Bosnien: Heim ins fremde Land

Ein verlassenes Haus in Bosnien-Herzegowina: „Sie wären gerne Deutsche geworden“ (Foto: Azra Jahić)
27. Juli 2013
Ob an der Tankstelle oder im Café – nahezu überall in Bosnien-Herzegowina trifft man Menschen, die Deutsch sprechen. Viele von ihnen sind vor den Bürgerkriegen im damaligen Jugoslawien nach Deutschland geflohen. Einige wären gerne dort geblieben. Von Merle Hilbk
Amerikaner haben es leicht. Überall, wo sie hinkommen, können sie sich in ihrer Muttersprache verständigen. Englisch ist längst die Lingua Franca. Selbst in den Transformationsstaaten Osteuropas erlernen junge Leute sie heutzutage meist als erste – und oft einzige – Fremdsprache. So mag man zunächst seinen Ohren gar nicht trauen, wenn man durch ein osteuropäisches Land reist: Überall in Bosnien-Herzegowina wird man auf Deutsch angesprochen und, mehr noch, in ein langes Gespräch über Deutschland verwickelt.
350.000 Bosnier und Herzegowiner, ein Zehntel der Bevölkerung, haben in den Neunzigerjahren als Kriegsflüchtlinge in Deutschland gelebt und dort Sprachkurse besucht. Dass die deutsche Sprache auch 20 Jahre später in Bosnien-Herzegowina noch so lebendig ist – das mag an der engen Verbindung liegen, die viele Heimkehrer bis heute nach Deutschland haben, über private Freundschaften, zivilgesellschaftliche Initiativen, Universitäten und Social-Media-Plattformen. Vielleicht aber auch an dem Gefühl, das viele mit Deutschland verbinden: das des Willkommenseins, der Fürsorge und Anteilnahme.
Ein Gefühl, das sich nicht auf politischer Ebene entwickelt hat, sondern vor allem dank des privaten Engagements vieler Deutscher – so wie bei der Familie Kliko aus Jajce.
Ein Dorf in Bayern
Die Klikos kamen mit Hilfe eines Schleusers nach Bayern, ohne Geld und ohne Papiere, weil sie ihre Stadt von einer Minute zur anderen verlassen mussten. Das Haus in Jajce war von einer Bombe getroffen worden, und der Vater wurde von Kollegen bedroht, weil er nicht in der Armee „gegen die eigenen Nachbarn kämpfen wollte“, wie er sagt. Die drei Töchter im Vorschulalter waren von der wochenlangen Flucht durch die bosnischen Berge traumatisiert.In dem bayerischen Dorf, in dem ihnen ein Platz in einem Wohnheim des Roten Kreuzes zugewiesen worden war, wurden sie vom katholischen Pfarrer empfangen. Er lud sie zum Willkommenskaffee in sein Haus ein. Staunend standen die Mädchen vor den Heiligenbildern, die dort im Flur hingen. „Er hat uns erklärt, warum es die in seiner Religion gibt, in unserer aber nicht, aber wir alle im Prinzip an denselben Gott glauben“, erinnert sich Indira, die älteste Tochter. Sie erinnert sich auch, dass der Besitzer des Lebensmittelgeschäfts Essenspakete vorbeibrachte, der Besitzer der Schlosserei dem Vater einen Job anbot, die Nachbarinnen der Mutter halfen, auf die Kinder aufzupassen, und die Erzieherin im Kindergarten so lange Deutsch mit Indira übte, bis sie sich mit den anderen Kindern verständigen konnte.
Zurück in Jajce habe sich niemand für sie interessiert; keiner habe gefragt, ob sie Schwierigkeiten mit dem kyrillischen Alphabet habe, wie ihr Vater ohne Geld das zerstörte Haus wieder aufbauen, wovon sie leben sollten ohne Arbeit, ohne Sozialhilfe. Auf die „Aufbauhilfe“, die der Präsident von Bosnien-Herzegowina allen Rückkehrern versprochen und für die die Bundesrepublik dem neuen Staat Geld überwiesen habe, hätten sie vergeblich gewartet. Ohne Beziehungen bekomme man weder einen Job noch eine Wohnung.

Junge Rückkehrer hielten ihre Eindrücke in Fotos, Audios und kurzen Beiträgen fest: Klicken Sie auf den Screenshot, um zur Internetausstellung „Blick zurück nach vorn“ zu gelangen.
Seit vier Jahren ernährt Indira die gesamte Familie mit einem Job als Stadtführerin. Den deutschen Touristengruppen, die sie durch die Gründungsstadt der „Sozialistischen Volksrepublik Jugoslawien“ führt, schwärmt sie von Deutschland vor – obwohl das ihre Familie 1998 ausgewiesen hat, als sie gerade für das Gymnasium vorgeschlagen worden war. „In Deutschland spielt das Individuum eine große Rolle“, sagt Indira Kliko. „Die Gesellschaft gibt dir die Chance herauszufinden, wer du sein willst.“ Sie weiß das, seitdem sie Deutschland verlassen hat: Sie will Dolmetscherin werden.
Die Bundesrepublik wird weltweit bewundert: für ihren Wohlstand, ihr ökonomisches Geschick, einen unaufgeregten Politikstil. Kurz: für ihre Leistungen und Erfolge. Aber es ist eine Bewunderung, die Distanz erzeugt, ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, schlimmstenfalls sogar Neid.
Ungewöhnlich ist in Bosnien-Herzegowina vielmehr der Grund der Bewunderung: das bürgerschaftliche Engagement, der Einsatz vieler Deutscher für die Gemeinschaft, für ihre Nachbarschaft, die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensstile – all das, was gemeinhin unter den Begriff der Zivilgesellschaft fällt. Ein Grund, der Nähe zu schaffen scheint, persönliches Interesse, eine gefühlsmäßige Verbindung. „Wie man ein Land wahrnimmt, wird nicht nur von der politischen Ebene beeinflusst“, meint Elverim Sukovic, der in Bosnien-Herzegowina Germanistik studiert hat. Private Verbindungen spielten eine viel größere Rolle. „Und je enger und wärmer die sind, desto mehr Gefühle entwickelt man auch für das Land.“
Die politische Ebene ist vielen Bosniern und Herzegowinern rätselhaft. „Wieso wurde Hunderttausenden von ihnen in Sprachkursen Deutsch beigebracht? Wieso hat man ihnen Schulen, Ausbildung und Wohnungen bezahlt und sie dann zurückgeschickt?“, fragt sich Fuad Tunovic, der in die Niederlande geflüchtet war, nach ein paar Jahren die Staatsbürgerschaft bekam, ein Haus baute. Sein Sohn arbeitet als Ingenieur, seine Tochter ist an der holländischen Botschaft in Berlin tätig. Jeden August trifft er in Sarajevo seine Jugendfreunde, von denen nicht wenige während des Krieges in Deutschland waren. „Die sagen: Fuad, du hast es gut! Du konntest selbst entscheiden, ob du bleiben oder zurückkehren wolltest. Und jetzt bist du ein richtiger Holländer geworden!“, erzählt er. „Ich glaube, sie wären auch gerne Deutsche geworden.“ Trotz der unfreiwilligen Rückkehr nach Bosnien-Herzegowina würden sie an Deutschland hängen, jede Gelegenheit nutzen, in Sarajevo mit Deutschen in Kontakt zu kommen.
„Die deutsche Sprache hat mir eine andere Welt eröffnet“
„Privat hat uns niemand zu verstehen gegeben, dass wir nicht dazugehören“, sagt Fatima Kliko, 53, die Mutter von Indira. „Im katholischen Bayern haben uns die Leute geholfen, wo sie konnten – obwohl wir Muslime sind. Wir wissen, was Krieg und Flucht bedeuten, haben sie gesagt.“ Heimat – das sei doch vor allem ein Gefühl. Und das hätten sie in Bosnien-Herzegowina bis heute nicht wieder entwickelt.20 Kilometer nordwestlich von Prijedor steht ein serbisch-orthodoxes Kloster, das nach dem Krieg mit internationaler Unterstützung renoviert wurde. Darko, ein 28-jähriger Novize, erzählt im Devotionalien-Shop auf Deutsch von seinem Leben in der Klostergemeinschaft: „Ich habe hier das Gefühl bekommen, wieder der Junge zu sein, der ich vor dem Krieg war.“ Die Gemeinschaft habe ihm gezeigt, dass er den Krieg, die von den Eltern weitergegebenen Schuld- und Schamgefühle endlich loslassen könne, die ihn die Welt wie durch einen Schleier haben wahrnehmen lassen. „Ich erzähle den Deutschen bewusst vom Krieg“, sagt Darko. „Ich habe das Gefühl, dass wir etwas teilen, über das sie zu sprechen verlernt haben: Trauer.“
Im westbosnischen Bihac hat sich Armin Amidzic, 25, dafür eingesetzt, dass das Gebiet rund um die Una-Schlucht, in die im Zweiten Weltkrieg Hunderte bosnischer Partisanen von deutschen Soldaten herabgestoßen wurden, zum Nationalpark erklärt wird. Mit seiner Firma Una Aqua Centar paddelt er nun Touristen im Schlauchboot durch die Schluchten und wandert mit ihnen durch die Berge.
Wie man so einen Nationalpark managt, hat er durch die Websites deutscher Öko-Tourismusinitiativen gelernt, die deutsche Sprache und, wie er sagt, „das ökologische Denken“ als Jugendlicher in Baden-Württemberg. Die Website seiner Firma wirbt auf Deutsch, Bosnisch und Englisch für Touren. Sein Vater hat von Auswanderern günstig ein Grundstück auf mehreren Inseln im Fluss erworben – und wusste zunächst nicht, was er damit anfangen sollte. „Die deutsche Sprache hat mir eine andere Welt eröffnet“, sagt Armin Amidzic. „Jetzt muss ich einen Weg finden, um diese Welt auch in Bosnien-Herzegowina Wirklichkeit werden zu lassen.“
Diesen Text haben wir – in gekürzter Form – dem Magazin des Goethe-Instituts entnommen. Noch mehr spannende Reportagen, Hintergründe und Interviews zum Thema finden Sie in der Ausgabe „Deutsch!“.







