Van Bo Le-Mentzel im Interview: „Hilf den Hilfsbereiten!“

Wohin mit dem 1m²-Haus? Egal, es ist ja mobil (Foto: Van Bo Le-Mentzel)
25. Mai 2013
Van Bo Le-Mentzel will die Welt ein bisschen besser machen. Dazu erfindet er Dinge wie Hartz-IV-Möbel, Karma Chakhs und das Crowducing. Im Interview erzählt er, was Bauhaus über die deutsche Seele verrät und wie man sich günstig ein Eigenheim bauen kann. Wohnfläche: ein Quadratmeter.
Herr Le-Mentzel, Sie bauen die vielleicht kleinsten Häuser der Welt. Wie kam es dazu?
Le-Mentzel: Ich komme aus einer Flüchtlingsfamilie, und da fragt man sich sehr oft, was Heimat ist. Oder was das gute Leben ist. Definiert sich das über ein möglichst großes Einfamilienhaus mit Auto, Vorgarten und Hund? Ich bin schnell zu der Erkenntnis gekommen, dass mein Bild eines perfekten Lebens fremdgesteuert ist. Es wird einem fast schon eingetrichtert, dass man möglichst viel arbeiten sollte, einen Bausparvertrag abschließen, dann in Rente gehen und sich in sein Haus in der Vorstadt zurückziehen. Die Träume von einem perfekten Lebensabend haben sehr viel mit Geld zu tun. Ich habe mich gefragt, ob Schulden der einzige Weg sind, um an ein Haus zu kommen. Mit dem 1m²-Haus versuche ich diese Nuss zu knacken. Mit nur 250 Euro Materialeinsatz kann sich jeder sein eigenes aus bauen. Man braucht auch kein Grundstück, weil das Ding so klein ist und Rollen hat, dass man es in einen Park oder einen Vorgarten stellen kann. Sobald jemand meckert, rollt man einfach einen Meter weiter.
Worum geht es Ihnen dabei?
Dass nicht ich als Entwerfender vorgebe, was mit dem Haus gemacht wird, sondern der Erbauer des Hauses seinen Zweck definiert. Das ist eine Denkweise, die man so in der Uni nicht lernt – Räume zu schaffen, die erst durch den Nutzer fertig werden. In der Design-Uni oder an der Architekturfakultät wird den Studenten beigebracht, möglichst perfekte Hotels, Schulen, Städte zu entwickeln, die dann später nur noch konsumiert werden. Das ändert sich gerade: Der Konsument ist kein reiner Geldgeber mehr, sondern er hat die Mündigkeit mitzugestalten.
Sie haben gerade einen Workshop dazu in Dublin gegeben. Was genau haben Sie da gemacht?
Das war ein Workshop mit Studenten des National College of Art and Design, dem Ballymun Rediscovery Centre und dem Goethe-Institut Dublin. In dem Workshop haben die Studenten ihre eigenen 1m²-Häuser gebaut. Ich habe die Baupläne zur Verfügung gestellt und jeder sollte für sich selbst eine Antwort darauf finden, welchen Zweck das Haus haben könnte, wie es die Welt vielleicht ein bisschen besser machen könnte. Dabei sind interessante Häuser entstanden. Ein paar Studenten bauten zum Beispiel eine Confession Box, der erste nichtkirchliche Beichtstuhl wahrscheinlich, wo jeder Student sich seine Sorgen von der Seele reden kann. Andere haben sich des Themas Wasser angenommen – mit dem Van Boat.
Fotostrecke vom Workshop: Das „1m²-Haus“ in Dublin
Zuletzt also in Dublin, im September 2012 waren Sie in Montréal und auch sonst kommen Sie viel rum. Sind die Bezahlbarkeit und Gestaltung von Wohnraum, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit globale Themen?
Unbedingt. Weil die Ursachen für die Probleme, die es gibt, auch globaler Natur sind. Durch die Industrialisierung und die Globalisierung haben die westlichen Länder Produktionen ins Ausland verlagert, wo weniger Kosten anfallen. Jetzt streben diese Niedriglohnländer selber den Wohlstand an, den wir genießen. Sie lagern also selber Arbeit aus. Das Ergebnis: Irgendwann gibt es niemanden mehr, der bereit ist, zu den bisherigen Dumpinglöhnen zu arbeiten. Generell kann man sagen, dass meine Ideen eher für Länder interessant sind, in denen es keinen Mangel gibt. In Überflussgesellschaften, wie der unseren. Alles was wir haben wollen, können wir von heute auf morgen bestellen. In anderen Ländern ist Do it yourself normal. In Ägypten zum Beispiel gibt es keine Baumärkte. Wenn die Ägypter also einen Hartz-IV-Stuhl bauen wollen, müssen sie sich ihre Schrauben, ihr Holz und so weiter zusammensuchen. Das wiederum schafft eine Gemeinschaft. Von diesem Zusammenhalt können wir einiges lernen.
Die Picture Hut, durch deren Dach die Dubliner einen Blick auf ihre Stadt werfen können, in Aktion
Ihre Einschätzung: Wie kam es, dass sich Ihre Arbeit so viral verbreitet hat? „Konstruieren statt Konsumieren“ hat über 11.000 Likes auf Facebook.
Im Nachhinein kann man wohl sagen, dass meine Ideen erfolgreich sind, wegen der vielen Facebook-Likes und der großen Presseresonanz. Eigentlich wollte ich ja nur in der Volkshochschule lernen, wie ich einen Stuhl bauen kann, um damit meine Frau zu beeindrucken. Dass dabei eine Bewegung entstanden ist, ist natürlich toll. Aber das war nie Absicht oder Ziel. Was uns fehlt in unserem westlichen Denken ist eine Ergebnisoffenheit. Die Bewegung ist ja keine Institution, keine Stiftung, kein Verein – nur eine Idee, ein Gedanke, der komplett ergebnisoffen ist. Daraus kann ein Workshop werden, oder ein Buch. Jetzt machen wir halt einen Schuh. Vielleicht gründen wir irgendwann ein Krankenhaus.

Van Bo Le-Mentzel: „Eine Bewegung war nie das Ziel“ (Foto: Luke Abiol © 2012 Solomon R. Guggenheim Foundation, New York)
Ganz einfach: Hilf den Hilfsbereiten!
Woher kommt Ihr Interesse am Bauhaus?
Erstens, weil mir das zum ersten Mal eine Antwort auf die Frage gegeben hat: Was ist deutsche Identität? Als jemand der neu nach Deutschland gekommen ist, war es für mich wichtig zu wissen, was das hier für ein Land ist. Kann man darauf stolz sein, hier zu leben? Wie fühlt es sich an, Deutscher zu sein? Darauf gibt dir keiner eine Antwort. Kein Politiker, kein Lehrer, meine Freunde nicht, meine Eltern nicht. Aber Bauhaus gibt darauf Antworten, indem es mir gezeigt hat: So sieht ein deutscher Stuhl aus, so sehen deutsche Details aus. So baut man materialgerecht und nachhaltig. Das sind alles ziemlich deutsche Gedanken. Im Bauhaus geht es letztendlich um Gerechtigkeit: Jeder soll die Möglichkeit haben, ein gutes Leben zu führen, seinen Glauben auszuüben, seine Gedanken frei zu äußern. All das finde ich in einem Stuhl wieder. Und genau das ist auch der zweite Grund: Bauhaus ist, so ähnlich wie die Volkshochschule, eine Institution, die versucht, das gute Leben möglichst allen Menschen zur Verfügung zu stellen.
Die „Crowd“ durfte auf Facebook mitbestimmen, was mit dem Gewinn aus dem Buch entsteht. Was ist das nächste Projekt?
Die Crowd hat auf Facebook abgestimmt, dass 50 Prozent des Geldes in die Gründung meiner Familie gehen und 50 Prozent in neue Projekte investiert werden. Momentan beschäftige ich mich mit der Produktion der Karma Chakhs. Dabei geht es um Open-Source-Schuh-Produktion. Ich nenne das Crowducing, also wenn die Crowd anfängt zu producen. Es gibt ja schon Crowdfunding und Crowdsourcing. Crowducing ist dann der nächste Schritt, dass man gemeinsam mit einer interessierten Gemeinschaft produziert.
Welches Möbel ist als nächstes geplant?
Meine Frau und ich haben eine Box erfunden, die man an den 24-Euro-Stuhl klemmen kann. Der Stuhl ist dabei auf Kufen montiert, so dass er wippt. In die Box kann man ein Baby legen und somit ist der Stuhl gleichzeitig eine Wiege.
Das Interview führte Elisa Stahmleder
Van Bo Le-Mentzel, 36, ist eigentlich Architekt, wurde aber bekannt mit der Erfindung der Hartz-IV-Möbel. Um seine Frau zu beeindrucken, besuchte er 2010 einen Tischlerkurs der Volkshochschule. Als er merkte, wie einfach es ist, schöne und trotzdem preiswerte Möbel selbst zu machen, teilte er sein Wissen im Internet. Konstruieren statt Konsumieren war geboren. Die Idee dahinter ist, dass jeder, auch mit wenig Geld, schön wohnen kann. Den Hartz-IV-Möbeln folgten diverse Projekte, wie das 1m²-Haus oder die Karma Chakhs, die auf Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit abzielen. Mittlerweile ist Le-Mentzel in diversen Fernsehshows und Zeitungen präsent und gibt weltweit Workshops.







