Goethe aktuell

Karneval in Rio: Marlene und der böse Wolf

Goethe-InstitutCopyright: Mauro Samagaio
Warten auf den großen Auftritt: Karnevalsfigur in der Werkstatt von Unidos da Tijuca (Foto: Mauro Samagaio)

8. Februar 2013

Alaaf! Helau! Dass die Kombination von Karneval und Deutschland auch ganz anders aussehen kann, beweist in diesem Jahr die Sambaschule Unidos da Tijuca in Rio. Sie lädt zu einer Reise ins Land der Dichter und Denker. Und Götter. Und Kobolde. Und, und, und ... Von Anne Essel

In den Werkhallen der Sambaschule Unidos da Tijuca herrscht geordnetes Durcheinander. Aus einem Haufen weißer Wolle funkeln giftgrüne Wolfsaugen. In der anderen Ecke lehnen startbereit mehrere Reihen mannshoher Raketenkostüme. Zwischen schwarzen Plastikplanen eine kopflose Schaufensterpuppe im Aschenbrödel-Gewand, nicht weit davon, frischlackierte übergroße Playmobil-Figuren und überdimensionierte Tortenstücke.

Jedes Kind würde in diesem Wunderland des Karnevals, der cidade de samba, große Augen bekommen. Als Erwachsener gewinnt man eine Vorstellung von der Arbeit hinter den Kulissen des großen Karnevalspektakels, das jedes Jahr in Rio de Janeiro stattfindet. Zwei Nächte, zwölf Sambaschulen mit je rund 4.000 Teilnehmern und 300 Trommlern, deren Ziel es ist, die Stimmung der 80.000 Besucher im Samba-Stadion (Sambódromo) zum Kochen zu bringen.

Unidos da Tijuca ist eine der ältesten und traditionellsten Sambaschulen Rios. Sie will das Publikum in diesem Jahr am Karnevalssonntag mit dem Thema Deutschland begeistern. Angeführt wird die Reise durch das „verzauberte Deutschland“ von niemand geringerem als dem Donnergott Thor. Der Regisseur Paulo Barros, verantwortlich für die künstlerische Umsetzung, ist für seinen Einfallsreichtum bekannt.

Karnevalesker Streifzug durch die Geistesgeschichte

Das Publikum staunte nicht schlecht als Barros etwa zum Thema „Wissenschaft" mit einem fein durchchoreografierten DNA-Wagen, einer sogenannten lebendigen Allegorie, auffuhr. Auch das Überraschungspotenzial seiner Begrüßungskommission, die den Karnevalszug an- und einführt, ist mittlerweile berüchtigt und wird voller Spannung erwartet. 2010 wechselten die Tänzer in Windeseile ihre Kleider, 2011 verloren sie ihre Köpfe. Dieses Jahr munkelt man von einem plötzlichen Lichtausfall und zischenden Blitz-Spezialeffekten.

Am Beginn des Deutschlandjahrs in Brasilien, das im Mai offiziell eingeleitet wird, steht also ein karnevalesker Streifzug durch die deutsche Geistesgeschichte: Er führt von der germanischen Mythologie über Literatur, Film und Musik zur deutschen Erfinderlust. Neben Wikingern und Walküren, Kobolden, Drachen, Zwergen und Riesen wird die Märchen-Besetzung der Brüder Grimm – Aschenputtel, Froschkönig und Co. – auftreten. Markante Figuren und Requisiten wie Mephistopheles aus Goethes Faust, das Geisterschiff aus Richard Wagners Oper Der fliegende Holländer, die Maschinenmenschen aus Fritz Langs Metropolis und natürlich viele schöne Frauen wie Marlene Dietrich werden im Sambódromo ebenfalls zu sehen sein. Nach einem Ausflug in die Kinderwelt – bevölkert von übergroßen Spielfiguren und einer tollkühnen Wasserrutsche auf Rädern – folgen deutsche Erfindungen: Raketen, Röntgenapparate, Zeppeline.

Am Ende schließt sich der Bogen: Thor lädt zu einem großen Fest mit all den gastronomischen Spezialitäten, die deutsche Einwanderer im 19. Jahrhundert nach Brasilien brachten: Würsten, Sauerkraut und natürlich Bier. „Vielleicht werden wir mit einem riesigen Sauerkraut-Wagen auffahren und Kostproben an das Publikum verteilen“, scherzt Paulo Barros in einem Interview mit dem TV-Sender Globo.

Ein Kölner am Tamburin

Der Phantasie des Karnevalisten sind keine Grenzen gesetzt. Dennoch gehen dem Karnevalszauber viel Arbeit und intensive Studien voraus. Nach der vom Goethe-Institut Rio de Janeiro organisierten Deutschlandreise einer achtköpfigen Kommission der Karnevalsschule wurden mithilfe von Kulturwissenschaftlern und Künstlern einige Dutzend Themen erörtert. Dann wurden Kostüme und Karnevalswagen gezeichnet. Die Abnahme der Prototypen erfolgte durch den Regisseur Paulo Barros höchstpersönlich, sagt Schneiderin Nalmbi, Hauptverantwortliche für den Prinzessinnen-Flügel.

„Der erste Prinzessinnenrock war uns zu schlicht“, erklärt sie und weist auf das endgültige Resultat, ein mehrschichtiger Tüll-Rock und ein mit Glitzersteinen besticktes Korsett. Rund 200 Festangestellte und 100 Zulieferer arbeiten für die Karnevalsproduktion dieser Sambaschule, die rund vier Millionen Euro kostet. Auch Luciano, der sich gerade am Fell eines bösen Wolfs zu schaffen macht, ist vom Fach. Er ist Student für Bühnenbild an der Akademie der schönen Künste. In seiner Abschlussarbeit will er sich den szenografischen Plastiken und ihrer Entwicklung im Laufe der Karnevalsgeschichte widmen.

Chris aus Köln gehört ebenfalls zum Personalbestand der Sambaschule. Seit 2004 spielt er Tamburin in der bateria, der Percussion-Gruppe. Als der Sambalehrer 2003 zum ersten Mal nach Rio kam, besuchte er Proben, die einige Monate vor dem großen Defilee zweimal wöchentlich stattfinden. Er stellte sich neben die Trommler an den Rand und spielte ein bisschen mit. Sein Können erregte Aufmerksamkeit. Man lud ihn ein mitzuproben und schließlich am Umzug teilzunehmen. Konnte er die Einladung auch im ersten Jahr nicht annehmen, seit 2004 ist er immer mit von der Partie. „Ich weiß, ich bin nur ein ganz kleiner Teil in dem Ganzen, aber das Gefühl bei der Parade dabei zu sein und mitzuwirken, ist überwältigend.“ Er wird also am Karnevalssonntag nicht nur den Rhythmus trommeln, sondern auch lauthals das Sambalied mitsingen, in dem es heißt, „Brasilien und Deutschland vereint, es wird donnern – ein Jahr, das in Erinnerung bleiben soll“.
Links zum Thema

Goethe aktuell:

Über den RSS-Feed
können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

Jahrbuch-App 2013

Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

Goethe-Institut.
Reportagen Bilder Gespräche

Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

Twitter

Aktuelles aus den Goethe-Instituten