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Traum vom Fremdsprachenlernen: Oh tschörni!

Bernhard LudewigCopyright: Bernhard Ludewig
Deutsch macht glücklich: Sprachlerner in Istanbul (Foto: Bernhard Ludewig)

16. August 2013

So modern sie uns auch erscheinen, in 50 Jahren dürften die digitalen Fremdsprachenkurse von heute wirken wie die frühen Automobile, die Kutschen nachempfunden wurden. Die schlechte Nachricht: Auch dann wird es noch eine Menge Arbeit bedeuten, eine fremde Sprache zu erlernen. Von Ulrike Draesner

Immer wieder ist es schön, den Durchsagen in ICEs zu lauschen. Mit absoluter Pünktlichkeit und Präzision produziert die Deutsche Bahn das weltweit einzigartige Bundesbahn-Englisch. Es ist eine so eigene, deutschintensive Variante der Weltsprache, dass ich nach jahrelangem Zuhören von der Existenz heimlicher bahninterner Sprachlerncamps überzeugt bin. Meinen Besuchern aus fremden Ländern übersetze ich, was durchgesagt wird, indem ich den Text in meinem Englisch Wort um Wort nachspreche. Dann sind alle zufrieden: Das deutsche Ohr fühlt sich von dem freundlichen „Vih wisch juh ä pläähsänd tschörni“ nicht gestört, da es sozusagen auf Deutsch erfolgt; der Besucher weiß die gute Absicht zu schätzen.

Sieht sie so aus, die Zukunft des Fremdsprachenlernens: Wir alle werden synthetisch reines, durch Computer vermitteltes Englisch sprechen? Und wie wird es in einem halben Jahrhundert um die (wenigen?) Menschen bestellt sein, die noch Deutsch lernen? Tatsächlich trifft auf die Zukunft nur zweierlei zu: 1. Sie kommt, 2. anders, als man denkt.

August 1982. Figur UD, noch nicht ganz ohne die Fähigkeit, eine Sprache auch synthetisch zu erlernen (wie Kinder: durch Hören, Imitieren, ohne Analytik). Sie sitzt, blonde Mähne, bayerisch gerolltes r, in einem Sprachlabor der Universität Salamanca. UD lernt Fremdsprache Nummer sechs, was das Folgende umso peinlicher macht. Der Kurs ist international gemischt, die Lehrer sprechen nur Spanisch. Man hat UD mit anderen in einen Raum mit Mikrofonen geführt. UD begreift, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Sprachlabor ist, und setzt die Kopfhörer auf. Sie vernimmt Stimmen. Die des Lehrers erkennt sie nach einer Weile, eine Frauenstimme fällt ihr auf. Der Groschen fällt allerdings erst, als die Stimme einen Fehler macht, den zuvor UD gemacht hat.

Vom Sprachlabor bis zum dreidimensionalen Onlinekurs

Das Beispiel zeigt, wie hilfreich es ist, die verschiedenen Wahrnehmungssinne in verschiedenen Kombinationen zu „bespielen“. Das Beispiel zeigt auch, wie schlecht man eine fremde Sprache als Sprachanfänger hört. Mein chinesischer Übersetzer amüsiert sich jedes Mal, wenn er mir die acht Tonhöhen seiner Muttersprache vorspricht und ich wieder nur bestenfalls sechs unterscheiden kann. Kann das denn so schwierig sein?

Die neuen Medien stellen Möglichkeiten zur Verfügung, die das Sprachenlernen auf sehr unterschiedliche Weise unterstützen. Digitale Vokabelhefte als Apps auf dem Smartphone sind prinzipiell weder besser noch schlechter als selbst angelegte Hefte. Mir hilft es, mit der Hand zu lernen: Was ich aufschreibe, merke ich mir besser. Hier entscheiden Lebenssituation und Geschmack und, zumindest heute, der Geldbeutel – man braucht, auch wenn sehr gute Apps kostenlos angeboten werden, ein passendes Endgerät. Das Material selbst macht Spaß: Spiele und Abenteuergeschichten, dargeboten als Unterhaltung, sodass man (fast) vergisst, dass sie auf Deutsch stattfindet.


Trailer: App Lernabenteuer Deutsch – Das Geheimnis der Himmelsscheibe

Noch einmal anders der Lerngewinn bei Onlinekursen. Sie stelle ich mir in Zukunft dreidimensional in meinem Wohnzimmer vor, in Echtzeit, mit Kommunikationsmöglichkeiten idealerweise auch „nebenher“: ein Blick zu einem Nachbarn, ein Zwinkern, das nicht alle sehen. Oder werden diese Räume unter einem so strengen Regiment von PC-Regeln stehen, dass sie fast steril bleiben? Heute schon bieten Onlinekurse die Möglichkeit, in einer Gruppe Gleichgesinnter zu lernen, ohne sich örtlich verändern zu müssen. Man sieht sich nicht, aber hört. Ein gutes Angebot, wenn man sich einmal durch die Anwendungen und alles Technische gearbeitet hat. Denn man muss vor dem Kurs (leider – und jedes Mal anders) die Struktur des Kurses erlernen.

Am besten kombiniert man die Angebote: Vokabeltrainer, Grammatikübungen, Lernen unter Anleitung oder in Eigenregie. Lesen, zuhören, spontanes Sprechen üben. Dialog mit dem Tutor, Gruppensitzung. Kein Wunder, dass Onlineangebote zunehmend nachgefragt werden. Der Vorteil, sich nicht von zu Hause oder dem Arbeitsplatz fortbewegen zu müssen, um den Kurs wahrzunehmen, erleichtert vieles. Das ist schön, solange es (technisch) funktioniert, und auch die notwendige Selbstdisziplinierung anhält. Der Ausbau der online angebotenen Kurse sollte jedoch nicht bedeuten, dass konventionelle Programme vernachlässigt werden. Wir können uns nicht vorstellen, wie die digitale Welt in 50 Jahren aussehen wird. Aber wie sie heute aussieht, können wir wissen.

Wagemutiger, spielerischer, humorvoller

Pleesahnt tschörni, maäai diear. Als ich für zwei Jahre in England studierte, lernte ich Englisch, ohne es wirklich zu bemerken. Alltägliche Herausforderungen („was heißt Steckdose?“, „Mann, sieht der gut aus, wie sprech’ ich den bloß an?“, und, „oh je, was ist das: Indisches Englisch?“) und eigene Gefühle – schon rutschte die Sprache fast von selbst in meinen Kopf. Seither sind mir beim Sprachenlernen Wirklichkeitsbezug und Individualität wichtig. Ich möchte die Sprache um mich herum hören, um sie parallel zu den bewussten Lernprozessen auch „aufsaugen“ zu können. Wir denken Sprachenlernen in der Regel vom Denken her. Es beginnt aber anderswo, am Körper, und vor dem Klassenraum, als Hintergrundgeräusch, als Umgebung.

Foto: Michael Friedel
Zuhören und Nachsprechen: In den Siebzigern erlebte das Sprachlabor seinen Durchbruch, hier im Goethe-Institut in Bangkok (Foto: Michael Friedel)

Erfolgreiche Kurse bieten Fremdsprachenlernen daher bereits seit Längerem als eine Art Immersionserlebnis an: vier Wochen nur der Sprache und ihren Sprechern gewidmet. Derartiges Lernen ist extrem effektiv, flexibel im Kursverlauf, je nach Kompetenzen der Teilnehmer aus passenden Modulen zusammengesetzt, mit liberalem Umgang bei Zugangsschranken. Wie fruchtbar das sein kann, wusste man 1982 auch in Salamanca. Am meisten lernte ich in einem Kursmodul, in das ich eigentlich nicht hätte gehen dürfen. Es nannte sich Poesie. Lange blieb mir ein Rätsel, was in dem Kurs ablief, jedes Wort musste ich nachmittags nachschlagen; doch der Charakter der spanischen Sprache, ihr Stolz und ihre Musikalität erschlossen sich mir.

Mein Vorschlag: Warum nicht Schriftsteller fragen, ob sie einen Kurs konzipieren möchten? Wenn sie ganze Romane ohne die Verwendung des Buchstabens e schreiben oder nur mit dem Vokal i, könnten sie sich auch mit Sprachspiel, Erfindungsfreiheit und Humor an diese Arbeit machen

Gutt tschörni. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Fremdsprachenlernen und Fremdsprachenleben näher zusammenrücken. Ich träume von Lehrbüchern, die sich auf mein Niveau und meine Lerngeschwindigkeit einstellen, von intelligenten Texten, Unterhaltung und Spannung, Humor und Spiel. Online und in der Welt ohne Elektrizität. Ich freue mich darauf, was sich entwickeln wird und beschließe hiermit, falls ich 80 werden sollte, doch noch Chinesisch zu lernen.

Diesen Text haben wir – in gekürzter Form – dem Magazin des Goethe-Instituts entnommen. Den vollständigen Artikel und noch mehr spannende Reportagen, Hintergründe und Interviews zum Thema finden Sie in der Ausgabe „Deutsch!“.
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