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Musik aus Myanmar: Zu Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Punkband!

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Die burmesische Punkband Side Effect nach dem Filmscreening im Festsaal Kreuzberg (Foto: Goethe-Institut)

7. Januar 2013

Punkkonzerte gibt es in Berlin viele – aber nicht mit Musikern aus Myanmar. Kein Wunder also, dass die Menschen vor dem Festsaal Kreuzberg Schlange stehen, um die burmesische Band Side Effect live auf der Bühne zu erleben. Von Caroline Meurer und Elisa Stahmleder

Die Veranstaltung im Festsaal steht unter dem Motto „Heimatabend“. Denn Heimat, das sei etwas, was man gestalten könne, wo sich Traditionen aufbrechen ließen. Nicht zwangsläufig ein Ort, Heimat könne auch Musik sein – Musik, die Dinge bewegt. Dass dieses Thema gut ankommt, sieht jeder, der am Festsaal Kreuzberg vorbei läuft: Vor dem Eingang drängt sich eine Traube von Menschen. Nach der Feuerprobe in Hamburg bestreitet die burmesische Punkband Side Effect („Nebenwirkung“) in Berlin das zweite Konzert außerhalb Asiens. Die Fan-Artikel sind so gut wie ausverkauft – die Zuschauer in Gera, wo das dritte und letzte Konzert der Deutschlandtournee stattfindet, werden wohl keine CDs und T-Shirts mit nach Hause nehmen können.

Aber auch einige Berliner werden heute Abend enttäuscht: Der Einlass wird gegen 21:30 Uhr geschlossen – der Festsaal ist bis zum letzten Sitz gefüllt. Doch vor dem Konzert bekommen die Besucher erst einmal den Dokumentarfilm Yangon Calling zu sehen.



Yangon Calling erzählt vom Leben in Myanmar. Im Mittelpunkt des Films stehen allerdings nicht Generäle, Demonstranten und Aung San Suu Kyi, sondern die Angehörigen eines eher überraschenden Milieus: der Punkszene. Junge Punkmusiker erzählen von ihrem Leben in der burmesischen Hauptstadt Yangon. Noch ist die Szene dort klein, jeder kennt jeden. Der Alltag in dem von der Militärdiktatur geprägten Land wird von Arbeitslosigkeit, staatlicher Überwachung und Perspektivlosigkeit bestimmt. In den Songtexten der porträtierten Punkmusiker taucht immer wieder der Wunsch nach Freiheit auf.

Dass sie für diese Freiheit kämpfen müssen, zeigt die Zensur. So berichtet Darko, Side-Effect-Frontsänger, bei der Diskussionsrunde im Anschluss an den Film: „Bands müssen ihre Liedtexte der Zensurbehörde seit der Öffnung des Landes zwar nicht mehr vorlegen, man kann jedoch trotzdem nicht schreiben, was man will. Wenn die Texte der Regierung nicht passen, muss man ins Gefängnis.“ Immerhin: Eine Tour nach Deutschland wäre für die Band vor einigen Monaten noch undenkbar gewesen. Die Militärdiktatur war weitgehend abgeschottet von der Welt. Langsam öffnet sich das Regime, und auch wenn Freigeister weiterhin überwacht werden, stehen die drei Burmesen schließlich heute Abend in Berlin auf der Bühne.



Bei dieser Fragerunde erfährt das Berliner Publikum auch die Entstehungsgeschichte von Yangon Calling: Als die Filmemacher Alexander Dluzak und Carsten Piefke aus Berlin von der wachsenden Punkbewegung in Myanmar hören, beschließen sie, einen Film über sie zu drehen. Über MySpace kontaktieren sie Side Effect. Als die Musiker sich bereit erklären, in dem Film mitzuwirken, fliegen die beiden Berliner 2011 nach Yangon. Über Sänger und Gitarrist Darko, Bassist Joseff und Drummer Tser Htoo kommen die Filmemacher in Kontakt mit anderen Punkmusikern. „Ohne die Hilfe der Jungs von Side Effect hätten wir den Film nicht machen können“, so Dluzak. „Und mit der Unterstützung des Goethe-Instituts ist es nun sogar möglich geworden, dass sie hier in Deutschland auftreten können.“ Denn das Goethe-Institut hat die Konzertreise nach Deutschland finanziert.

Ob sich viel geändert hat in Myanmar seit der Öffnung des Landes, will das Publikum noch wissen: „Nein“, sagt Darko. „Vor allem die normale Bevölkerung bekommt noch nichts davon mit, nur die Reichen werden immer reicher. Die Menschen müssen Druck auf die Regierung ausüben, damit wirklich etwas passiert.“



Mit ihren selbstgeschriebenen Songs macht die burmesische Band einen Anfang in Sachen Widerstand. In Berlin steht sie zusammen mit der Berliner Rockband Priscilla Sucks auf der Bühne. Im Festsaal wogt eine wild Pogo tanzende Menge. Wie sehr die Burmesen ihre Freiheit in einem Land fern der Heimat genießen, zeigt sich in der Ausgelassenheit, mit der sie ihre Show rocken. Mal eben wird Darko noch in den Gig der Vorband integriert und singt mit Priscilla-Sucks-Frontsängerin Eva deren letzte Lieder – und das nach nur zwei Wochen Vorbereitungszeit. Punk verbindet eben.
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