Soweto: Elf Sprachen, und jetzt noch eine dazu

Ganzkörpereinsatz: Agnes Harms mit ihren Schülern in der Orlando West High School (Foto: Robert Carrubba)
13. März 2013
Goethe in Soweto: In der wohl bekanntesten ehemaligen Township am Rande von Johannesburg kann man jetzt Deutsch lernen. Und zwar just an dem Ort, wo der Protest gegen die Sprachenpolitik des südafrikanischen Apartheid-Regimes ihren Anfang nahm. Von Gitte Zschoch
Es ist heiß, von draußen tönt ein Chor, eine frische Brise weht durch die offenen Fenster. Nach und nach trudeln die Kursteilnehmer ein. Unterrichtsbeginn ist 14 Uhr, um 14.30 Uhr sind gerade sechs der zwölf Schüler da. Agnes Harms beginnt trotzdem mit den ersten Übungen. Im Kreis stehend wird Konversation gemacht: Wie heißt du, woher kommst du, was machst du beruflich? Weiter geht es mit Kopf, Ohren, Augen, Nase, Mund – Ganzkörpereinsatz ist gefordert, wenn die Körperteile nacheinander berührt und aufgesagt werden. Anschließend bewegen sich die Kursteilnehmer durchs gesamte Klassenzimmer. In jeder der vier Ecken wird ein anderer Dialog geübt: Entschuldigen Sie, sind Sie Herr Schmidt? Nein, mein Name ist Müller.
So wird die Spracherfahrung ganzheitlich; die Schüler lernen die Bedeutung von Wörtern und Phrasen nicht nur auswendig, sondern erfahren sie physisch – ganz so wie beim Erwerb der Muttersprache. Dass diese Art des Lernens nicht nur bei Kindern funktioniert, zeigt die Reaktion der Kursteilnehmer: Alle sind mit größter Aufmerksamkeit dabei, das Gelernte prägen sie sich über das Hören und Nachahmen schnell ein. Denn die meisten der Kursteilnehmer sind diese Art des Sprachenlernens gewohnt. Einige sprechen fast ein Dutzend Sprachen: Neben Englisch auch noch Xhosa, Zulu, Venda, Sotho, Afrikaans.
Elf offizielle Sprachen gibt es in Südafrika; in Soweto werden mit Sicherheit alle davon gesprochen. Und jetzt kommt noch Deutsch dazu. Agnes Harms hat sich mit vielen aktiven Übungen auf ihre Lerner eingestellt. Denn die elf Sprachen wurden größtenteils nicht in den Klassenzimmern mit Grammatikbuch und Vokabelheften gelernt, sondern zu Hause, beim Einkaufen, im Gespräch mit Freunden – ein primär oraler Spracherwerb. Zeit für Hausaufgaben, Vorbereitung und Nacharbeit bleibt bei drei Stunden Deutschunterricht an drei Tagen in der Woche sowieso kaum: Die meisten der Kursteilnehmer haben Familien; sie arbeiten als Angestellte teils in mehreren Jobs oder leiten nebenbei ihre eigene Firma.
So wie Sicelo Mkhabela, 35. Mit seinem Transportunternehmen Lesenhla bietet er Shuttle- und Transferdienste an. Seine Kunden fährt er in einem VW-Transporter durch die Gegend, von Soweto nach Johannesburg und zurück. Auch Touren für Touristen bietet er an. Durch das Deutschlernen erhofft er sich einen geschäftlichen Vorteil, gerade im Tourismusbereich. Schließlich wohnt er direkt an der Vilakazi Street, mit den ehemaligen Wohnhäusern der Nobelpreisträger Desmond Tutu und Nelson Mandela ein touristisches Highlight Sowetos. Gelegenheit, Deutsch zu sprechen, hat er hier allemal: Deutsche Touristen gibt es überall.
„Der Kurs erregt Aufsehen“
Auch Xolani Khoba, ebenfalls 35, lernt aus beruflichen Gründen: Nachdem er einen MBA an der Milpark Business School abgeschlossen hat, orientiert er sich nun neu und überlegt, eine Beraterfirma zu gründen. „Aber egal, ob ich bei BMW anfange oder mein eigenes Unternehmen gründe, Deutsch wird mir auf jeden Fall weiterhelfen.“ Außerdem erweitere Deutsch den Horizont: „Deswegen macht es so viel Spaß.“ Schwierig finden die beiden den Kurs nicht. „Nur der Anfang war schwer, aber jetzt geht es. Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen Englisch und Deutsch“, findet Mkhabela. Der Einsatz der beiden Teilnehmer zahlt sich aus, beide gehören zu den besten Schülern: Bei den bisherigen Tests lagen ihre Werte bei über 80 Prozent. Dafür gibt es zur Belohnung eine kleine Tüte Gummibärchen. Deutsch für den Kopf, Deutsch für die Sinne.„Initiiert wurde dieser Kurs von einigen Leuten aus Soweto persönlich“, erklärt Knuth Noke, der Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Instituts in Johannesburg. „Darauf haben wir reagiert. Denn die Bürger Sowetos, einer Township mit über einer Million Einwohnern, kommen sonst nur selten in unser Institut. Wir sind zu weit weg, und der öffentliche Nahverkehr funktioniert nicht ausreichend.“ Also wurden alle Hebel in Gang gesetzt: Das Goethe-Institut verpflichtete Agnes Harms als Lehrerin, besorgte Bücher mit dem Fokus Deutsch für den Beruf, und einer der Initiatoren, der in Soweto lebende Film- und TV-Produzent Azul Khululekile Banzi, trommelte Freunde und Bekannte zusammen. Auch ein Raum war schnell gefunden, in der Orlando West High School inmitten von Soweto. Das Interesse am Kurs war groß; manche Leute mussten sogar abgewiesen werden. Einige haben den Aufwand aber auch unterschätzt und sich wieder abgemeldet. Trotzdem gibt es weiter Neugierige: „Der Kurs erregt Aufsehen: Eine Lehrerin der Schule fragte mich, ob auch sie teilnehmen könne“, berichtet Agnes Harms. „Hoffentlich werden wir im nächsten Trimester wieder einen Kurs anbieten.“
Dass gerade an der Orlando West High School Deutsch unterrichtet wird, hat Symbolkraft. Vielleicht ist es aber auch logisch. Denn das Sprachbewusstsein ist hier hoch: Als das Apartheidsregime 1976 verordnete, dass der Unterricht in den Schulen der Townships nicht mehr in den lokalen Sprachen, sondern auf Afrikaans und Englisch gehalten werden sollte, gingen die Schüler hier zuerst auf die Straße. Ein Protest, der Opfer forderte: Über 400 Demonstranten starben, darunter Hector Pieterson, dessen Bild um die Welt ging und zum Symbol der Anti-Apartheidsbewegung wurde. Das Soweto Uprising war der Auslöser für eine der größten Protestbewegungen gegen das Apartheidsregime in Südafrika, das in wenigen Tagen Townships im ganzen Land erfasste.
Zur Kurshalbzeit ist Agnes Harms zufrieden: „Die Testergebnisse sind gut. Der Kurs macht Fortschritte.“ Jetzt müssen die Schüler nur noch die Prüfung schaffen. Mkhabela wünscht sich dafür noch mehr Kontakt mit der deutschen Sprache: „Filme wären toll.“ Vielleicht veranstaltet das Goethe-Institut ja bald Filmreihen in Soweto. Ein aufgeschlossenes und deutschkundiges Publikum gibt es ja jetzt.







