Voyeurismus erwünscht: Beirut ganz privat

Freundliche Bewohner: Beiruter lassen Fremde in ihre Wohnungen blicken (Foto: Nesrine Khodr)
19. Juni 2013
Bei fremden Menschen ins Schlafzimmer oder in den Kühlschrank schauen: Was sich für gewöhnlich nicht gehört, ist bei X Wohnungen Programm. Wo dabei die Realität aufhört und die Inszenierung anfängt, ist nicht immer klar. So auch bei der jüngsten Station: Beirut. Von Gerd Brendel
Links die Stadtautobahn, rechts Stacheldraht. Auf dem Weg zu unserer ersten Station durchqueren Raghida, eine Beiruter Journalistenkollegin, und ich urbanes Niemandsland. „Folgen Sie der Mauer bis zur Ecke, dann links in die kleine Gasse“ – steht auf dem Faltblatt, das wir am Treffpunkt, einem Café, in die Hand gedrückt bekommen haben. Wir sind unterwegs zu X Wohnungen. So nennt sich ein Theaterformat, bei dem die Besucher in Zweiergruppen auf Wanderschaft durch ein Stadtviertel geschickt werden, von einer Privatwohnung zur nächsten, auf eine Theaterreise ins Private.
Denn hinter den ansonsten verschlossenen Türen erwarten die Besucher knappe Dramen, eine Installation, leutselige Bewohner oder einfach das blanke Nichts. Matthias Lilienthal hat das Format vor ein paar Jahren für Berlin erfunden und mittlerweile dank des Goethe-Instituts erfolgreich unter anderem in São Paulo, Johannesburg, Warschau oder Istanbul gezeigt. Jetzt also ist Beirut an der Reihe. Die erste Tour führt durch Khamdaq al Ghamiq. Die Gegend an der „grünen Linie“ war im Bürgerkrieg hart umkämpft. Früher wohnten hier Christen, jetzt vor allem Schiiten. An den Laternenpfählen kleben Plakate mit Hizbollah-Chef Hassan Nasrallah.
Auch im Wohnzimmer unserer ersten Station fehlt er nicht. Daneben hängt ein Foto mit einem jungen Mann. „Sicher ein Märtyrer“, flüstert Raghida. Sein Großvater sitzt auf der Couch und erzählt, dass er schon vor der Unabhängigkeit gegen die französischen Kolonialherren demonstriert hat. Aber weder seine Vergangenheit, noch sein toter Enkel werden ihn davor bewahren, demnächst mit seinen Nachbarn und seiner Familie vertrieben zu werden, um Platz zu machen für neue Luxus-Apartments und Bürotürme.
„Wir stecken tief im Dreck“
Wir besichtigen die winzigen Wohnungen der Nachbarn und werden dabei gefilmt. So werden wir, die Voyeure, selbst zum Objekt. Ein paar Stationen weiter geraten wir wieder in die Rolle der Eindringlinge: Im vierten Stock eines Hochhauses bekommen wir eine Taschenlampe in die Hand gedrückt und werden in eine stockfinstere Wohnung geschickt. Im Wohnzimmerschrank steht Nippes. Im Schlafzimmer liegt ein Mann. Irgendwo klappt eine Tür. Auf dem Küchentisch liegt eine Zigarette mit einem Feuerzeug. Für wen? Im Dunkeln fantasieren wir unsere eigenen Geschichten zusammen.Am Ende des ersten Rundgangs durch Khamdaq al Ghamiq erwartet uns in einer Bäckerei ein Video, in dem die Mutter des Filmemachers Marwan Hamdan von ihrer Heirat gegen den Willen ihrer christlichen Familie erzählt, denn ihr Mann ist Moslem. Bis heute hat ihr der Bruder die Heirat nicht verziehen, und das obwohl er überzeugter Funktionär der kommunistischen Partei war. Hamdan hat die Erzählung seiner Mutter mit Szenen aus alten sowjetischen Filmen unterlegt: Ein ironischer Kommentar auf das Scheitern der großen linken Utopien. Und heute?
Marwan hat die Hoffnung auf eine säkulare, liberale Gesellschaft aufgegeben. „Wir stecken tief im Dreck, nur Fragen“, sagt er und drückt uns zum Abschied einen ofenfrischen Sesamkringel in die Hand. Nur Fragen, keine Antworten, bleiben auch am Ende des zweiten Rundgangs am nächsten Tag in Bourj Hammoud, einem traditionellen Armenier-Viertel. Wenn es am Tag zuvor um die trostlose Vergangenheit und die Gegenwart ging, werden die Besucher hier in die Träume der Bewohner hineingezogen.
Welten, die Angst machen
Diesmal bin ich mit Kevork, einem armenischen Ingenieur unterwegs. In einer Wohnung erwartet uns eine improvisierte Heiratsvermittlung, in der nächsten ein Kinderchor. In einem schummrigen Hausflur bekommen wir ein iPad in die Hand gedrückt. Auf dem Bildschirm erzählt ein Hassan von seinen großen Lieben; wir gehen mit ihm die Stufen zu seiner bescheidenen Wohnung hinauf. Da sitzt er selbst, auf dem Bett, und schaut die Besucher mit seinem melancholischen Verführerlächeln an. Im Film erzählt er von seiner jetzigen Freundin, einer Philippinerin, alles habe sie verlassen für ihn, jetzt sei sie nur noch für ihn da, und der echte Hassan präsentiert dazu die selbst gestochene Tätowierung mit ihrem Namen.Hinterher bekennt Kevork, dass ihm die Geschichte Angst gemacht habe. Die Welten, in die das Lilienthal-Projekt entführt, sind meinen bürgerlichen Beiruter Begleitern so fremd wie mir, dem Ausländer.
Mit einer Ausnahme vielleicht: Die letzte Station ist ein heruntergekommenes Kino. Wo sich sonst die ausschließlich männlichen Kinobesucher mehr für ihre Sitznachbarn interessieren als für die Filme auf der Leinwand, laufen Ausschnitte aus einem halben Jahrhundert arabisch-ägyptischer Filmgeschichte aus queerer Perspektive: Frauenpaare, die sich anschmachten, eine orientalische Version von Charlie’s Tante, Yussuf Chahine spielt sich selbst als erfolgreichen Filmregisseur, der ausgelassen mit einem jungen Mann ausgerechnet durch ein ägyptisches Film-Berlin tanzt. Fast ein Happy End.







