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Avi Primor im Interview: „Wir haben Deutschland total abgelehnt“

Noam Ben Shalom/Goethe-InstitutCopyright:Noam Ben Shalom/Goethe-Institut
Ein Stück Kreuzberg in Tel Aviv: Der „Salon Berlin“ zieht junge Israeli an – mit Retroklamotten, minimalistischen Bierpreisen, Hinterzimmer-Bands oder Ausstellungen (Foto: Noam Ben Shalom/Goethe-Institut)

4. Mai 2013

Von 1993 bis 1999 war er als israelischer Botschafter in Bonn, aber noch heute gilt Avi Primor als Schlüsselfigur im Dialog zwischen Israel und Deutschland. Ein Gespräch über den Schrecken der Vergangenheit, mutige Fragen der 68er und einen Deutschkurs unter falschem Namen.

Herr Primor, wann haben Sie zum ersten Mal vom Goethe-Institut gehört?

Primor: Ich kann mich erinnern, dass es in den Sechzigerjahren in Israel die Diskussion gab, ob man ein Goethe-Institut in Israel akzeptieren könne. Aber ich habe das nicht so verfolgt, weil ich damals zu den Extremisten gehörte, die überhaupt keine Kontakte zu Deutschland wollten, weder politisch noch kulturell.

Diese Einstellung hat sich dann geändert.

Offensichtlich. Sonst wäre ich nicht Botschafter in Deutschland geworden. Ich habe meine Meinung allmählich geändert. Nicht nur ich. Ich spreche von meiner Generation. Wir haben Deutschland total abgelehnt, nicht ausschließlich wegen der Nazi-Vergangenheit. Was uns damals am meisten gestört hat, war, dass wir immer gehört haben, die Deutschen hätten ihre Vergangenheit verschleiert, verdrängt, geleugnet. Das hat sich dann allmählich geändert. Vor allem haben uns die 68er beeindruckt, weil sie ihre Eltern und Lehrer aufgerufen haben, endlich die Wahrheit darüber zu erzählen, was sie während der Nazi-Zeit getan haben. Dann haben sich auch die deutsch-israelischen Beziehungen entwickelt, dank des Wiedergutmachungsabkommens, das zum Teil eine deutsche Initiative war. Was uns auch sehr beeindruckt hat, war die Europa-Politik Deutschlands. Wir haben letztlich begriffen, dass Deutschland ein europäisches Deutschland anstrebt und kein deutsches Europa.

Und als es dann ein Goethe-Institut in Israel gab, konnten Sie mitverfolgen, wie das aufgenommen wurde?

Die Meinungen waren gespalten. Das Goethe-Institut und auch die deutsche Botschaft in Israel haben sich sehr bemüht, die kulturellen Beziehungen zu entwickeln. Hochkarätige Leute aus der deutschen Kultur konnte man nicht ablehnen, und so kam allmählich der Durchbruch.

Sie waren der erste israelische Botschafter in Deutschland, dessen Muttersprache nicht Deutsch war.

Avi Primor: „Wir haben begriffen, dass Deutschland ein europäisches Deutschland anstrebt und kein deutsches Europa“ (Foto: Privat)
Deutsch ist zwar die Sprache meiner Mutter, jedoch nicht meine Muttersprache. Meine Mutter stammte aus Deutschland, hat aber mit meinen Geschwistern und mir kein Deutsch gesprochen, weil sie mit meinem Vater kein Deutsch sprechen konnte. Trotzdem habe ich den Klang der Sprache oft gehört, weil meine Mutter sehr viel Wert auf die Sprache gelegt hat und mit deutschsprachigen Freundinnen verbunden war. Deutschland war ein weißer Fleck auf der Landkarte, wegen ihrer persönlichen Geschichte. Aber auf die Sprache hat sie großen Wert gelegt und gesagt, die Sprache gehört nicht den Nazis, das ist eine Kultur, das ist meine Kultur, meine Sprache.

Sie wurden 1993 zum Botschafter ernannt. Wie kam es dazu?

Ich habe begonnen, mit deutschen Menschen zu sprechen und zu verkehren, Kontakte, sogar Freundschaften zu entwickeln, als ich Botschafter in Brüssel war. Wenn man mit der Europäischen Union zu tun hat, dann kann man die Deutschen nicht vermeiden. Das hat meine Beziehungen zu den Deutschen und Deutschland verändert. Obwohl ich intellektuell schon verstanden hatte, dass es das Richtige ist, mit Deutschland zusammenzuarbeiten und sich den Deutschen zu nähern, hatte ich doch Angst davor.

Bevor Sie Botschafter in Deutschland wurden, haben Sie einen Sprachkurs beim Goethe-Institut in Mannheim absolviert.

Ich konnte nicht nach Bonn fahren, ohne ein Minimum Deutsch zu können. Und in Mannheim war ein Platz frei in einem passenden Kurs. Die Botschaft hat das für mich vorbereitet. Ich habe mich in Mannheim einen Monat lang regelrecht verschanzt und von ganz früh morgens bis spät nachts fast nichts anderes getan, als Deutsch zu lernen. Die Tatsache, dass ich der erste israelische Botschafter in Bonn war, der kein Deutsch konnte, während alle meine Vorgänger entweder gebürtige Deutsche oder gebürtige Österreicher waren, hat mir Angst gemacht. Um mich ein wenig zu erholen, habe ich ein Fahrrad gemietet und bin in Mannheim und Umgebung herumgefahren. Ganz frei, ohne Leibwächter, ohne Schutz. Die Sicherheitsbeamten sind dann am letzten Tag nach Mannheim gekommen, um mich abzuholen, und von diesem Moment an war Schluss mit dem Fahrrad.

Wussten die Lehrer im Goethe-Institut, wer Sie sind?

Nein. Erst hatte man mir in der Botschaft gesagt, ich müsse im Goethe-Institut schon Sicherheitsbeamte haben. Ich fand das absurd. Wie hätte das ausgesehen, wenn ich mit Sicherheitsbeamten in die Klasse gekommen wäre? Das sah sowieso schon komisch aus, weil ich bei weitem der älteste Schüler war. Die anderen waren meistens Studenten, hätten beinahe meine Enkelkinder sein können. Schließlich konnte ich doch ohne Sicherheitsbeamte hingehen, weil ich dem Bundespräsidenten mein Beglaubigungsschreiben noch nicht übergeben hatte und deshalb noch nicht bekannt war. Aber ich habe den Deutschkurs unter dem falschen Namen Albert Schmidt besucht.

Im Unterricht am Goethe-Institut bekamen Sie damals unter anderem einen Text von Mark Twain …

Ja, in diesem Text erklärt Mark Twain, wie schwierig die deutsche Sprache ist. Aber er macht das sehr humorvoll. Er schreibt, dass sehr begabte Menschen es schaffen können, innerhalb von 30 Jahren Deutsch zu lernen – wenn sie sich sehr bemühen. Es war überhaupt sehr lustig im Goethe-Institut damals. Wir wollten nicht nur die Hochsprache lernen, sondern auch die Umgangssprache, womit wir meine Lehrerin, die sehr scheu war, ganz schön in Verlegenheit brachten. Manche Ausdrücke wollte sie gar nicht erklären und sagte, dass wir besser unsere Freunde fragen sollten.

Können Sie sich erinnern, was Ihnen am Anfang am schwersten gefallen ist?

Der Kurs war nicht nur intensiv, er war auch äußerst effizient. Wenn man wirklich lernen wollte, hatte man die allerbesten Möglichkeiten dazu. Die Lehrer, die ich hatte, waren exzellent. Man konnte ihnen ansehen und spüren, dass sie mit ganzem Herzen bei der Sache waren. Nachmittags habe ich in der Mediathek gelernt, nicht nur Deutsch, sondern auch viel über Deutschland, seine Kultur und Geschichte. Ich dachte am Anfang, dass Deutsch noch schwieriger ist, als man sagt, teuflisch schwierig. Aber das hatte mit meinem Alter zu tun. Die anderen Sprachen, die ich gelernt habe, habe ich in meiner Jugend gelernt, und da lernt man schneller. Deutsch hat seine Schwierigkeiten, die Grammatik zum Beispiel. Aber Deutsch ist eine logische Sprache, und wenn man die Logik der Sprache begreift, dann lernt man sehr schnell.

Ihr Sohn war das erste israelische Botschafterkind, das auf eine deutsche Schule gegangen ist.

Das allererste. Die israelischen Diplomaten haben ihre Kinder in die amerikanische Schule geschickt. Aber meine Frau und ich wollten die Arbeit in Deutschland richtig machen und uns auch in die Gesellschaft integrieren. Dazu gehörte für uns auch, dass das Kind mit deutschen Kindern in die Schule geht. Darüber hinaus hatte es für unseren Sohn einen Vorteil, so früh die deutsche Sprache zu lernen. Englisch, das war uns klar, würde er sowieso irgendwann lernen.


Goethe-Dossier und App: Deutsche Spuren in Israel

Wie ist heute in Israel die Einstellung zur deutschen Sprache? Stimmt es, dass es einen Deutsch-Boom gibt?

Das kann ich bestätigen. Allerdings geht es nicht nur um die deutsche Sprache. Es geht auch um die deutsche Kultur. Das Goethe-Institut in Israel ist sehr aktiv. Es gibt dort sehr viele Veranstaltungen – über Kultur, Geschichte, Literatur oder Film, auch für Leute, die kein Deutsch können. Und wenn das den Leuten imponiert, versuchen sie danach auch, die Sprache zu lernen. Die meisten Israelis haben keine Hemmungen mehr in Bezug auf Deutschland. In meiner Kindheit konnte man die deutsche Sprache auf der Straße nicht sprechen. Da konnte man angegriffen werden, nicht physisch, aber man musste immer damit rechnen, beleidigt zu werden. Heute gibt es keine Vorbehalte mehr. Wir betrachten Deutschland als eine ganz normale, echte, parlamentarische, westliche Demokratie. Darüber hinaus ist es ein Land, mit dem wir sehr eng verbunden sind. Deutschland hat eine große Anziehungskraft. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Touristen aus Israel nach Berlin kommen. In meiner Universität habe ich ein Zentrum für Europäische Studien gegründet, das ich in Zusammenarbeit mit einer palästinensischen und einer jordanischen Universität betreibe. Am Ende ihres Studiums fliegen die Studenten gemeinsam nach Düsseldorf, um dort ein Jahr lang gemeinsam weiter zu studieren. Die bekommen vorher alle Deutschunterricht. In Israel, in Jordanien und in Palästina. Dafür habe ich gesorgt. Glauben Sie ja nicht, dass die Studenten widerwillig Deutsch lernen, sie haben Schwierigkeiten, aber sie wollen es. Für sie ist es ein einmaliges Angebot, das sehr gut ankommt.

Wenn Ihre Mutter noch leben würde, würde all dies sie glücklich machen?

Sie hat nach meiner Ankunft in Bonn noch ein Jahr gelebt. Und sie war mehr als glücklich, als wir uns entschieden haben, unseren Jungen zuerst in den deutschen Kindergarten zu schicken und dann in die deutsche Schule. Sie hätte sich nie vorstellen können, ein Enkelkind zu haben, das Deutsch spricht. Aber wenn ich Botschafter in Deutschland geworden wäre, bevor sie 1980 zum ersten Mal wieder nach Deutschland gefahren ist, dann hätte sie wahrscheinlich ihre Beziehungen zu mir abgebrochen.

Ihre Mutter hat im Holocaust alle Angehörigen verloren …

Aus ihrer Familie und ihrem Freundeskreis ist niemand geblieben, niemand hat den Holocaust überlebt. Dass meine Mutter 1932 nach Tel Aviv gekommen ist, war reiner Zufall. Sie war keine Zionistin und es gab noch kein Nazi-Regime in Deutschland. Sie kam aus einer bürgerlichen Frankfurter Familie und hat eine Tour durch den Mittelmeer-Raum gemacht, mit einer Jugendgruppe. Unter anderem haben sie auch Tel Aviv besichtigt, wo sie ganz zufällig meinen zukünftigen Vater kennengelernt hat. Sie war damals kaum 18 Jahre alt, hat sich verliebt und sofort entschieden zu bleiben. Ihre Eltern waren darüber empört, außer sich. Sie hat dann die Beziehungen zur Familie abgebrochen, und zwar endgültig. Keiner aus ihrer Familie hat den Holocaust überlebt. Als sie erfahren hat, was passiert ist, hat sie ein schlechtes Gewissen bekommen und wollte von Deutschland nie wieder etwas hören. Es gab kein Deutschland mehr. Wir durften in der Familie das Wort Deutschland nicht aussprechen. Ganz fanatisch war sie, aus Schmerz. Und dann kam 1980 dieser Brief von Frankfurts Oberbürgermeister Wallmann. Das war in der neuen Tradition der neuen deutschen Städte, die ehemaligen Verfolgten, Flüchtlinge und Überlebenden als Ehrengaste der Stadt einzuladen. Als meine Mutter diesen Brief bekam, hat sie ihn weggeschmissen, wollte gar nichts davon hören. Mein Vater aber hat sie dazu gedrängt, Deutschland zu besuchen. Schließlich hat meine Mutter nachgegeben. Sie stimmte zu, nach Frankfurt zu fliegen und dort einen Tag zu verbringen. Aber schon am Abend wollte sie weiterfliegen, denn in Deutschland wollte sie auf keinen Fall übernachten. Dann sind sie hingefahren und nicht einen Tag in Deutschland geblieben, sondern zwei volle Wochen. Sobald meine Mutter einen Kontakt mit deutschen Menschen hatte, war das Eis gebrochen. Danach ist sie jedes Jahr, um Urlaub zu machen, nur noch nach Deutschland geflogen. Deshalb hat es sie sehr gefreut und stolz gemacht, als ich 1993 zum Botschafter in Deutschland ernannt wurde.

Was ist eigentlich Ihr deutsches Lieblingswort?

Nee, das sag ich nicht, das ist nicht schön. Aber eigentlich ist es ein Lieblingswort, das ich mit den meisten Deutschen teile – „Scheiße“.

Das Interview führte Maren Niemeyer

Avraham „Avi“ Primor wurde 1935 in Tel Aviv geboren. Er studierte Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen in Jerusalem, New York und Paris. Bevor er Botschafter in Deutschland wurde, führte ihn seine diplomatische Laufbahn in mehrere afrikanische Länder, weitere Stationen waren Frankreich und Brüssel.

Diesen Text haben wir dem Magazin des Goethe-Instituts entnommen. Noch mehr spannende Reportagen, Hintergründe und Interviews zum Thema finden Sie in der Ausgabe „Deutsch!“.
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