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Deutschland für Anfänger: Die Mobilienbesitzer

Lisa RauschenbergerCopyright: Lisa Rauschenberger
Mut zum Eigenheim: Mehr Bau wagen (Foto: Lisa Rauschenberger)

19. Januar 2013

Bauwagen statt Zwei-Zimmer-Küche-Bad: Das Leben auf vier Rädern ist für manche Menschen eine interessante Alternative zur engen Großstadtwohnung. Kann aber kalt werden. Von Lisa Rauschenberger

Claus sitzt in seiner Küche und raucht eine Kippe. Seine Mitbewohner Astrid und Adrian erledigen zusammen den Abwasch. Astrid zieht den Stöpsel, und das Abwasser fließt in einen Eimer unter der Spüle. „Hups, der ist ja schon voll“ – schnell stöpselt Astrid den Abfluss wieder zu.

Ohne dicke Jacke, feste Schuhe und Mütze kommt man in der kalten Jahreszeit schnell ins Frösteln. Denn die Küche ist im Freien: Ein paar Holzplanken, die zwischen zwei Bauwagen gelegt wurden, ein Geländer, darüber ein graues Wellblechdach. Das ist aber nur der Außenbereich der Küche. „In dem Bauwagen, da haben wir ja noch eine kleine Küche“, sagt Claus und zeigt auf den rechten der beiden Wagen. „Da drin ist auch ein Ofen, der richtig gut bollert. Da kann man sogar im Winter im Schlafanzug frühstücken, so warm wird’s da.“

Das Leben im Bauwagen kann entbehrungsreich sein. Vor allem im Winter. Das will Claus nicht schönreden. Ein Bad haben er und seine Mitbewohner nicht – noch nicht, betont er. „Wir sind dabei, eins zu bauen. Das machen wir selber, so wie hier eigentlich alles.“ Sie haben eine kleine provisorische Waschstelle, im Freien. Zum Duschen gehen sie zu Freunden oder zum Sport.

Auch das Klo ist eine abenteuerliche Angelegenheit: Ein Holzverschlag mit Planen ringsherum, die den Klogänger vor indiskreten Blicken schützen. Aber auch das wollen sie in den nächsten Wochen ändern. Claus ist optimistisch: „Ein paar Bretter rundherum, ein Ofen, und das Ganze wird gleich viel gemütlicher.“ In den Bauwagen müssen sie im Winter die Öfen ordentlich anfeuern, denn wenn es nachts Minusgrade hat, hilft auch die dickste Decke nicht. „Wenn man morgens aufsteht, sind es manchmal schon ein paar Grad unter Null“, sagt Claus.

„Ich fühle mich dadurch lebendig“

Trotzdem haben er und seine Mitbewohner Astrid, Adrian, Jonas und Anton sich für ein Leben im Bauwagen entschieden. Und scheinen äußerst zufrieden damit. „Es ist diese Verbindung zwischen drinnen und draußen“, erklärt Claus. „Dass ich so viele Temperaturwechsel habe, vor allem im Winter jetzt. Auch wenn es auf den ersten Blick hart erscheint, dass es so kalt ist. Aber dann schmeißt man den Ofen an und es wird im Wagen mollig warm und wenn man dann vor die Tür geht, merkt man die Kälte wieder richtig. Irgendwie fühle ich mich dadurch lebendig.“ Es ist ein Leben im Grünen. Links und rechts an ihr Grundstück grenzen andere Gärten, die man auf kleinen Pfaden erreicht. Die Stadt scheint ewig weit weg. Nur das Rauschen der nahen Schnellstraße trübt die Idylle.

Im Mai 2011 ist Claus zusammen mit den Freunden auf den Platz in der Genossenschaftssiedlung im Kölner Süden gezogen – jeder in seinen Wagen. Seitdem lebt er in einem knallblauen Zirkuswagen mit weißen Fensterrahmen. Er hat ihn für 2.700 Euro von einem Bekannten übernommen. Ein stolzer Preis, aber für Claus war es die Sache wert: „Jetzt bin ich Mobilienbesitzer“, sagt er und lacht. Das Geld, das er für den Wagen bezahlt hat, spart er bei der Miete ein. Nur 50 Euro zahlt er jeden Monat für den Platz.

Von innen wirkt der Wagen wie ein gemütliches, holzvertäfeltes WG-Zimmer: Unter dem Hochbett steht ein ausgesessenes Sofa, daneben ein Schreibtisch und ein Bücherregal. Claus und seine Freunde sind nicht die einzigen, die in Wagen leben. In fast jeder größeren Stadt gibt es Wagenplätze: große und kleine, mitten in der Stadt oder weiter draußen, besetzt oder gemietet.

Keine politische Entscheidung

Auf den großen Plätzen leben jeweils über 20 Personen, sie organisieren regelmäßig Veranstaltungen und laden dazu ein. „Mir wäre das zu groß“, sagt Claus. „Zu viele Menschen, zu feste Strukturen. Für mich sind vier bis fünf Leute genau die richtige Größe.“

Einen politischen Beigeschmack hat das Wohnen auf dem Wagenplatz für ihn nicht unbedingt. In erster Linie sieht er darin eine persönliche Entscheidung. Weil er Lust darauf hat. Er überlegt kurz.

„Klar, manche Sachen könnte man schon politisch nennen. Zum Beispiel, dass wir uns damit auseinandersetzen, was wir hier brauchen und warum oder dass man sich viel gegenseitig hilft. Aber ich würde nie sagen, wenn alle Leute leben würden wie ich, wäre alles besser. Oder, das ist ja total antikapitalistisch hier. Diese Kategorien ziehen für mich nicht.“ Dann hat Claus keine Zeit mehr, sich zu unterhalten. Er muss noch Holz sammeln und außerdem wollen Astrid und er heute an der Außenverkleidung des Klos weiterbauen. Es gibt noch viel zu tun auf dem Wagenplatz.

Dieser Artikel entstammt „rumbo @lemania“, dem spanischen Mitglied der Todo Alemán-Familie. Gemeinsam mit seinem kleinen Bruder, dem Blog Rumbo Alemania, steht das deutsch-spanische Jugendportal für Geschichten und Informationen aus den beiden Ländern. Ob Stadtkultur, Fotokunst, Musik oder praktische Tipps zum Leben und Studieren in Deutschland – hier finden sich Themen, die junge Menschen interessieren.
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