Sasha Waltz in Kolkata: Wie Tschechow, nur auf indisch

Tänzer im Rajbatiti-Palast (Foto: Martin Wälde)
30. Januar 2013
Deutsche und indische Tänzer, das Chaos Kolkatas, die Musiker vom Mahler Chamber Orchestra: Das alles gehört zusammen. Die Berliner Choreografin Sasha Waltz hat daraus ein Gesamtkunstwerk gemacht – gemeinsam mit ihrer indischen Kollegin Padmini Chettur. Von Renate Klett
Pathuriaghata ist ein Stadtteil im Norden Kolkatas. Es ist ein Viertel wie aus dem indischen Bilderbuch, vollgestopft mit Menschen, Autos, Lärm, Gerüchen, Farben. Zwischen bescheidenen Häusern ragen alte Paläste empor, die vor sich hin bröckeln – einen davon, mit dem schönen Namen Jorasanko Rajbatiti, hat sich die Choreographin Sasha Waltz für ihre Arbeit Dialoge 2013 – Kolkata ausgesucht.
Das etwa zweihundertfünfzig Jahre alte Gebäude besteht aus zwei Teilen: Im Innenhaus lebt die Eigentümerfamilie noch heute, im heruntergekommenen Außenhaus, in den ehemaligen Büros, sind die Räumlichkeiten seit langem verstaubt und verlassen. Im großen Innenhof, der mit seinen Säulen, Bögen und verblassten Vignetten, der umlaufenden Galerie und dem Blick in den Himmel an italienische Renaissancevillen denken lässt, führen Stufen hinauf zum heiligen Ort, wo ehedem die Hindu-Götter residierten. Diesem Haus wohnt ein Zauber inne, es ist wie nicht von dieser Welt, als wär's ein Dornröschenschloss. Und wird jetzt, vom Deutschland-Indien-Jahr, gewissermaßen wieder wachgeküsst.
Ein Film von Andrea Kasiske für die Deutsche Welle
Für Germany - India 2011-2012 Infinite Opportunities und den Hauptveranstalter, das Goethe-Institut/Max Mueller Bhavan, sind diese Waltz-Vorstellungen der leicht verspätete Schluss- und Höhepunkt – Goethe übrigens muss in Indien seit je dem hier viel bekannteren deutschen Indologen des 19. Jahrhunderts weichen. Für Sasha Waltz aber ist es nach Mumbai 2001 und Bangalore 2007 schon das dritte und bei weitem größte Dialog- Projekt in Indien. Diese Dialoge – auch die Bespielung des Jüdischen Museums (1999) und des Neuen Museums in Berlin sowie des MAXXI in Rom (beide 2009) gehören in diese Reihe – bringen Künstler unterschiedlicher Länder und Disziplinen zusammen.
Diesmal sind es die Tänzer von Sasha Waltz & Guests und die der Choreographin Padmini Chettur aus Chennai (Madras) sowie vier Solisten des Mahler Chamber Orchestra und der Videokünstler Tapio Snellman – lauter Verschworene, allesamt Meister ihres Fachs. In kurzer Probenzeit gelingt ihnen eine Aufführung, die verwehte Klänge und Stimmungen, Schönheit, Schmerz und Sehnsuchtshoffnung ineinanderfließen lässt, um unter dem Vergessensstaub etwas zu entdecken, das vielleicht nie tot war. Eine Cellosuite von Johann Sebastian Bach und ein Streichertrio von Alfred Schnittke verbinden sich mit grazilen Handgesten, alten Filmbildern und den berühmten Waltzschen Clustern aus flinken Beinen, ineinander verschränkten Körpern und schleudernden Armen.
Gemälde, die bluten
Es beginnt im Innenhof: Die Tänzer rollen am Boden, sie formen einen flachen Kreis, der sich zum Menschenklumpen fügt. Einzelne lösen sich daraus, um den Raum zu erkunden, ihn zu öffnen und zum Leben zu erwecken. Die indischen Tänzer betreten den heiligen Ort wie in einer Prozession, sie werfen dramatische Schatten auf die rissigen Mauern. Später vereinen sie sich mit den anderen. Die Hof-Choreographie basiert größtenteils auf Material aus verschiedenen Waltz-Stücken, das neu bearbeitet und zusammengefügt wurde. Plötzlich ertönen zarte Glocken von der Galerie, die Zimmertüren öffnen sich, und das Publikum geht auf Wanderschaft. Niemand kann alles sehen, weil die Räume gleichzeitig bespielt werden.Jedes Zimmer erzählt seine Geschichte: So könnte es gewesen sein, zwischen schweren Mahagonimöbeln, mit Büchern, die sprechen, Uhren, die rückwärtsrasen, und Herzen auf verschlissenen Gemälden, die zu bluten beginnen.
Zwei Angestellte verstricken sich im täglichen Ritualkampf aus Körpern und Worten, den keiner gewinnen kann, weil es um nichts geht (Luc Dunberry, Sergiu Matis). Ein Vater will seine Kinder ins Bett bringen, sie streiten, versöhnen und verändern sich (Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola, Lászlo Sandig, Sophia Sandig). Ein alter Mann träumt sich zurück in seine Jugend (Orlando Rodriguez, Liza Alpizar Aguilar). Eine junge Frau verrennt sich in eine phantasierte Einsamkeitsliebe, die über ihre Kräfte geht (Hwanhee Hwang). Diese und weitere Szenen werden verschlüsselt erzählt, wie Traumfetzen, und könnten auch ganz anders gedeutet werden. Alles bleibt spinnwebfein im Unkenntlichen, Bruchstückhaften, wie bei flüchtigen Blicken durchs Schlüsselloch.
Die Choreographin als Irrwisch
Genau das macht den Reiz dieser Bilder aus. Eine Atmosphäre aus Geheimnis und Staunen verbreitet sich in den Räumen wie Abendnebel, während von draußen die Realität hereindringt mit dem Hupen des Dauerstaus, dem Schreien der Händler, dem Bimmeln der Tram. Diese Mischung hat etwas Gespenstisches – als würden Zeit und Raum in einem großen Vexierbild einander betrachten. Und sie hat etwas Befreiendes, da beide sich anzulächeln scheinen.Ausgerechnet bei der Premiere aber zerbricht das delikate Gleichgewicht. Eine lokale Puja hat ihre Riesenlautsprecher gleich um die Ecke aufgebaut. Die scheppernde Übertragung zerstört jeden Hauch von Poesie. Und das Publikum übrigens hat auch so seine Eigenheiten. Tout Kolkata ist da, freut sich am Wiedersehen, verabredet sich lautstark und muss die frohe Botschaft dringend per Telefon weitergeben. Da können die Tänzer und Musiker sich einen Wolf spielen – dagegen kommen sie nicht an.
Umso schöner die zweite Vorstellung, die geradezu magisch ist und die Choreographin inspiriert, spontan mitzutanzen. Wie ein Irrwisch gleitet sie durch die Räume, improvisiert, irritiert, amüsiert Darsteller wie Zuschauer. Die dritte Vorstellung wird von Menschenmassen dann geradezu überrannt. Das ist schwierig, lässt aber die Aufführung unbeschädigt, denn dieses Publikum reagiert sensibel. Zu denken, dass dies nun das Ende der Dialoge sein soll, macht traurig. Wer weiß? Zerfallende Paläste gibt es überall, und dieser Abend, der wirkt wie von Tschechow, nur auf Indisch, der könnte sich bestimmt auch anderswo behaupten. Sponsoren gesucht!
Dieser Artikel erschien am 23. Januar 2013 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv










