Und jetzt etwas Kitsch: Früher war mehr Lametta

Man täte dem unschuldigen Reh gewiss Unrecht, aber bisweilen möchte man sich die Frage stellen: Was war zuerst – das Bambi oder der Kitsch? (Foto: styler*/flickr.com)
6. April 2013
Er glitzert, und er ist oft pink. Er hat Weihnachten erobert und Mädchenherzen. Er ist billig, bunt, mit viel Bling-bling. Mit einem Wort: Kitsch. Doch was steckt wirklich hinter diesem Wort? Von Carina Braun
Wer den Begriff bei Google eingibt, dem schlägt geballte Harmlosigkeit entgegen. Winke-Katzen, Puttenfiguren, Schneekugeln und rosarote Ponys – all das fällt unter Kitsch. Der Begriff tauchte im Deutschen Ende des 19. Jahrhunderts für schnell hingeworfene Malereien auf und machte seither auch international Karriere. Der menschliche Hang zu Glitzer und Überfluss ist eine fatale Verbindung eingegangen mit den Errungenschaften der Industrialisierung und produziert farbenfrohe Massenware in oft minderer Qualität. Kitsch, so definiert der Duden, ist ein „aus einem bestimmten Kunstverständnis heraus als geschmacklos empfundenes Produkt der darstellenden Kunst, der Musik oder Literatur“. Oder, anders gesagt: Ist das Kunst oder kann das weg?
Nicht umsonst hat es keine andere Sprache der Welt geschafft, ihn in eigene Worte zu fassen. „Kitsch“ ist ins Englische und Französische eingegangen, ein kurzer, spuckfähiger Begriff, der in wenigen Buchstaben viel Verachtung transportieren kann. Dennoch mangelt es bis heute – hier wie dort – an einer klaren Definition.
Sie benötigen den Flashplayer , um dieses Video zu sehen
Seit seinem Aufkommen spaltet er Fans und Kritiker. Kitsch ist der oberflächliche, der etwas dümmliche kleine Bruder der Kunst und der Gegenentwurf zur Bescheidenheit. Er wird gehasst und geliebt, verachtet und gehegt. Künstler und Kunstkritiker werfen ihm Eskapismus vor, sehen ihn als Verfall aller Kultur und somit als ernsthafte Gefahr. Kitsch nähre Untätigkeit, indem er die Flucht aus der Realität propagiere, er schaut durch die stets rosarote Brille und verniedlicht Altersschwäche zum Gartenzwerg. Am heftigsten urteilte der österreichische Schriftsteller Hermann Broch: Wer Kitsch produziere, schrieb er, sei „ein Verbrecher, der das radikal Böse will“. Der schlimmste unter allen Kitsch-Menschen sei Adolf Hitler gewesen.
„Glückliche Unfälle“
Heute steht man den Dingen gelassener gegenüber. Kitsch wurde zum Kult und hat sich als Teil der Kultur etabliert. Schlager, vergoldete Klobrillen und Lametta – in Maßen genossen, ist er gesellschaftsfähig geworden. Oft inhaltsleer, oft trivial – aber manchmal tut ein bisschen Flucht aus der Realität ja ganz gut. Kitsch ist, sich in rosa Watte fallen zu lassen. Und so dürfte es kein Zufall sein, dass eines der optimistischsten Zitate der Geschichte von einem ganz bekannten Vertreter ehrlichen Kitsches stammt. Der Maler Bob Ross tupfte ohne Ehrgeiz stundenlang glückliche Tiere und Landschaften auf Leinwände und bewies eine bemerkenswerte Seelenruhe, wenn mal etwas daneben ging. „We don’t make mistakes“, pflegte er zu sagen – „just happy accidents.“ („Wir machen keine Fehler. Uns passieren nur glückliche Unfälle.“)Kitsch verfolgt uns, wir lieben oder wir hassen ihn. In jedem Fall ist er ein Phänomen. Kein Wunder also, dass das Deutsch-Chinesische Kulturnetz, jüngst fusioniert mit der Website des Goethe-Instituts China, sich nun ebenfalls eingehend mit dem Thema befasst und es aus der Sicht zweier Kulturen beleuchtet – in Text, Foto und Video. Hier werden karierte Teddys gedreht und bourgeoise Törtchen gewendet; den kitschigsten Kitsch zu finden hat man sich zum Ziel gesetzt. Wie übersetzen die Chinesen Kitsch? Was zählt hier, was dort dazu? Welche Geschichte hat Rosarot? Und was ist das chinesische Äquivalent zum Gartenzwerg? Fragen, die die Welt bewegen. Von Berlin bis Peking.







