Massendemonstrationen in Brasilien: „Es geht nicht ums Neinsagen“

Proteste in Brasilien: „Straßen mit Hunderttausenden von Menschen“ (Foto: CC BY-SA Midia NINJA)
28. Juni 2013
Seit drei Wochen ist die Berliner Künstlerin Mia Gideon mit der KulturTour in Brasilien unterwegs. Sie sammelt, puzzelt – und demonstriert.
Frau Gideon, wie erleben Sie die derzeitige Situation im Land?
Gideon: Mit der KulturTour war ich bis jetzt in drei Städten: Florianopolis, Tres de Maio und Blumenau. Letzten Donnerstag gab es hier in Blumenau eine Demonstration, da waren 15.000 bis 20.000 Menschen auf der Straße. Für so eine beschauliche und für Brasilien relativ kleine Stadt – Blumenau hat rund 300.000 Einwohner – sind das wahnsinnig viele. Ich war mir bewusst, dass das gefährlich sein kann, bin aber trotzdem hingegangen. Am Ende sind die Proteste hier komplett friedlich abgelaufen.
Und wie ist es in São Paulo, Rio de Janeiro und den anderen großen Städten?
Das meiste über die dortigen Proteste habe ich aus den Medien erfahren. Aber nach dem Ende der ersten Etappe der KulturTour habe ich eine Ausstellung in São Paulo. Jetzt habe ich ein wenig Angst davor. Ich habe mir schon überlegt, die Ausstellung abzusagen; andererseits bin ich fasziniert. Ich weiß noch nicht genau, wo diese Faszination herrührt. Das zu verstehen geht, glaube ich, nur, wenn ich nah dran bin.

Mia Gideon: „Mir geht es immer um das Detail und das große Ganze.“ (Foto: Holger Beier)
Wie viele junge Leute da auf der Straße sind, die den Mund aufmachen. Und die Ohnmacht der Polizei, die mit der Situation komplett überfordert war. Es ist schlimm zu sehen, wie versucht wird, die friedlichen Proteste niederzuschlagen. Die Bilder von den Menschenmassen – diese Straßen voll mit Hunderttausenden von Menschen. Die Energie der Menschen ist unglaublich. Es geht hier nicht mehr um ein Neinsagen, sondern ums Jasagen, dieses Protestieren ist plötzlich so positiv.
Wie äußern sich die Menschen, mit denen Sie in den letzten Tagen zu tun hatten, zu den Protesten?
Die Brasilianer sagen, dass das für sie eine ungewöhnliche Situation ist. Die Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr waren ja nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Ich spreche aber auch viel mit meinen Freunden in Europa. Da ist das auch ein großes Thema.
Haben Sie Ihre Eindrücke auch in Ihrer Arbeit verarbeitet?
Ja. Dabei plane ich aber nicht, sondern ich reagiere. Ich nehme das, was da ist. Ich laufe durch die Stadt, sammele, was ich finde, und fange an zu bauen. Diese vielen kleinen Momente des Tages, das, was um mich herum passiert, beeinflusst mich dabei. Für die Demonstration habe ich Pappen bemalt, die aussehen wie Explosionen – in der Mitte ist ein Loch, das haben wir uns vor die Augen gehalten. Von Weitem sieht es dann so aus, als ob der Kopf explodiert und von Nahem sieht man das Auge, das den Betrachter in das Bild reinzieht. Diese Pappen habe ich auch eingebaut in die Installation Ein Portal für den Augenblick. „Augenblick“ ist dabei durchaus doppeldeutig gemeint – als Moment, aber auch im Sinne von Wahrnehmung. Mir geht es immer um zwei Sichtweisen: einerseits der Blick nach außen, andererseits der Blick nach innen; einerseits das Individuum, andererseits die Gesellschaft, das Detail und das große Ganze. So ist auch diese Installation als ein Puzzle aus vielen kleinen Details entstanden: ein Kopf, der zum Schluss wieder zerlegt wird. Nicht umsonst heißt Puzzle auf Portugiesisch Quebra-Cabeça („Zerstöre den Kopf!“).
Installation „Ein Portal für den Augenblick“ (Foto: Ben Neumann)
Das Interview führte Sabine Willig
Mia Gideon arbeitet normalerweise, wie sie sagt, „eher klassisch, im Atelier, ich brauche Einsamkeit“. Seit drei Wochen ist sie mit der KulturTour in Südbrasilien unterwegs, jede Woche fährt das rollende Kulturinstitut des Goethe-Instituts in eine andere Stadt. Diese Erfahrung ist neu für sie, „sehr anstrengend, aber auch sehr aufregend“.







