal ist das Publikum überschaubar bis winzig. Als der Berliner Johannes Paul Raether alias Protektorama über die Übel des Kapitalismus philosophiert, schauen gerade mal zwei Mädchen über den Zaun. Doch das ist schon ein Erfolg im Stadtteil Lenasia, wo schwarze und indischstämmige Nachbarn durch tiefste Gräben getrennt sind: „Es hat fünf Jahre lang gedauert, bis die miteinander gesprochen haben“, erklärt Sello, der aus Soweto stammt und sich mit kulturellen Gräben auskennt.

Die aber verlaufen längst nicht nur zwischen Ethnien oder Hautfarben. In Protea, einem modernen Viertel Sowetos, leben Schwarze, die es zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben. Irritierend für die Bewohner, hier traditionelle Kriegsgesänge zu hören. Die Sänger sind Männer aus Lesotho, die in der Innenstadt Johannesburgs als Müllsammler leben. Welten trennen sie von Protea. Als wir alle ins Haus gebeten werden, bleiben sie draußen. „Gehen die jetzt rein und setzen sich auf einen Stuhl? Ich glaube kaum“, sagt Sello, „außerdem sprechen sie nicht Englisch.“ Die Scheu, zu kommunizieren, ist groß. Aber im Interview – mit Übersetzung – erzählen sie mir, wie stolz sie sind, hier zu sein und am Kunstprojekt teilzunehmen. Ich glaube, sie sind ehrlich.

„Ich möchte die alten Trennungen überwinden“, sagt Sello Pesa. Eine Erfolgsgarantie gibt es dafür nicht. „Ich möchte es schaffen, dass Leute zusammensitzen und nach zehn, zwanzig Minuten fragen, wie heißt du. Für mich ist Kunst eine Möglichkeit, Leute dazu zu bringen. Ich weiß noch nicht, wie das funktioniert. Vielleicht weiß ich das in zwei Jahren genauer.“
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