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Europa in der Krise: Der spanische Zwiespalt

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Vor dem Anpfiff gab sich Barcelona noch farbig und froh (Foto: senSATZionell)

15. Mai 2013

Das deutsch-spanische Verhältnis ist ambivalent: Skepsis gegenüber der vermeintlichen Hegemonialmacht Deutschland und Respekt vor dem Erfolg des EU-Partners halten sich in Spanien die Waage. Der Abschied aus der Champions League kam da mit besonders schmerzhafter Symbolik. Von Marc Borneis

„Alemania quiere ser España“ („Deutschland möchte Spanien sein“) lautete der halb ironische, halb stolze Titel eines Artikels der spanischen Zeitung El País vom 21. April. Anlass waren die bevorstehenden Halbfinalspiele der Champions League, bei denen Real Madrid auf Borussia Dortmund und der FC Barcelona auf Bayern München treffen würden. Es ging um die internationale Vorbildfunktion des spanischen Fußballs, eine der großen sportlichen, medialen und unternehmerischen Erfolgsgeschichten der letzten Jahre. Wenige Tage später bekam auch dieses Selbstbild einen schmerzhaften Riss: Die Teams aus Madrid und Barcelona erlitten empfindliche Niederlagen, und beim Finale der Champions League am 25. Mai werden die deutschen Mannschaften unter sich sein.

In anderen Zeiten, vor der Krise, die Europa zur Zeit durchlebt und die es in einen erfolgreichen „Norden“ und einen marginalisierten „Süden“ zu spalten droht, wäre dies als simples sportliches Ereignis wahrgenommen worden. Zurzeit erhält aber vieles eine mehrfache Lesart. Themen wie Fußball werden stärker politisiert als zuvor. Als Deutsch-Katalane, der in Barcelona als Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Institut arbeitet, verfolge ich diese Entwicklungen sehr aufmerksam. Wir müssen darauf ruhig und gelassen, aber mit einer gesteigerten Sensibilität reagieren. Denn ganz gleich, ob beim Smalltalk mit Bekannten oder bei Verhandlungen mit Institutionen und Firmen, die Interesse an Deutschkursen für ihre Mitarbeiter haben: Deutschland ist momentan in aller Munde. Und das sowohl im positiven als auch im negativen Sinne.

Beginnen wir mit dem Negativen: Mittlerweile habe ich es aufgegeben, die Zahl der Artikel und Kommentare in spanischen Medien zu zählen, die Deutschland, sprich „Berlin“, sprich „Angela Merkel“, für den derzeitigen Verlauf der Euro-Krise verantwortlich machen. Egal, ob es um die Austeritätspolitik der Europäischen Union oder den Kurs der nördlichen EU-Staaten gegenüber den südlichen geht: Fast nie fehlt ein direkter Verweis auf das Land, das sich im Zuge der Krise nolens volens zur Hegemonialmacht in Europa entwickelt.

Auch in Deutschland gibt es Steuerbetrüger – Gott sei Dank!

Zwar ist sich der selbstkritische Teil der Öffentlichkeit in Spanien bewusst, dass etliche Ursachen für die Misere in internen Missständen zu suchen sind – Stichworte Korruption, Immobilienblase et cetera. Die allgemeine Unzufriedenheit beschränkt sich dabei nicht nur auf das Krisenmanagement der Regierung von Mariano Rajoy, sondern richtet sich zunehmend gegen „die Politiker“ im Allgemeinen, wie Meinungsumfragen sowie die zahllosen Demonstrationen und gesellschaftlichen Mobilisierungen zeigen. Gleichzeitig beklagt man den Tonfall moralischer Überlegenheit und Selbstgerechtigkeit, den man aus den Diskursen vieler Politiker, Wirtschaftsleute und Kommentatoren aus Nordeuropa heraus hört. Wenn dann ein Steuerbetrug-Skandal wie der um Bayern Münchens Präsidenten Uli Hoeneß zeigt, dass auch in Deutschland nicht immer alles korrekt zugeht, sorgt dies bei manchen schon fast für Erleichterung ...

Gleichzeitig wird in spanischen Medien immer wieder Deutschland zitiert, wenn es um positive oder wegweisende Beispiele für Reformen geht. Da wäre das deutsche Kurzarbeitsmodell im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, die duale Berufsausbildung als Modell zur nicht-universitären Qualifizierung junger Leute, der Föderalismus als Alternative zur möglichen Abspaltung von Ländern wie Katalonien. Oder die Bereitschaft deutscher Politiker, zurückzutreten, wenn ans Tageslicht kommt, dass sie ihren akademischen Titel gefälscht oder mit befreundeten Unternehmern gekungelt haben. Auch die in Deutschland vor zehn Jahren höchst umstrittenen Hartz-IV-Reformen werden in spanischen Medien zumeist als bitterer, aber notwendiger Schritt dargestellt, dank welchem das Land die derzeitige Krise relativ ungeschoren übersteht.

Auch bei anderen Themen setzt Deutschland positive Akzente: So gilt Berlin vielen jungen Leuten als eine der coolsten, liberalsten Metropolen Europas, in der es sich – mal vom Wetter abgesehen – auch dank der im Vergleich zu Spanien erschwinglichen Mieten fantastisch leben lässt. In Spanien liegt die Arbeitslosigkeit mittlerweile bei 27 Prozent, unter jungen Leuten sogar bei 57 Prozent. Diese Perspektivlosigkeit treibt viele zur Jobsuche ins Ausland. Der Zustrom auf die Deutschkurse, den wir seit mehr als zwei Jahren in den Goethe-Instituten in Spanien erleben, hat entsprechend nicht nur mit unserer guten Arbeit, sondern auch viel mit dieser Situation zu tun. Im Gegensatz zu vielen Kulturträgern vor Ort haben wir in der letzten Zeit niemanden entlassen, sogar zahlreiche neue Kollegen einstellen können. Während an zahllosen Lokalen in Barcelona „Zu vermieten“-Schilder hängen, müssen wir Räumlichkeiten außerhalb anmieten und können die Nachfrage immer noch nicht decken.

Komm nach Deutschland, Pepe!

Kontinuierlich entwickeln wir neue Module für Bewerbungstrainings, oder Deutsch für spezielle Berufsgruppen – von Fachkräften im Gesundheitswesen bis hin zu LKW-Fahrern. Zudem haben wir einen Bereich namens „Arbeiten in Deutschland“ geschaffen, der erfolgreich zwischen Bildungsträgern, Arbeitsagenturen und Firmen in Spanien und Deutschland sowie auf europäischer Ebene agiert und dessen Aktivitäten international eine Pilotfunktion einnehmen.

Wir sind dabei nicht nur als Anbieter von Sprachkursen, sondern auch als kultureller Mittler gefragt. Für einen Großteil der spanischen Bevölkerung ist Deutschland seit Jahrzehnten Synonym für wirtschaftlichen Fortschritt und Wohlstand. „Vente a Alemania, Pepe“ – „Komm nach Deutschland, Pepe“ hieß ein Filmklassiker der Sechziger, in dem der Protagonist als Gastarbeiter nach Deutschland zog. Zurzeit beschleicht viele ein Déjà-vu-Gefühl. Gleichzeitig weisen die spanischen Medien immer wieder darauf hin, dass die aktuelle Situation nur begrenzt mit der damaligen zu vergleichen ist. Denn heute werden in Deutschland primär hochqualifizierte Arbeitskräfte gesucht.

Die derzeitige Abwanderung von Spanien nach Deutschland muss jedoch keineswegs zu einem brain drain führen. Vielmehr steckt in ihm ein Potenzial, das für beide Seiten befruchtend und bereichernd sein kann. Das Stichwort lautet Mobilität. Den Fachkräften soll die Möglichkeit eröffnet werden, internationale Erfahrungen zu sammeln, die ihren persönlichen Horizont erweitern und langfristig auch der spanischen Gesellschaft zugute kommen können. Denn sowohl diejenigen, die nach dem hoffentlich baldigen Ende der Krise nach Spanien zurückkehren als auch diejenigen, die in Deutschland bleiben, werden ein lebendiges Bindeglied zwischen beiden Kulturen. Und Personen, die sich in mehreren Ländern gleichzeitig zu Hause fühlen, kann es nie genug geben. Daher sehen wir, um auf den Fußball zurückzukommen, den Wechsel des ehemaligen „Barça“-Trainers Pep Guardiola zu Bayern München mit viel Spannung und drücken ihm die Daumen.
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