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Shanghai-Biennale: Neuer Blick durch alte Fenster

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In Shanghai ermöglichen die Berliner Fenster den Blick auf nie Gebautes (Foto: Raumlabor)

15. Januar 2013

Die Welt ist ein Dorf: Was Fenster aus der Karl-Marx-Allee auf der Biennale in der chinesischen Hafenmetropole zu suchen haben. Und wie der DDR-Architekt Richard Paulick nach Fernost kam. Von Patrick Wildermann

Es ist die Geschichte alter Fenster, die ihren Weg aus einem Schuttcontainer an der Karl-Marx-Allee nach China gefunden haben. Die eines Regals, das einer Untergrundbibliothek in Shanghai entstammen soll und heute in einer Berliner Wohnung steht. Und die eines Mannes, der in Fernost und in der DDR als Architekt gewirkt hat und dabei merkwürdig unsichtbar geblieben ist. Eine globale Geschichte eigener Art. Aber der Reihe nach.

Peter Anders hat als Treffpunkt in Peking das Café Kubrick gewählt. Es liegt gegenüber dem einzigen Programmkino der chinesischen Hauptstadt, eingebettet in den futuristischen Komplex von Beijing Moma: Hochhauswürfel nahe der Stadtautobahn, durch Brücken verbunden – eines der wenigen Beispiele für ökologisch nachhaltiges Bauen in China, grüne Architektur inmitten eines Landes, in dem ständig Neues aus dem Boden gestampft wird.

Im Café Kubrick, benannt nach dem legendären Regisseur, gibt es englischsprachige Filmliteratur und Getränke zu Westpreisen. Anders, der das Goethe-Institut Peking leitet und auf der Shanghai-Biennale den Berliner Pavillon gestaltet hat, erzählt von dem Projekt, das einen Bogen von Berlin nach China schlägt und wieder zurück. Die Kunstschau in der Hafenmetropole, nur fünf Stunden im Hochgeschwindigkeitszug von Peking entfernt, hatte sich 2012 ein neues Konzept geleistet. Neben der Hauptausstellung gibt es eine Reihe von City-Pavillons in einem leerstehenden Kontorgebäude. Ulan Bator neben Teheran neben Detroit. Für China, sagt Anders, ist es ein Novum, „dass in einem offiziellen Kontext solche abseitigen Räume bespielt werden“. Mit Arbeiten, die sich der unmittelbaren Kontrolle der Regierenden entziehen.

Architekt mit bewegtem Leben

Der Goethe-Mann hat die Künstlerarchitekten der Gruppe Raumlabor eingeladen, den Pavillon zu gestalten. Die stießen bald auf die Biografie eines Mannes, mit dem sie enger verbunden sind, als sie ahnten: Richard Paulick. Berliner kennen ihn vor allem als Architekt der 1955 wiederaufgebauten Staatsoper Unter den Linden: Der bei der jetzigen Restaurierung zunächst vorgesehene Abriss des Paulick-Saals wurde nach heftigen Protesten verworfen.

Der DDR-Architekt plante außerdem den sozialistischen Wohnungsbau in Hoyerswerda, Schwedt und Halle-Neustadt – wo Raumlabor ein temporäres Hotel betrieb – und für zwei Blöcke der Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee. Hier haben die Berliner Urbanisten ihr Büro, in einem Paulick-Gebäude. „Wir wussten das nicht“, sagt Raumlabor-Mitglied Benjamin Foerster-Baldenius. Im gleichen Haus wohnt auch die Nichte des Architekten, die Fernsehschauspielerin Natascha Paulick. Sie führte gerade einen Kampf gegen die Hausverwaltung, weil alle alten Fenster gegen neue Isoglasmodelle ausgetauscht werden sollten. Die meisten Paulick-Fenster lagen schon im Container, als die Raumlabor-Leute sie retteten.

Von der Nichte erfuhr Foerster-Baldenius viel über den durchaus umstrittenen Architekten. In ihrer Wohnung entdeckte er ein Regal, das er schon auf einem Foto in einem Paulick-Buch gesehen hatte. Der Kommunist, der 1933 vor den Nazis nach Shanghai fliehen musste, soll es in China gebaut haben, für Untergrundkämpfer, die eine geheime marxistisch-leninistische Bibliothek betrieben. Das Möbel enthält aber keine versteckten Fächer, birgt keine Schätze, die Erbin hat es untersucht. Man kann jedoch allerhand hineinprojizieren. So wie in Paulicks bewegtes Leben.

Bauten nur auf dem Reißbrett

Eine Ost-Ost-Biografie voller Fragezeichen. Es existieren beispielsweise Fotos, die Paulick in China im Kreis um den Kommunisten Richard Sorge zeigen, aber was hatten die beiden miteinander zu tun? Viele biografische Momente bleiben unbelichtet. Sicher ist, dass Paulick Shanghai als Exil wählte, weil dort ein Studienfreund lebte, Rudolf Hamburger, der Moskauer Agent wurde und im Gulag ums Leben kann. Außerdem brauchte man kein Visum für die Einreise. „Ich vermute, er glaubte nicht, dass er 15 Jahre in China bleibt“, sagt Foerster-Baldenius.

Sein Aufenthalt blieb nicht ohne Erfolge. Paulick gründete unter anderem eine Firma für Innenarchitektur, hatte ab 1945 an der Shanghaier St. Johns University einen Lehrstuhl für Innenarchitektur und Stadtplanung inne und stieg zum Leiter des Stadtplanungsamts der Regierung von Tschiang Kaischek auf. Dann, 1949, kam Mao, Paulick brach seine Zelte ab. Wollte eigentlich nach Amerika, was sich zerschlug, tourte eine Weile durch Europa und landete in Berlin bei Hans Scharoun in der Wiederaufbaukommission. Ob es eine glückliche Zeit in China war oder ein Überlebenskampf? Die meisten seiner Entwürfe wurden nie realisiert. Paulick hat in Shanghai nur ein einziges Haus gebaut, die Yao-Residenz, die heute von der Regierung als Gästehaus genutzt wird. Sein Name ist in China kein Begriff.

Begeisterte Reaktionen

Womöglich hat der Architekt im Exil auch seine Handschrift verloren. Paulick stammte aus der Bauhaus-Schule, arbeitete bei Gropius und setzte streng modernistische Architektur im internationalen Stil um. Davon ließ die Stalinallee später nichts mehr erkennen. „Er war keiner, der eine neue Idee von Stadt verkörpert hätte“, so Foerster-Baldenius. Die Installation auf der Biennale ist entsprechend mehrdeutig The International Ghost betitelt – ein Hybrid aus mehreren Paulick-Bauten. Aus dem Stahlhaus in Dessau, seinem ersten Entwurf, und der Yao-Residenz mit Teehaus-Anmutung samt Goldfischen (die inzwischen leider verstorben sind), Singvögeln und zehn lautstarken Grillen. Die Besucher bekommen im Berlin-Pavillon Tee serviert, eine hervorragend gestaltete Broschüre informiert über das Projekt und Paulicks Wirken: „Alles, was sich vor 1949 zugetragen hat, liegt für die Chinesen ja vor Beginn der Zeitrechnung“, erklärt Foerster-Baldenius.

Die Reaktionen auf den Pavillon sind euphorisch – wobei Kritik in China nicht üblich ist, wie Kurator Peter Anders zu bedenken gibt. Aber die Achse China–Berlin ist tatsächlich sehr ausgeprägt. In der Elektromusikszene finde reger Austausch statt, auch für chinesische Künstler ist die Anziehungskraft der deutschen Hauptstadt groß. Noch ein paar Tage blickt man in Shanghai durch alte Fenster Richtung Berlin. Die Fenster aus der Karl-Marx-Allee sind 8400 Kilometer dafür geflogen und ermöglichen im Biennale-Pavillon eine ungewöhnliche Aussicht: den Blick auf Richard Paulicks Entwürfe, auf Häuser, die nie gebaut worden sind.

Mit freundlicher Genehmigung des Berliner „Tagesspiegel“
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