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Kairo Underground: Die dritte Kraft

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Die deutsche Elektroband Diamond Version im Rawabet Theater in Kairo (Foto: Goethe-Institut)

10. Juni 2013

Zwei Jahre nach der Revolution auf dem Tahrir-Platz in Ägypten ringen Militärs und Muslimbrüder um die Macht. Doch auch die kulturrevolutionäre Bewegung hat sich Freiräume erkämpft. Mit dem Clubkultur-Projekt Ten Cities zu Gast in Kairo. Von Andreas Fanizadeh

Wir sitzen auf drei lila Plastikstühlen, die uns der Kellner in eine Ausbuchtung der staubigen Gasse in Downtown-Kairo gestellt hat. Ein gar nicht so kleiner Lastwagen rollt zentimetergenau an unseren Füßen vorbei. Ein Roller zwängt sich hupend in die andere Richtung. Dann kommen die Fahrzeuge wieder rückwärts gerollt: ein alter Chevrolet, der gar nicht so kleine Lastwagen, andere klapprig wirkende Gefährte. Der Kellner quert souverän die Straße und stellt ein Tischchen vor uns auf. Das passt auch noch hin. Wir trinken schwarzen Tee oder Nescafé. Schräg gegenüber liegt die Townhouse-Galerie. Ein flacher Bau, das Gebäude war früher eine Autowerkstatt. Vor fünfzehn Jahren ist hier ein unabhängiger Kunstraum entstanden, der auch mit der aktuellen Demokratiebewegung auf dem Tahrir-Platz verbunden ist.

Heute Abend eröffnet im Townhouse die junge Künstlerin Doa Aly ihre Schau. Videoaufnahmen von Balletttänzern, vielfach auf schmale und breite Leinwände in den Raum projiziert. Minimalistisch, körperbetont, frei nach einem Poem von Ovid, wie sie sagt. Direkt nebenan werden für den nächsten Abend in den engen Gassen von Downtown-Kairo die Elektronikmusiker von Diamond Version (Olaf Bender aka Byetone, Carsten Nicolai aka Alva Noto aus Chemnitz beziehungsweise Berlin) erwartet. Zusammen mit Wetrobots und Bikya aus Kairo spielen sie auf Initiative des Goethe-Instituts im Rawabet Theater.


„Ten Cities“ in Johannesburg: Dubmasta

Das Goethe-Institut, Deutschlands Kulturvertretung im Ausland, will mit dem Projekt Ten Cities europäische und afrikanische Clubkulturen miteinander konfrontieren. Eine weniger an Repräsentanz denn an Partizipation orientierte Kulturarbeit. „Kunsträume, Clubkultur und Musik können dazu beitragen, die eigene Stadt zu entdecken und zurückzuerobern“, sagt Gerriet Schulz. Er kuratiert das Ten Cities-Projekt zusammen mit Mahmoud Refat in Kairo. Schulz hat zwanzig Jahre lang in Berlin den Club Wmf betrieben, war Techno- und Clubpionier der ersten Stunde, als sich nach dem Mauerfall im Zentrum der größten deutschen Stadt neue Möglichkeiten auftaten.

Wie zum Ende der DDR

Berlin und Kairo seien nicht einfach zu vergleichen, so Schulz und Refat. In Kairo, der größten Stadt Afrikas, leben um die zwanzig Millionen Menschen, doch die Dinge sind auch in der Metropole am Nil rasant im Wandel. Globalisierung, Demokratisierung, viele aufgrund unrentabler Mietgesetze leerstehende Gebäude in der City – manches erinnert an die Situation zum Ende der DDR. Mit Revolution und Sturz des Mubarak-Regimes entstand 2011 ein Machtvakuum, das weder Muslimbrüder noch Militärs eindeutig füllen können und das auch die kulturellen Initiativen für sich nutzen.

Den Militärs, die keiner demokratischen Kontrolle unterliegen und deren Führungskaste etwa ein Drittel der Wirtschaft des Landes plan- und clanwirtschaftlich kontrolliert, geht es um die Verteidigung ihrer Pfründen. Präsident Mursi und die Muslimbrüder hingegen müssen im Weltlichen nun die Wirtschaftsmisere des Landes verwalten. Sie zeigen sich darin bislang so ideologisch wie unfähig. Ihren islamistischen Machtanspruch lehnt vor allem auch die dritte Kraft des Landes, die revolutionäre Demokratiebewegung des Tahrir-Platzes, ab. Sie scheint sich vom Schock der Wahlniederlage 2012 etwas erholt zu haben.

Ten Cities-Kokurator Mahmoud Refat residiert mit seinem Label 100 Copies ebenfalls in Downtown-Kairo, zehn Minuten vom Tahrir-Platz entfernt. In dem leicht verwahrlost wirkenden Gebäude aus der Kolonialzeit in der Talaat-Harb-Straße empfängt der freundliche, große Mann mit den Rastalocken im zweiten Stock. Refat produziert in seinem professionell ausgestatteten Tonstudio elektronische Musik aus Kairo und Nordafrika. Er komponiert auch Theatermusik, war als Musiker zum Maerz-Festival nach Berlin eingeladen und natürlich 2011 auf dem Tahrir-Platz dabei. Er ist eine der umtriebigen Figuren der unabhängigen Kairoer Club- und Kunstszene, die sich letztlich auf wenige Orte beschränkt. Alle ein, zwei Wochen verwandelt sich die 100-Copies-Etage in einen Konzertraum: Elektromusik kostenlos für ein urbanes Publikum, das sich äußerlich kaum von dem in Europa unterscheidet.

Foto: Goethe-Institut
Musiker von Wetrobots, Bikya und Diamond Version bei den Proben im Studio (Foto: Goethe-Institut)

Olaf Bender und Carsten Nicolai von Diamond Version loben die unkomplizierte Zusammenarbeit mit den Kairoer Kollegen. Knappe vier Tage hatten sie, um sich auf das Konzert im Rawabet Theater gemeinsam mit den Musikern aus Kairo vorzubereiten. Mehr gab ihr voller Terminkalender nicht her, kurz danach folgen Auftritte in New York und Zagreb. „Wir sind alle auf dem gleichen Level“, sagt Nicolai, „das macht es sehr einfach, zusammen Musik zu machen.“ Bender war als Byetone bereits kurz zuvor auf dem D-Caf Festival in Kairo aufgetreten. Das D-Caf Festival, 2012 entstanden, will laut Selbstbeschreibung aus Downtown-Kairo „einen vibrierenden Knoten der urbanen Weltkultur“ machen.

Es ist verblüffend, wie global und klassenübergreifend in gewissen Szenen bestimmte popkulturelle (und antiautoritäre!) Haltungen heute verbreitet sind. „Wir alle machen hier eine Art globalisierte Musik“, sagt Bender, „die Musik dient uns als universelle Sprache.“ Nicolai spricht von einem Common Ground, der über Kontinente hinweg verbinde. „Sicher gibt es lokale Einflüsse, aber in vielen sind wir näher zusammen, als wir glauben.“

Elektroclash in Downtown

Deutlich wird dies beim Ten Cities-Konzert im Rawabet Theater. Bei abgebauter Bestuhlung hat sich die Halle schnell mit hunderten Jugendlichen gefüllt. Dass wir in Downtown-Kairo und nicht in einem Club in Buenos Aires oder Berlin stehen, darauf weisen die Wasserflaschen hin, die statt der Bierflaschen in Umlauf sind. Nur wenige der Besucherinnen tragen Kopftuch. Bei freiem Eintritt ist die Stimmung „peacig“. Mobilisiert wurde über Internet und Facebook. Wetrobots, Bikya und Diamond Version betreten schließlich die Bühne. Das ergibt zusammen sieben Männer, die nun vor den Tischchen mit den Computern stehen.


„Ten Cities“ in Lagos: Afrologic

Jubel, als die fünfzigminütige Elektro-Jam-Session beginnt, in der die Musiker miteinander agieren. Das Elektro-Big-Band-Modell wirkt gekonnt, sehr lebendig. Nicolai und Bender führen es mit einer deutlich erkennbaren Kraftwerk-Konnotation. Das kommt bei der Kairoer Clubjugend an, dürfte aber für die Ohren von Geheimdienstlern schmerzlich gewesen sein. Ägypten ist nach wie vor kein freies Land. 2012 wurden in Port Said 74 Fans des Kairoer Al-Ahly-Fußballklubs, Speerspitze der Demokratiebewegung, gelyncht. Danach versuchte die Tahrir-Bewegung das Innenministerium zu stürmen. Auch sexuelle Gewalt gegen Aktivistinnen ist an der Tagesordnung. Neu ist allerdings, dass auf dem Tahrir-Platz vergewaltigte Frauen der Öffentlichkeit davon berichten.

Die Medien stehen generell unter Druck. Im April wurde Comicautor Magdy El-Shafee vorübergehend verhaftet. Er soll aus einer Demonstration heraus versucht haben, gleich drei Polizisten umzubringen. Inzwischen soll es ein Verkehrsdelikt sein. El-Shafees Comic Metro bleibt verboten. Kein Rechtsstaat, nirgendwo, Korruption überall; der Zugang zu Chancen und Wohlstand ist weiterhin extrem ungleich. In der Galerie Mashrabia zeigt die Künstlerin Hala Elkoussy aktuelle Fotos von den Straßen Kairos. In Journey Around My Living Room setzt sie diese dokumentarisch in Verbindung mit Orten und Gegenständen ihrer Kindheit.

Die Megacity am Nil, das ist, je nach Perspektive, ein unter Autolawinen begrabener Moloch – „eine wüste Ansammlung von Hochhausblocks, deren Anordnung an eine hässliche Reihe fauliger Zähne erinnert“ (Jamal Mahjoub, Die dunklen Straßen von Kairo) – oder im Akt der fotografischen Selbstaneignung eine menschenleere Gasse mit ausruhendem Hund, die es so niemals gibt.

Mit freundlicher Genehmigung der „taz“, in deren Ausgabe vom 25. Mai 2013 dieser Artikel erschien.

Zehn Städte, zwei Kontinente – so lautet das Motto des Projekts „Ten Cities“: Seit November 2012 kommen rund 50 DJs, Musikproduzenten und Instrumentalisten aus Berlin, Bristol, Johannesburg, Kairo, Kiew, Lagos, Lissabon, Luanda, Nairobi und Neapel in Afrika und Europa zusammen, um gemeinsam Musik zu produzieren und sich über die Clubszenen ihrer Länder auszutauschen. Organisiert wird das Projekt der Goethe-Institute in Subsahara-Afrika vom Institut in Kenia, unterstützt von den Partnern Adaptr.org, C/O Berlin und der Universität Neapel. Dabei wird aus der Perspektive der Clubkultur das Thema Öffentlichkeit erkundet – musikalisch, fotografisch und wissenschaftlich.
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