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Jan Delay im Interview: „Ich habe Bock auf Rock“

Jan DelayCopyright: Anastasia Tsayder/Goethe-Institut
Er ist der Chefstyler unter den Freunden des Sprechgesangs – im Maßanzug mit Schlips und Hut (Foto: Anastasia Tsayder/Goethe-Institut)

23. Januar 2013

„Wir können wetten – in zwanzig Jahren mach’ ich dir aus Bielefeld Manhattan!“ Ungeniert haut er uns seine Reime um die Ohren. Und Jan Delay sagt, was er denkt. Im Interview spricht er über Plattitüden, elektrisierenden Rock und Liebesgrüße aus Moskau.

Freitagabend in einem schicken Hotel in Düsseldorf. Jan Delay ist gerade als Krawattenmann des Jahres 2012 ausgezeichnet worden. Im Hotelzimmer stellt er seine neue Trophäe ab und setzt sich aufs Sofa. Er trägt Jeans, Hemd und Käppi.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Delay! Sie tragen ja gar keine Krawatte und keinen Anzug ...

Delay: Danke. Ich habe den Leuten vom Deutschen Modeinstitut gleich gesagt, ich werde nicht im Anzug ankommen. Dass sie mir die Krawatte verleihen, finde ich toll, aber ich nehme den ganzen Kladderadatsch deswegen nicht ins Flugzeug mit. In einer Art Laudatio hat man mir gerade erklärt, dass der Preis mehr für Modebewusstsein steht.

In Ihren Songtexten kritisieren Sie die Menschen in Deutschland. Sind wir Deutschen wirklich so verklemmt?

Das habe ich nirgends so gesagt.


Jan Delay, Kartoffeln

Aber Sie texten „Der Groove is Marsch, und wir haben kein’ Stock sondern n’ Wald im Arsch, Kartoffeln!“

Ah, „verkrampft“ meinen Sie. „Verklemmt“ hat für mich eher etwas mit Sexualität zu tun. Vor 20 Jahren waren sie alle noch sehr verkrampft – weil es in Deutschland zu wenig Einflüsse von außen gab. Es gab kein Internet, du konntest dir nicht per Knopfdruck jede Subkultur ins Haus liefern lassen. Wenn du dich für Mode und Hip-Hop interessiert hast, musstest du nach London, Amsterdam oder Paris fahren. Was in deutschen Radiosendern an Musik lief, waren zum größten Teil Plattitüden, Blümchenpop ohne Ecken und Kanten. Wenn du damit aufwächst, ist es schwer zu lernen, wie man tanzt, gutes Essen macht oder gute Filme. Ich glaube, die zehn, zwanzig Hip-Hopper, die es damals pro Stadt gab, waren die Pioniere.

Dann hat Hip-Hop dazu beigetragen, uns zu entkrampfen?

Jan Delay: „Mir ist es wichtig, politisch mitzumischen“ (Foto: Mathias Bothor)
Hip-Hop hat viel bewirkt. Aber es ist nur ein Beispiel für alle Subkulturen: Sie helfen, den Stock aus dem Arsch zu nehmen.

Sie rappen und reimen auf Deutsch. Warum, wenn Sie mit Englisch mehr Charts stürmen könnten?

Mir sind Texte sehr wichtig, und ich muss mich sicher in der Sprache bewegen können. Beim Hip-Hop geht’s um Reime, die vorher noch nicht da waren, um Wortspiele und auch mal um ein paar gute schwere Zeilen. Ich sitze superlang an meinen Texten und glaube, dass ich ihnen einen großen Teil meines Erfolgs verdanke. Auf Englisch würde ich vermutlich niemanden ansprechen.

Im September haben Sie beim Deutschlandjahr in Russland mit Ihrer Band Disko No. 1 ein Konzert in Moskau gegeben. Wie war’s?

Es war toll. Hätte ich nicht gedacht, ich hab mit dem Schlimmsten gerechnet.

Womit denn?

Wenn man noch nie in Russland war und nur die gefilterten Geschichten kennt, stellt man sich schlimme Dinge vor. Ich wusste nicht, was mich dort erwartet. Aufgrund meiner Texte bin ich nun nicht Helene Fischer, die ihr Entertainment-Ding abspult, was Putin bestimmt ganz toll findet. Ich war skeptisch. Und dann wurde ich extrem positiv überrascht.

Inwiefern?

Da es ein Umsonst-Konzert war und im Gorki-Park stattfand, sind viele Leute herangespült worden, die sonst wahrscheinlich nicht gekommen wären. Als ich auf die Bühne ging, habe ich gefragt: „Wer kann hier Deutsch?“ Ungefähr 80 Prozent der Besucher hielten die Arme hoch. Ich fragte: „Wer ist denn aus Deutschland?“ Es nahmen nur noch 20 Prozent die Arme hoch. Ich glaube, mehr als die Hälfte des Publikums waren Russen, die Deutsch konnten. Russen haben, was ich nicht wusste, eine große Affinität zur deutschen Sprache, zu Filmen, Musik und Kultur aus Deutschland. Nach dem Konzert kamen einige Leute zu mir und sagten: „Hey, mein Lieblingsfilm ist Soul Kitchen von Fatih Akin.“ Ich fragte verwundert: „Woher kennt ihr denn den Film?“ „Er lief hier im Kino.“ Mann, dachte ich, das ist doch ein Hamburger Film, den gab‘s ja noch nicht mal in Deutschland in jedem Kino. Das hat mich schon beeindruckt.


Jan Delay & Disko No. 1 in Moskau

Hat das Publikum in Moskau mitgesungen?

Da wir erst nach Einbruch der Dunkelheit aufgetreten sind, konnte ich nicht sehen, ob alle meine Texte mitgesungen haben. Allerdings wurde mir nach dem Konzert berichtet, dass es für russische Verhältnisse geradezu ekstatisch zugegangen ist; die Russen seien sonst eher zurückhaltend. Ich glaube also, ein, zwei Leute gibt es dort schon, die meine Musik hören.

Kurz nach Ihrem Konzert begann in Moskau der Prozess gegen die drei Sängerinnen der Punk-Rockband Pussy Riot. Zwei von ihnen wurden zu zwei Jahren Straflager verurteilt. Können Musik und die schönen Künste in einem autoritär regierten Land überhaupt etwas bewirken?

Um das beurteilen zu können, war ich zu kurz in Russland. Was der Fall Pussy Riot aber an Echo in der Welt ausgelöst hat, zeigt für mich, dass Musik und Kunst eine Wirkung haben. Mir haben die Menschen aus der Moskauer Kulturszene imponiert: Weil sie nicht mit Putin einverstanden sind, sind sie viel politischer als jeder hier in Europa. Jeden Montag nach der Arbeit gehen sie zur Demo. Und sie lassen sich nicht unterkriegen und machen weiter. Ich würde abhauen. Wobei, vielleicht wäre ich so mit meiner Sprache verbunden, dass ich doch bleiben würde.

Sie setzen sich für Alphabetisierung, Grundbildung, Klimaschutz ein. Beim G8-Gipfel in Heiligendamm haben Sie mit protestiert. Gehört es zu Ihrem Beruf, sich politisch einzumischen?

Auf keinen Fall. Musik ist immer noch Kunst und muss nicht zwangsläufig mit Politik vermengt werden. Das soll jedem, der mit Popkultur zu tun hat, selbst überlassen bleiben. Mir ist es wichtig, politisch mitzumischen, weil die Leute, zu denen ich früher aufgeschaut habe, es so gemacht haben.


Jan Delay, Er wollte nach London (Udo-Lindenberg-Cover)

Wer waren Ihre Idole?

Public Enemy. Ich könnte noch viele andere aufzählen, die keiner kennt. Und dann war da noch Udo Lindenberg. Er hat sich gegen Pershing-Raketen engagiert, hat in den Achtzigern in der Band für Afrika mitgespielt und war in seinen Texten politisch. Das war eine Initialzündung.

Nach Hip-Hop-, Rap-, Soul-, Funk- und Reggae-Alben arbeiten Sie gerade an einer Rockplatte. Wie kommen Sie denn bitte zum Genre Rock?

Ich habe Bock drauf! Neben Hip-Hop habe ich schon immer alles gehört – aber undercover. Wenn mich etwas besonders begeistert hat, wollte ich es selbst machen. Das war am Anfang mit Hip-Hop so, dann mit Reggae, Soul und Funk. In der Schülerband habe ich am Schlagzeug Songs von AC/DC, Guns N’ Roses und Rage Against the Machine gespielt. Und als ab 2002/2003 richtig viel geile Rockmusik rauskam, war der Wunsch da, eine Platte zu machen. Seit zwei Jahren probiere ich herum und habe dabei gemerkt, dass Rock auch meiner Funk-Band unheimlich viel Spaß macht.

Wird es bei einem Ausflug in den Rock bleiben oder sollten sich Ihre Fans auf einen ganz neuen Jan Delay einstellen?

Ich glaube, es wird nur eine Platte geben, weil wir jetzt schon so viel Arbeit in die Demos stecken, wie wir es noch nie gemacht haben. Früher war es immer viel mehr Jan Delay als Funk oder Reggae. Diesmal möchte ich viel Jan Delay und viel Rock. Wenn irgendwelche Rocktypen sich das anhören, sollen sie die Augenbraue hochziehen und sagen: „Wow, krass, das kann er auch.“


Jan Delay @ Rock im Pott 2012

Das Interview führte Daniela Gollob

Jan Delay, 36, eigentlich Jan Philipp Eißfeldt, wurde als Mitglied der Gruppe Beginner bekannt. Er ist Musiker, DJ und Produzent. Seine letzten beiden Alben Mercedes Dance und Wir Kinder vom Bahnhof Soul landeten auf Platz eins der deutschen Charts. Im September 2012 reisten der Hip-Hopper und seine Band Disko No. 1 nach Moskau, um beim Deutschlandjahr in Russland mit vielen anderen Musikgruppen und Straßenkünstlern zeitgenössische deutsche Kultur zu zeigen. Unter dem Motto „Deutschland und Russland – gemeinsam die Zukunft gestalten“ stellt sich Deutschland ein Jahr lang mit Projekten aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Bildung und Wissenschaft in ganz Russland vor.
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