Ein „Städtle“ tanzt: Im Vatikan des Balletts

Bejubelt und ausverkauft: das Stuttgarter Ballett im Moskauer Bolschoi-Theater (Foto: Damir Yusupov/Bolschoi-Theater)
18. Mai 2013
Es kommt nicht alle Tage vor, dass das Stuttgarter Ballett im Bolschoi-Theater in Moskau auftritt. Zuletzt vor fast 30 Jahren. Jetzt ist die Kompanie mit Romeo und Julia aufgeschlagen und hat dabei nichts dem Zufall überlassen. Von Adrienne Braun
Es gibt Dinge, über die man am besten nicht weiter nachdenkt. Zum Beispiel über den Hund im ersten Akt. Gerade hat die Generalprobe zu Romeo und Julia begonnen, die Stuttgarter Tänzer wagen die ersten Sprünge und Drehungen – als plötzlich ein kleiner Kläffer auf die Bühne rennt, ins schönste Piano hineinbellt und nimmermehr gesehen ward. Dabei herrscht im Bolschoi-Theater Sicherheitsstufe eins. Das Stuttgarter Ballett ist nach Moskau eingeladen worden, nach fast dreißig Jahren ohne Gastspiel reist die Stuttgarter Kompanie zum ersten Mal wieder nach Russland und gastiert im „Vatikan des Balletts“, wie manche sagen. Aber wenn die Tänzer zur Probe gehen, erwartet sie eine grimmige Security. Scharf werden die Backstage-Pässe kontrolliert, strenge Blicke begleiten die Gäste aus dem Westen in den Sicherheitsschleusen – als sei man noch in finstersten kommunistischen Zeiten.
Moskau ist anders, ist besonders, das merkt die Stuttgarter Delegation in diesen Tagen immer wieder. Ein großer Tross, 113 Theaterleute, sind am vergangenen Wochenende angereist und versuchen sich in den Fluren und Gängen des Bolschois zu orientieren. In den Garderoben stehen schon die Stuttgarter Kostümständer, die Degen für die Duelle liegen bereit. Die Nasen sind gepudert, die Haare toupiert. Denn jetzt wird es ernst: Generalprobe von Sergej Prokofjews Romeo und Julia in der Choreografie von John Cranko aus dem Jahr 1962. Marcia Haydée trägt schon das Kostüm für die Gräfin Capulet und wartet in ihrer eleganten Garderobe. Bis 2011 wurde das klassizistische Theater saniert. Nun glänzt und glitzert es, die Balkone sind mit Gold verziert, selbst der schwere Vorgang ist golddurchwirkt. Die Solistengarderoben sind mit schweren Ledersofas und teuren Flügeln ausgestattet, trotzdem gefällt es Marcia Haydée nicht.
Durch das Theater fliegen die ersten Töne. Der Klang ist brillant in dem Haus, das fast 2000 Plätze hat und doch intim wirkt. Wolfgang Heinz dirigiert das Bolschoi-Orchester, das Romeo und Julia seit Jahren spielt und sich flink die Stuttgarter Version aneignet. „Ich bin sehr zufrieden“, sagt Heinz, „es sind gute Musiker.“ Für Angelika Bulfinsky ist die Zitterpartie dagegen noch nicht beendet. Sie hat die russische Statisterie einstudiert und mit Dolmetscherin, Händen und Füßen erklärt, was die Marktfrauen und Soldaten zu tun haben. Immerhin, die russischen Kollegen seien bühnenerfahren, sagt sie. „Aber ich bin erst froh, wenn der dritte Akt zu Ende ist.“ Auf Alicia Amatriain und Friedemann Vogel warten Fernsehkameras: Pressekonferenz. Ein Journalist will wissen, warum das Stuttgarter Ballett so lange nicht in Russland war. Die Antwort ist einfach: Weil ein Gastspiel sehr teuer ist.
Viel Training und Luxusmarken – wie bei Justin Bieber
Möglich wurde es nun durch das Deutschlandjahr in Russland. Auswärtiges Amt und Goethe-Institut zahlen 130 000 Euro für die Flüge, den großen Rest übernimmt das Bolschoi. Vier Sattelzüge einer litauischen Spedition haben die Kulissen transportiert, die Marktwagen mit Plastikobst und künstlichen Würsten, die Werkzeugschränke und Farbenkisten, Züge und Prospekte. Für Richard Gilmore hat die Technik sogar ein Zelt mit Liege auf der Hinterbühne aufgeschlagen. Aber der Masseur ist meist unterwegs, muss hier Füße kneten, dort gegen Rückenschmerzen angehen. Auch Gilmore war bei dem Gastspiel 1985 schon dabei und erinnert sich, dass es im berühmten Kaufhaus Gum fast nichts zu kaufen gab. „Jetzt ist es voller Luxusartikel.“Aus dem düsteren Moskau von damals ist ein Lichtermeer geworden, junge Leute sitzen Zigarre paffend im Park, über die achtspurigen Straßen heizen dicke Autos, die historischen Bauten und die monumentale Sowjetarchitektur im Zuckerbäckerstil – alles ist aufwendig restauriert. Die internationalen Luxusmarken sind allgegenwärtig. Aber man sieht auch noch alte russische Weibchen, denen die Armut geblieben ist. So, wie auch die legendäre russische Unfreundlichkeit nicht ausgestorben zu sein scheint. „Jedes Land ist anders“, sagt Fränzi Günther, die Geschäftsführerin des Balletts und wirkt ein wenig entnervt, weil plötzlich ein russisches Filmteam auf der Hinterbühne steht – ganz ohne Erlaubnis. „In Japan ist alles perfekt organisiert“, sagt sie. In Moskau sei dagegen nur eines sicher: das, was vereinbart wurde, ändere sich wieder.
Nicht einfach für ein Team wie das Stuttgarter Ballett, das auf höchste Perfektion setzt, das diese eine Woche in Moskau nicht etwa für Sightseeing nutzt, sondern für hartes Training und Proben. Man weiß, was man sich schuldig ist, hier im Vatikan des Balletts. Das heißt: höchste Disziplin und nichts, was dem Zufall überlassen bleibt. Deshalb wäscht der Garderobenmeister Alain Balloy die mehrfarbigen Trikots nach der Generalprobe auch lieber von Hand – „erst ein Fuß, dann den anderen“, damit nichts verfärbt. Er hat sogar den großen Trockenschrank mitgebracht, in dem Kostüme geföhnt werden, damit sie bis zur Vorstellung am Abend trocken sind. Der Inspizient Ekkehard Kleine musste sich dagegen am fremden Pult zurechtfinden, das, natürlich, kyrillisch beschriftet ist. „Es ist schon ein bisschen aufregend“, sagt Kleine, „man geht hier mit einem anderen Respekt dran, Respekt vor diesem Theater und dem, was es den Russen bedeutet.“

Nach 1972 und 1985 gastiert das Stuttgarter Ballett zum dritten Mal in Russlands größtem Opern- und Balletttheater (Foto: Damir Yusupov/Bolschoi-Theater)
Jene lange Tradition des russischen Balletts hat aber auch ihre Schattenseiten. Natürlich hat während des Gastspiels jeder den Säureanschlag im Hinterkopf, der im Januar auf den Chef des Bolschoi-Theaters verübt wurde. „Sicher haben wir es verfolgt“, erzählt Alicia Amatriain, „es ist sehr traurig, dass so etwas in der Welt des Tanzes passiert.“ Auch nach zehn Operationen hat der 42-jährige Sergej Filin seine frühere Sehschärfe nicht wieder zurück. Er galt als Modernisierer, der das Bolschoi öffnen und die russische Kompanie internationaler machen wollte. Es gab sogar Überlegungen, dass die Moskauer Ballettschule mit der Stuttgarter John-Cranko-Schule zusammenarbeitet. Ausgerechnet in Moskau, wo man sich so selbstbewusst und international gibt, ist die Kultur verpflichtet, die Tradition zu pflegen – keineswegs nur im Bolschoi. Als kürzlich Sasha Waltz in Moskau gastierte, lief das Publikum scharenweise raus, weil es ihm zu nackt und zu modern zuging.
Wenn es um Tanz geht, bilden Politik und Publikum eine Allianz und wollen es möglichst rückwärtsgewandt. Deshalb glaubt auch nicht jeder, dass der Säureanschlag von einem neidischen Tänzerkollegen in Auftrag gegeben wurde, sondern dass sein Geständnis erzwungen sein könnte, um andere zu decken. Russland ist trotz allem zur Schau getragenen Glanz doch ein finsteres Land. Die Bolschoi-Besucher wollen sich von solchen Gerüchten die Freude nicht verderben lassen, immerhin zahlen sie für eine Karte zwischen 280 und 670 Euro. Die beiden Vorstellungen von Romeo und Julia am Mittwoch und Donnerstag sind ausverkauft, die Begeisterung ist groß. „So ein schönes Ballett habe ich schon lange nicht mehr gesehen“, sagt eine Schließerin, und sie hat schon viele Vorstellungen im Bolschoi begleitet.
Noch lange jubeln die Fans und fotografieren Alicia Amatriain und Friedemann Vogel und in der zweiten Vorstellung Maria Eichwald und Jason Reilly. „Wie bei Justin Bieber“, sagt jemand. Hinter der Bühne fallen Steine von Herzen. Erleichterung auf allen Seiten und Stolz, in diesem ehrwürdigen Haus eine perfekte Vorstellung abgegeben zu haben. Bolschoi ist eben immer noch der große Traum aller Tänzer, und die Stuttgarter haben ihn tatsächlich erreicht. Auch die Mitarbeiter des Moskauer Goethe-Instituts sind zufrieden über diesen Höhepunkt des Deutschlandjahres.
Heute Abend aber wird es noch einmal spannend. Die Stuttgarter präsentieren eine Gala, die für Moskauer Verhältnisse unter die Kategorie Risiko fällt. Auf der kleinen Bolschoi-Bühne werden Choreografien von Demis Volpi und Christian Spuck, Hans van Manen und Douglas Lee gezeigt. „Das wird der Lackmustest“, sagt Marc-Oliver Hendriks. Aber man hat die deutschen Gäste schon vorgewarnt: Wenn Russen ohne Applaus aus dem Saal rennen, heiße das noch lange nicht, dass es ihnen nicht gefallen hat. Sondern sie wollten nur schnell ihr Auto aus dem Parkhaus holen.
Mit freundlicher Genehmigung der „Stuttgarter Zeitung“, in deren Ausgabe vom 4. Mai 2013 dieser Artikel erschien.
Auf Einladung des Bolschoi-Theaters reiste das Stuttgarter Ballett Anfang Mai nach Moskau, um beim Deutschlandjahr in Russland vier Gastvorstellungen zu geben: zwei Aufführungen von John Crankos Romeo und Julia und zwei Galavorstellungen Highlights of the Stuttgart Ballety. Unter dem Motto „Deutschland und Russland – gemeinsam die Zukunft gestalten“ stellt sich Deutschland seit Juni 2012 mit Projekten aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Bildung und Wissenschaft ein Jahr lang in ganz Russland vor.








