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Online-Umfrage: Und nun zu Europa, Herr Eco!

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Europa-Kenner Eco: „Ein gewisser Optimismus“ (Foto: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann)

4. Juli 2013

Leonardo da Vinci ist der wichtigste Künstler, die Demokratie der bedeutendste Beitrag zur Weltkultur, und die Letten lieben Pu, den Bären. Das zumindest sind ein paar der Erkenntnisse, die eine Online-Umfrage über Europa erbracht hat. Die Ergebnisse der Europa-Liste kommentiert Umberto Eco.

So viel vorweg: Natürlich handelt es sich bei der Europa-Liste, einer Online-Umfrage des Goethe-Instituts, um keine repräsentative Erhebung über Einschätzungen und Befindlichkeiten in den 30 teilnehmenden Ländern. Ziel der Umfrage, an der immerhin 22.235 Menschen teilgenommen haben, ist es vielmehr, die Diskussion über eine europäische Identität neu zu befeuern. Diesem Zweck sollen auch die Kommentare und Essays diverser europäischer Intellektueller dienen, die das Goethe-Institut in den nächsten Wochen gemeinsam mit seinen Medienpartnern, der Welt und Deutschlandradio Kultur, veröffentlichen wird.

Was es denn nun sei, was uns als Europäer verbindet, wollte das Goethe-Institut wissen. Trotz Finanzkrise und Rettungsschirmen antworteten die Umfrageteilnehmer auf die Frage „Was bedeutet Europa persönlich für Sie?“ zuerst mit „Kultur“. Auch auf „Gemeinschaft“ und „Reisefreiheit“ konnten sich viele der Befragten einigen. Der bedeutendste Beitrag Europas zur Weltkultur ist demnach die Demokratie mit knappem Vorsprung vor klassischer Musik und dem Buchdruck. Unter Franzosen lag die Erklärung der Menschenrechte vorn, bei Italienern die Kunst.

Auf den Kulturranglisten, die sich aus den Antworten ergaben, finden sich Klassiker wie Überraschungen: Der Eiffelturm gilt den meisten als das bedeutendste europäische Bauwerk, Das Leben ist schön von Roberto Benigni als bester Film. Cervantes‘ Antiheld Don Quijote ist die ergreifendste literarische Figur – im Gesamtergebnis. Im Baltikum dagegen lässt sich eine Vorliebe für Helden der Kindheit ausmachen: Esten nannten am häufigsten Pippi Langstrumpf und Letten Pu, den Bären. Bei den Politikern landete Angela Merkel mit 18 knapp vor Winston Churchill mit 14 Prozent. Unerwartet fiel die Antwort auf die Frage nach dem größten Sportler Europas aus: 72 Prozent der teilnehmenden Serben nannten den Tennisspieler Novak Đoković und katapultierten die ehemalige Nummer eins der ATP-Weltrangliste nun auch in der Gesamtwertung der Europa-Liste auf den ersten Platz – noch vor Michael Schumacher und Roger Federer.

Gefragt war allerdings noch wesentlich mehr. Wer kocht am besten? Wie sehr fühlen Sie sich als Europäer? Oder: Wie sieht die Zukunft Europas aus? Die Detail-Ergebnisse der Europaliste finden Sie hier.

Und hier nun der Kommentar von Umberto Eco zu den Ergebnissen der „Europa-Liste“:

Umfragen sind immer cum grano salis zu nehmen. Zum Beispiel könnte die Tatsache, dass Berlin von der Mehrheit als die attraktivste Stadt angesehen wird, auf den Umstand zurückzuführen sein, dass die befragten Deutschen mehr als 3000 und die befragten Franzosen nur halb so viele waren. Wären die Prozentsätze umgekehrt gewesen, würde ich jede Wette eingehen (als einer, der die Franzosen kennt), dass Paris gewonnen hätte.

Desgleichen scheint mir die Antwort auf die Frage nach dem bedeutendsten Bauwerk auf Klischees zu beruhen, die von der Presse und – beim Eiffelturm – vom Kino verbreitet werden. Gute Plätze erreichen das Kolosseum und der Parthenon, aber Befragte jenseits der Vierzig hätten den Parthenon an erste Stelle gesetzt. Mit dem Eiffelturm mag es jedoch seine Richtigkeit haben.

Auch die gute Bewertung Leonardo da Vincis scheint mir von massenmedialer Darstellung beeinflusst, insofern ja auch bei den Japanern die Zahl derer, die sich die Mona Lisa anschauen gehen, kleiner ist als die der Besucher der Sixtinischen Kapelle. Enttäuscht bin ich von der niedrigen Punktzahl für Shakespeare, aber man muss die Ansichten der jungen Leute nehmen, wie sie sind.


Europa-Quiz: Ouzo oder Whiskey?

Natürlich freut es mich, dass die italienische Küche als die beste beurteilt wird, und ich glaube, das liegt auch ein wenig an den Antworten der Deutschen, aber wenn mehr Franzosen befragt worden wären, hätte sicherlich die französische Küche gewonnen. Ich kann verstehen, dass Angela Merkel für viele junge Menschen die bedeutendste Politikerpersönlichkeit ist, auch weil weit und breit kein ähnlich einflussreicher Politiker zu sehen ist. Aber wenn ich Napoleon (der immerhin, im Guten wie im Schlechten, für Europa etwas bedeutet hat) bei vier Prozent stehen sehe, dann scheint mir, dass die Frage nicht richtig verstanden worden ist.

Die Jungen leben in der Gegenwart, und vielleicht ist für sie auch das Kolosseum etwas heutiges, das man auf Postkarten sieht. Napoleon gehört nicht zu dem, woran sie sich erinnern, sie haben ihn nicht im Gedächtnis, aber dadurch sind sie in Gefahr, die Geschichte Europas schlecht zu verstehen – und warum Napoleon auch für Beethoven so wichtig war.

Doch wie auch immer, so denken die Jungen nun mal, und das muss man zur Kenntnis nehmen. Wäre die Zahl der befragten Italiener dreimal so groß gewesen, hätte es vielleicht auch Berlusconi auf die Liste geschafft. Die hohe (sicher ästhetische und moralische) Wertschätzung für den Film Das Leben ist schön spricht für die intakte Gefühlswelt der jüngeren Generationen, aber eine oder zwei Generationen früher hätten die Befragten für Panzerkreuzer Potemkin votiert.

Es gibt jedoch eine Reihe von Antworten, die mir sehr bezeichnend erscheinen. Um zu definieren, was Europa für sie zusammenhält, hat eine Mehrheit, wenn auch nur eine sehr kleine, „die Kultur“ genannt. Es ist wichtig, dass wenigstens eine junge Elite sich klarmacht, dass der Zement Europas, bei allen Unterschieden der Sprachen, der Regionen und der Regierungsformen, die Kultur ist, sehr viel mehr als der Euro.

Ich weiß nicht, ob die Befragten dabei an die christliche Tradition, an den jüdischen Einfluss durch die Bibel oder an das griechisch-römische Erbe dachten. Vielleicht wäre das auch zu viel verlangt. In jedem Fall muss dies der Grund dafür sein, dass eine große Mehrheit sich zwischen „eigentlich schon“ und „Vollblut-Europäer“ als europäisch empfindet und die Zukunft Europas mit einem gewissen Optimismus sieht.

Die Bezugnahme auf die Kultur scheint mir auch durch die gute Position des Don Quijote bestätigt. Offensichtlich hat Europa jenseits aller nationalen Unterschiede ein Existenzrecht aufgrund einer gemeinsamen Kultur, und es ist zu hoffen, dass die jungen Leute dies immer besser verstehen. In gleicher Weise erscheint mir bezeichnend, dass fast zwanzig Prozent der Befragten das europäische Erbe mit der Erfindung des Buchdrucks identifizieren und die Demokratie als den größten europäischen Beitrag zur Weltkultur nennen.

Alles in allem erlauben die Antworten einen gewissen Optimismus, aber sie enthüllen auch eine Generation, die fast nichts von der Vergangenheit weiß, und dies ist ein Mangel, den eine Erziehung zu Europa beheben müsste.

Umberto Eco, 81, ist einer der bekanntesten italienischen Intellektuellen. Mit dem Roman Der Name der Rose wurde er weltberühmt.
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