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Neues Korsakow-Projekt: Roadmovie durch die griechische Seele

Florian ThalhoferCopyright: Korsakow.tv
Kritischer Blick: Viele Protagonisten in Thalhofers Film gehen mit ihrem Staat hart ins Gericht (Foto: Korsakow.tv)

2. Februar 2013

Was in Deutschland über die Krise und Griechenland berichtet wird, ist dem Medienkünstler Florian Thalhofer zu einseitig. Er hat sich selbst in Griechenland umgehört. Auf der Straße. Entstanden ist ein Film, an dem einiges überrascht – nicht nur das Format. Von Lisa Mayerhöfer

Wäre dies ein Korsakow-Artikel, dürften Sie jetzt selbst entscheiden, wie es weitergeht. Wollen Sie mehr über das Korsakow-System wissen? Oder lieber gleich einsteigen in den Film? Vielleicht anhand einer kleinen Anekdote, über den Gemüsehändler, der seinen Kunden einen Schuldenschnitt anbietet und es ihnen offen lässt zu bezahlen. Da dies aber ein ganz normaler Artikel ist, geht alles der Reihe nach:

Angefangen hat es mit zwei Reisen, die der Medienkünstler und Filmemacher Florian Thalhofer und seine griechische Frau Elissavet quer durch Griechenland gemacht haben. Unterwegs sammelten sie Material für ihren neuen Korsakow-Film GELD.GR – Das Geld und die Griechen. Im Mittelpunkt ihres Films stehen Menschen, die ihnen begegnet sind, nicht Expertenmeinungen.

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Klicken Sie auf den Screenshot, um zum Film „GELD.GR“ zu gelangen.


„Wenn ich die Merkel treffen würde, würde ich ihr die Hand schütteln und sagen: Vielen Dank, dass Sie mir nichts geben. Wir haben genug. Wir brauchen nur ein Fahrrad und ein schönes Leben.“ Diese Aussage eines Griechen mag überraschen angesichts der prekären Lage in seiner Heimat – wie so einiges in GELD.GR – Das Geld und die Griechen.

Schonungslose Selbstkritik

Als Deutscher, so Thalhofer, sieht man sich in Griechenland derzeit überall mit dem Thema Krise konfrontiert. Man wird nicht angefeindet, aber bittere Bemerkungen fallen. Diese anfängliche Defensive weicht jedoch einer wesentlich differenzierteren Meinung, je länger man sich mit den Menschen unterhält. Denn, wie sich herausstellt, wollen die Griechen vor allem eins: dass ihnen endlich einmal jemand zuhört. Florian und Elissavet Thalhofer lassen die Menschen über das sprechen, was ihnen im Zusammenhang mit der Krise besonders am Herzen liegt. Feste Fragen oder Vorgaben für die Interviews gibt es keine, nur das Thema ist gesetzt: Krise, Geld und Griechenland.

Unter den Interviewten ist kaum einer, der die Lage nicht kritisch reflektiert. Die Griechen gehen nicht nur mit ihrer Regierung, deren Bürokratie und Korruption sowie der Berichterstattung in den Medien ins Gericht, sondern auch hart mit sich selbst und ihren Mitmenschen. Von einem „Modell der Schläue und Gerissenheit“ ist die Rede, in dem „wer Steuern zahlt, als Dummkopf gilt“ und „nur die Familie zählt, nicht aber der Nächste“.

Gleichzeitig wird das Elend deutlich, das dieser Bevölkerung widerfährt: Männer, die eigentlich in Rente sein sollten, erzählen von monatelanger harter Arbeit, für die sie nicht einmal bezahlt werden, Familienväter von ihren arbeitslosen Kindern. Einer jungen Frau kommen die Tränen, wenn sie von ihrer Perspektivlosigkeit spricht.

Das System Korsakow

GELD.GR – Das Geld und die Griechen ist ein demokratischer Film, vor allem in seiner Genese. Im Web und bei verschiedenen Diskussionsveranstaltungen in Griechenland und Deutschland konnte das Publikum den Rohschnitt bewerten. Aufgeteilt in einzelne Clips, wurden nur die Sequenzen mit besonders guter oder kontroverser Benotung weiter verwendet. Dabei wurde deutlich, dass Griechen und Deutsche oft einen unterschiedlichen Blick haben: So bewerteten die Griechen die Aussagen ihrer Politiker und im Ausland lebender Mitbürger oft negativ, den Deutschen wiederum missfielen die eigenen Politiker und Experten.

Die Endfassung des Films lässt dem Betrachter weiteren Spielraum. Thalhofer ist der Erfinder des Korsakow-Systems, eines Open-Source-Programms zur Erstellung nicht linearer Filme. Das heißt, der Ablauf des Films ist nicht festgelegt. Nach einer kurzen Einführung kann der Betrachter selbst entscheiden, welchen Clip er als nächsten sehen will. Eine Art Wand erscheint, die weitere Clips, mit kurzen Überschriften betitelt, anbietet.

Florian Thalhofer hält sich dabei nicht zurück mit seiner Meinung. Neben den Interviews gibt es viele Sequenzen, die mit seinen Texten vertont sind. Sie sind aber nicht als Moderation, sondern als eine Meinung unter vielen gedacht. Für den Filmemacher bietet das Korsakow-System die Chance, nicht als autoritärer Autor aufzutreten, sondern seine Gedanken zur Diskussion zu stellen. Dieses Prinzip findet er auch im Hinblick auf die Krise wichtig: „Es gibt kein Richtig oder Falsch, sondern lediglich Meinungen oder Realitäten, auf die man sich gemeinsam einigen muss. Beteiligt man sich an diesem Prozess nicht, entscheiden andere für einen.“

Der Korsakow-Film ist Teil des dreiteiligen Projekts „Das Geld und die Griechen“. Es entstand in Koproduktion mit dem Goethe-Institut Athen und umfasst darüber hinaus eine interaktive Video-Installation sowie eine Diskussionsveranstaltung im Format der Korsakow-Show.

Florian Thalhofer, geboren 1972, ist Dokumentarfilmemacher und Medienkünstler. Für seine Arbeiten ist er unter anderem mit dem Literatur.Digital Award, dem Red Dot Design Award und dem Werkleitz Award ausgezeichnet worden. Thalhofer hat an der Universität der Künste in Berlin studiert und war dort nach seinem Abschluss mehrere Jahre als Dozent tätig. Er war Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und unterrichtete am Mediamatic-Institut Amsterdam.
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