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Orchesterbesuch: Andere Töne aus Nordkorea

Nils ClaussCopyright: Nils Clauss
Dialog über Musik: „Gerade jetzt könnten wir viel bewirken“ (Foto: Nils Clauss)

23. Mai 2013

Atomtests, neue Drohungen gegen Seoul: Die jüngsten Nachrichten aus Nordkorea sind mehr als beunruhigend. Das Goethe-Institut versucht jedoch, die kulturellen Kontakte nicht vollends abreißen zu lassen. Eine Gratwanderung. Dirigent Alexander Liebreich über eine langwierige musikalische Annäherung.

Herr Liebreich, vor wenigen Wochen haben Sie mit dem Münchener Kammerorchester Nordkorea besucht. Ein Land, mit dem Sie eine ungewöhnlich lange Arbeitsbeziehung verbindet. Wie ist es dazu gekommen?

Liebreich: Das begann 2002, da war ich zum ersten Mal mit der Jungen Deutschen Philharmonie im Land. Wir haben Bruckners achte Symphonie aufgeführt – sowohl in Süd- als auch in Nordkorea. Damals haben auch zwanzig bis dreißig lokale Künstler im Orchester mitgespielt, das war eine sehr spannende Erfahrung. Seither hatte ich immer wieder die Gelegenheit, nach Pjöngjang zurückzukehren – dank des Goethe-Instituts und des DAAD, die für mich eine serielle Gastprofessur an der dortigen Musikhochschule organisiert haben.

Was hat sich in dieser Zeit verändert?

In den ersten Jahren nicht so viel. So sind meine damaligen Studenten mittlerweile zum Teil als Dozenten oder Professoren an der Hochschule tätig. Vor allem aber scheint es, dass sich in den vergangenen Monaten etwas verändert hat: Völlig unbefangen haben die Koreaner uns bei unserem jetzigen Besuch Fotos ihrer Familien und ihres Lebensumfelds auf ihren Kameras und I-Pads gezeigt. Der private Kontakt war erstaunlich und angenehm ungezwungen. Zum Beispiel konnten wir bei einem abendlichen Spaziergang sogar spontan mit einer Gruppe Volleyball spielen – zwei Stunden lang. Das wäre vor zehn Jahren noch unvorstellbar gewesen.

Nominiert für den Deutschen Webvideopreis



Der Filmemacher Nils Clauss hat das Münchener Kammerorchester nach Pjöngjang begleitet und die Reise in dem Film Orchestral Manoeuvres in the North festgehalten. Die Dokumentation über ein einmaliges Zusammentreffen in einem Land, in dem westliche Kamerateams normalerweise nicht die Möglichkeit haben zu filmen, ist nun in der Kategorie For Your Information für den Deutschen Webvideopreis 2013 nominiert worden. Verliehen wird der Preis am 25. Mai. Wer gewinnt, entscheidet eine Jury gemeinsam mit dem Publikum: Links, Tweets und Shares des Beitrages verschaffen dem Film vielleicht entscheidende Stimmen.

Wie kann erfolgreicher Kulturaustausch mit Nordkorea aussehen?

Ein Kulturaustausch wäre einfach: Es herrscht dort ein ungeheurer Hunger nach Kultur, nach Wissen und Information allgemein. Zum anderen wissen wir hier wenig von diesem isolierten Land. Hier könnten wir gerade jetzt eine Menge bewirken. Auf dem Feld der Musik könnte man mit Instrumenten aber auch mit Partituren begabten jungen Musikern die Möglichkeit einer Karriere eröffnen. Ich war ebenso gerührt wie betroffen, als ich feststellte, dass mein altes Unterrichtsmaterial in Kopien immer noch im Einsatz war. Schon bei meinem ersten Besuch haben sich Musiker die Partituren ausgeliehen, über Nacht abgeschrieben und am nächsten Tag wieder mitgebracht. Der Bedarf ist sehr groß, ebenso die Neugier, und die Möglichkeiten für Projekte haben sich deutlich verbessert. Aus meiner Sicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, über ein eigenes Goethe-Institut in diesem Land nachzudenken.

Sind die politischen Repressionen hierfür nicht doch noch zu groß? Schließlich musste der Lesesaal des Goethe-Instituts in Pjöngjang geschlossen werden, weil ein ungehinderter Zugang nicht gewährleistet war.

Eine schwierige Frage: Will oder muss man sich dem politischen Druck zur Isolation anschließen oder die Tür zur Kommunikation aufrechterhalten? Es wäre durchaus denkbar, dass im Moment ein Lesesaal sowieso mehr Zugang bekäme. Meine Studenten und Kollegen an der Hochschule schienen durchwegs sehr informiert zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Magazine wie der Stern oder der Spiegel für Nordkoreaner inhaltlich besondere Geheimnisse offenbaren. Die Kultur hat die Möglichkeit und auch die Pflicht in Räumen zu agieren – auch jenseits der großen politischen Geste.

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Dirigent Liebreich in Pjöngjang: „Wir wissen wenig von diesem Land“ (Foto: Nils Clauss)

Gemeinsam mit dem Tongyeong International Music Festival, dem Sie seit 2011 als künstlerischer Leiter vorstehen und dem Goethe-Institut haben Sie einen Komponistenwettbewerb ins Leben gerufen, den „Asian Composer Showcase“. Lässt sich da ein erstes Zwischenfazit ziehen?

Tongyeong möchte sich als Drehscheibe für die moderne asiatische Musik verstehen. Es gab dort seit Beginn des Festivals unzählige Uraufführungen. Seit 2011 habe ich das Composer in Residence-System eingeführt. Führende Persönlichkeiten wie Heiner Goebbels, UnSuk Chin, Beat Furrer, Toshio Hosokawa oder Pascal Dusapin sind seitdem zu Gast. Der Asian Composers Show Case hat also eine wunderbare Bühne in Tongyeong. Die Komponistenszene in Japan, China und vor allem in Korea ist sehr aktiv. Erstaunlich sind die Komponistinnen aus Korea, etwa 50 junge Damen sind jedes Jahr als Volontärinnen beim Festival beschäftigt.

Unsere „klassische Musik“ erfährt ja gerade in Ostasien eine besondere Wertschätzung. Viele junge Japaner und Koreaner lernen nicht zuletzt deshalb Deutsch, weil sie in Deutschland Musik studieren möchten, auch mit dem Ziel später in einem deutschen Orchester zu musizieren. Gibt es aus Ihrer Erfahrung Unterschiede bei der Herangehensweise an die Musik zwischen den asiatischen Nationen.

Unbedingt. Es gibt ja große Unterschiede im Naturell dieser Länder, in der Sprache und damit im Ausdruck und Umgang mit Klang sowieso – nicht anders als in Europa. Chinesen sind sehr stolz und betonen gerne, dass Streich- und auch Blasinstrumente in China erfunden wurden. Man sieht sich dort gern als Wiege der klassischen Musik. In Japan ist es ein eher bildungsbürgerlicher Ansatz. „Unsere Klassik“ gehört dort zum guten Ton und es ist Teil einer gutbürgerlichen Erziehung, wenn die Tochter Klavier oder Geige lernt. Korea hat eine ganz andere Kultur als Japan. Die Gesellschaft ist viel rustikaler, die Liebe zur Musik dort ganz anders geerdet. Korea vergleicht sich oft selbst mit Italien. Gesang spielt dort eine immense Rolle, es wird viel gesungen und die Koreaner kennen auch unsere Lieder. Diesen Hintergrund merkt man auch beim Umgang der Koreaner mit Instrumenten. Der ist viel sanglicher, was unter anderem auch den Erfolg vieler Koreaner bei Wettbewerben erklärt. Erfrischend ist auch der direkte Ton in Korea, die Dinge werden auf den Punkt gebracht. Dabei gibt es aber auch Raum für Zwischentöne, fast Ironie. Spannend auch die Parallelen zur Esskultur, auch hier geht es sehr direkt zur Sache. Verbindung finden Essen und Musik dann beim traditionellen Picknick. Da passiert es dann auch, dass Frauen zum Klang der Doppeltrommel die Männer „antanzen“. Kurzum ein insgesamt sehr leidenschaftliches Land – und das gilt für den Norden wie für den Süden.

Wann, denken Sie, wird es soweit sein, dass die Musiker, mit denen Sie in Pjöngjang zusammenarbeiten, auch mal zu einem Gegenbesuch nach Deutschland kommen?

Die ersten Projekte und Besuche hat es schon gegeben. 2006 war das Yun Isang Ensemble auf Einladung des Goethe-Instituts zu einigen Konzerten in Deutschland unterwegs. Zum anderen konnten wir viele junge Studenten mit dem DAAD nach Deutschland schicken. Es wäre gerade jetzt wichtig diesen Austausch zu fördern, um ein Bild der Menschen in diesem Land zu bekommen. International herrscht große Unsicherheit über dieses Land, das hängt auch damit zusammen, dass man Menschen nicht kennt und nicht einschätzen kann.

Das Interview führte Christoph Mücher

Seit der Schließung des deutschen Lesesaals in Pjöngjang im Jahr 2009 bemüht sich das Goethe-Institut Korea mit Sitz in Seoul um die Fortsetzung kultureller Kontakte und um Austausch mit dem international isolierten Nordkorea. Vom 5. bis zum 9. November 2012 reiste das Münchener Kammerorchester auf Initiative des Goethe-Instituts nach Nordkorea. Zusammen mit Studenten der Kim Won Gyun Hochschule für Musik Pjöngjang erarbeiteten die Musiker um ihren Dirigenten Alexander Liebreich ein Repertoire aus drei Jahrhunderten. In einem Abschlusskonzert haben die Musiker aus beiden Ländern ihre Ergebnisse vorgestellt. Das Projekt stellt auch eine Fortsetzung der Gastdozentur Liebreichs dar, die dem Dirigenten des Münchener Kammerorchesters vom DAAD ermöglicht worden war.

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