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Filmemacher Persiel: „Lust auf echte Inhalte“

???Foto: Wildfremd Filmproduktion Berlin
Skatecrazy – Persiels Protagonist in „This Ain't California“ (Foto: Wildfremd Filmproduktion Berlin)

1. Oktober 2013

Die deutsche Filmszene hat Zuwachs bekommen, seit Quereinsteiger Marten Persiel mit This Ain't California ein Überraschungshit gelang. Doch die Skater-Doku, da ist sich der Regisseur sicher, ist erst der Anfang. Porträt eines Generalisten. Von Lisa Mayerhöfer

Schneeweiße unberührte Steilhänge, die ein einzelner Skifahrer halsbrecherisch befährt – vor dem Bildschirm sitzt ein vieltätowierter Cutter, der die Szene verfolgt. An den Wänden hängen Porträts weiterer sportlicher Draufgänger, mit wilden Bärten und noch wilderem Blick: Alles in den weitläufigen Räumen der Cross-Media-Werbeagentur ist auf das Geschäft mit dem Abenteuer in der Natur ausgerichtet. So ist der Film, an dem Marten Persiel mit seinem Cutter gerade arbeitet, auch ein Clip für eine Outdoor-Marke und kein Kinodokumentarfilm. Seit ihm mit This Ain’t California der Durchbruch in der deutschen Filmszene gelungen ist, lebt Persiel beruflich in zwei Welten. Die lukrativere der Werbung hilft ihm, seiner eigentlichen Leidenschaft nachzugehen, Filme „von großen Figuren, in groben Strichen zu machen“.

Fernsehtipp

Die Stunde der Videorekorder hat geschlagen: Arte strahlt den Film This Ain’t California in einer Wiederholung am 14. Oktober um 2.15 Uhr mitteleuropäischer Zeit aus. Der Film wird dann auch auf der Website des Senders gestreamt.
This Ain’t California dreht sich um junge Skater in der DDR. Es geht um Freundschaft jenseits von Konventionen, D.I.Y.-Attitüde und darum, aus dem was es gibt, eine eigene Welt zu schaffen. Strecken aus Super-8-Aufnahmen verleihen dem Film die perfekte Retro-Optik und liefern der unterschwelligen Melancholie ihre Ästhetik: Ossis treibt der Film regelmäßig Tränen in die Augen, weil sie sich an die eigene Kindheit erinnert fühlen. Wessis lernen, dass das Leben im Osten auch wilde und unkonventionelle Seiten hatte.

Sein Überraschungshit hat Persiel mehrmals um die ganze Welt geführt, zu internationalen Festivals und Filmvorführungen. Die Anstrengung der letzten Tour nach Asien steht ihm noch etwas ins Gesicht geschrieben, als er die Postproduktion unterbricht und den Skifahrer gegen Sommerhitze tauscht, um in einem kleinen Café gleich am ehemaligen Münchner Pestfriedhof über den Film und seinen Macher zu sprechen. Das erste Getränk ist noch nicht da, da hat er sich schon die Schuhe ausgezogen. Seine freundliche Lässigkeit steckt an, und die Bedienung nimmt sich extra viel Zeit, für ihn den richtigen Kuchen zu finden. Das Resultat, ein russischer Zupfkuchen, wird sogar geteilt.

Auf und davon

Nicht erst This Ain’t California hat aus Persiel einen Weltenbummler gemacht: Geboren 1974 in Berlin und aufgewachsen in Hannover, beginnt er mit 19 Jahren beständig den Ort zu wechseln. Er studiert Mixed Media Art in Portsmouth, Schnittassistenz in Hamburg und Regie an der Westminster University in London. Beim Abschluss vereinbart er mit einem Freund: „Fünf Jahre lang ist das Ziel, erst mal Geld zu verdienen, egal mit welchen Inhalten, und möglichst viel zu lernen, danach drehen wir unseren ersten eigenen Film. Das haben wir auch gleichzeitig gemacht, aber eben zehn Jahre später und nicht fünf.“

Foto: 'Lisa Mayerhöfer
Marten Persiel: „Es ist für mich ganz neu, als Filmemacher wahrgenommen zu werden“ (Foto: Lisa Mayerhöfer)
Persiel folgt dem Internetboom, entwirft digitale Werbebanner und andere Webprodukte. Über die Arbeit als Cutter kehrt er schließlich zur Regie zurück. Er lebt in Spanien, immer wieder in Brasilien und ein Jahr auf den Philippinen. Dort entstehen zwei kurze Filme für die Entwicklungszusammenarbeit. Ein weiterer Auftragsfilm, Mimi, la Joie, führt ihn 2007 an die Elfenbeinküste. Es geht um Frauen, die mit Aids leben müssen, in einem Land, das noch immer unter den Folgen des Bürgerkriegs leidet. Während dem Dreh erkrankt Persiel an Malaria und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Die Zeit auf den Philippinen und in Afrika führt zum Umdenken: „Mir wurde klar, dass man mit Filmemachen tausend wichtigere Dinge erreichen kann, als nur Geld zu verdienen.“ Deshalb kehrt Persiel nach Deutschland zurück, wo es Fördermittel gibt, um solche Projekte zu verwirklichen.

Zurück in Berlin trifft er den Produzenten Ronald Vietz, und This Ain’t California entsteht. Für Persiel ein Film, der „viele Kreise schließt“: Er knüpft an seine lebenslange Leidenschaft fürs Skaten an und die ersten Filmversuche, Freunde bei ihren Tricks auf Super 8 festzuhalten.

Kein Problem mit Popkultur

Persiel ist ein Generalist, was ihm erlaubt, auf eine ganz andere Art Filme zu machen: „Was ich von Anfang an immer klar vor Augen habe, ist die Stimmung, klarer noch als den Inhalt.“ Vor und während dem Dreh fertigt er „Stimmungsedits“ an, um der Crew ein Gefühl für den fertigen Film zu geben. Die kurzen Clips erinnern in ihrer Ästhetik an Musikvideos. Vor einem hippen Label hat er allerdings keine Angst: „Kannst ruhig poppig sagen. Ich habe kein Problem mit Popularität. Das ist meiner Meinung nach das Schöne am Film: Wenn ein Film viele Menschen anzieht, ist er automatisch auch echtes Kino.“


Trailer von This Ain't California, Regie: Marten Persiel, Produktion: Wildfremd Filmproduktion Berlin

In Deutschland polarisierte This Ain’t California dementsprechend: „Die einen meinten, genauso müssen Dokumentarfilme heute gemacht werden, die anderen haben uns auf die Finger gehauen und gesagt, das darf man so nicht.“ Die Kritiker stießen sich am Umfang der nachgestellten Szenen, die nicht unbedingt auf den ersten Blick als solche erkennbar sind. Für jemanden wie Persiel, der aus der Werbung kommt, erstaunt die Diskussion über den letzten Wahrheitsgehalt der Bilder. Persiel nennt seinen Film eine „dokumentarische Erzählung“ und gibt etwas verschmitzt zu, dass er das von Anfang an hätte machen sollen. Zugleich verweist er jedoch auch darauf, dass es diese Kategorie bei Filmfest-Einreichungen oft nicht gibt, und auf sein Vorbild Werner Herzog, der bereits in den Sechzigern die Protagonisten in seinen Dokumentarfilmen teils wie Schauspieler instruierte. Die herkömmlichen Kategorien im Dokumentarfilm hält Persiel für überholt. Für ihn kommt es auf die gefühlte Wahrheit an und darauf, Emotionen und menschliche Werte zu transportieren.

Als Stimme bestehen

Persiel scheint die Begeisterung des Publikums für seinen Film, die ihm auch weltweit entgegenschlägt, immer noch zu überraschen. Der Besuch internationaler Festivals und mehrerer Touren für das Goethe-Institut prägen: „Es ist für mich ganz neu, als Filmemacher wahrgenommen zu werden. Zu bemerken, dass man eine Stimme hat, und damit die Möglichkeiten von einer Masse gehört zu werden – das ist komplett neu für mich und es macht Lust, weiter mit echten Inhalten zu arbeiten, damit vielleicht sogar etwas beizutragen.“

Sein nächstes Projekt, ein Science-Fiction-Film, wird sich um „Umweltfragen, Liebe, Sex und Artenschutz“ drehen. Ein Anliegen, das ihm sehr am Herzen liegt. Persiel kann nun endlich seine eigenen Themen verwirklichen. Sollte das aber mal nicht mehr klappen, kann er sich übrigens auch fürs Bootsbauen begeistern.

Marten Persiel tourte im April und Mai mit dem Audi Festival of German Films 16 Tage lang durch Australien, um seinen Film This Ain’t California zu zeigen. In acht Städten wurden insgesamt 234 deutsche Filme vorgeführt. Das Festival wird von Goethe-Institut und German Films präsentiert und von zahlreichen Sponsoren unterstützt.
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