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„Spoken Word“: Die Bühne ist die Bühne und folgt ihren eigenen Gesetzen

Masimba SasaCopyright: Masimba Sasa
„Junge, du musst Rückgrat entwickeln“ – Siegerstimme Noel Kabelo „KB“ Ringane auf der Bühne (Foto: Masimba Sasa)

24. Juli 2013

Punkteskalen und Jurybewertungen – die neue Ausdrucksform der Dichtkunst, wie sie jetzt auch beim Wettbewerb des The Spoken Word Project dargeboten wurde, mag gewöhnungsbedürftig sein. Doch davon sollten wir uns nicht irritieren lassen. Denn: Poesie beginnt beim Unkonventionellen. Von Kgafela oa Magogodi

Eine Welle erwartungsvoller Vorfreude geht durch die Masse. Alle Augen richten sich auf die Jurymitglieder, die in majestätischer Zeitlupe auf die Bühne schreiten. Gleich werden sie uns mitteilen, welche Stimme Südafrika beim kontinentalen Stand-Up-Poetry-Wettbewerb vertreten wird. Nervös warten die Teilnehmer, während sich die Jury am Bühnenrand für die abschließende, dreistimmige Verkündigung versammelt.

Schon schreiten das erste und zweite Jurymitglied an das Mikrofon und geben einige der üblichen Floskeln über die Schwierigkeiten eines Poesiewettbewerbs von sich. Ihre Worte sind sorgfältig gewählt, um den Teilnehmern Balsam auf die Seelen zu streichen. Alle Beiträge waren großartig, aber es muss nun einmal eine Entscheidung fallen, flötet die Jury ins Mikrofon. Schließlich werden Sbu Simelane und Sabelo Ayanda Lushaba „Juba“ auf die Bühne gerufen – sie teilen sich den 2. Platz. Tosender Applaus, ja Luftsprünge.


Sabeloa Ayanda Lushaba „Juba“, Ghetto Fractions

Der Sturm legt sich erst, als das letzte Mitglied der Jury vor das Mikrofon tritt. Ein paar Sätze zur Last der Verantwortung einer solchen Entscheidung, dann eine kunstvolle Pause. Eine bleierne Stille legt sich über den Saal. Noel Kabelo „KB“ Ringane wird als Stimme des südafrikanischen Kapitels des The Spoken Word Project der Rede- und Dichtkunst verkündet. Jede Menge Umarmungen, Händeschütteln, Applaus und Jubelpfiffe.

Zwei Wochen später starre ich auf das leere Blatt und denke über das Wesen von Poesie, Jury und Wettbewerben nach. Die Luftsprünge machen mir klar, dass Menschen meiner Zeit und meines Schlages noch Zeit brauchen werden, um sich an das neue Gesicht der Dichtkunst zu gewöhnen.

Die Szene ist voller Dynamik

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Helden der Redekunst, wenn überhaupt, aus Wortgefechten gegen Unterdrückerregimes hervorgingen, oder auch aus dem Straßenidiom der allwöchentlichen Open Mic Sessions. Von den Kippies Poetry Nights über die Jungle Connexions bis zum Horror Café hat das alles vielleicht seinen Anfang in dem einfachen Verlangen genommen, sich zu äußern. Für einige ging es darum, die Feuer der Rebellion anzufachen, wo die Unterdrückung ihr hässliches Gesicht zeigte – eine Zunft, deren Angehörige sich vielleicht zu Recht als Erben der ersten Krieger des Wortes bezeichnen, welche den Kräften der Tyrannei die Kraft des gesprochenen Wortes entgegensetzten. Und dann gibt es noch die Akteure der Praise Poetry, die vorgeben, an die alten afrikanischen Traditionen des Lobgesangs auf die Könige anzuknüpfen. Die Szene ist voller Dynamik, immer wieder entwickeln sich neue Formen der Wort- und Redekunst.


Johannesburg ist der Auftakt des The Spoken Word Project

Zu ihren neuesten Ausdrucksformen gehört nun auch die Poesie der Punkteskalen und Jurybewertungen. Diese Entwicklung könnte sich durch die Hintertür der Dichterwettbewerbe, der Poetry Slams, eingeschlichen haben. Wenn man nun also Dichtkunsttrophäen gewinnen und nach Hause tragen kann, bedeutet das etwa, dass sich hier ein scheußlicher Trend ausbreitet?

Zeit, Raum und Lebenserfahrung lehren mich, dass man Poesie ganz unterschiedlich hören und wahrnehmen kann. Andere mögen anderswo ansetzen, doch für mich beginnt Poesie beim Unkonventionellen. Wenn man damit beginnt, jemandem zu erlauben, einem die Erlaubnis zu erteilen, ein Dichter zu sein, endet man schnell dort, wo man begonnen hat. Und was wäre, wenn die Welt keine Lyriklehrer, keine Schulen für kreatives Schreiben, keine Literaturpäpste und keine Tempel der Poesie hätte? Was wäre dann? Dann müsste jeder die Poesie ganz für sich selbst definieren.

Vision des Wandels

Und vielleicht habe ich für den Gewinner jenes Abends im King Kong tatsächlich ziemlich laut applaudiert. Ich muss noch nach der Stimme suchen, mit der ich beichte, was wohl mein eigenes Fehlurteil ist. Wenn ich daran zurückdenke, was ich gehört habe, sehe ich vor meinem inneren Auge oft Schatten der Bilder der Poesie von Simelane vorüberziehen. Wahrscheinlich hat Simelane seinen Beitrag nicht mit breiter Brust vorgetragen. Doch im Nachhinein muss ich feststellen, dass Simelane seine Feder mit bemerkenswerter Pointiertheit führt und er auf seinem Weg Unterstützung verdient. Er spricht viel in Bildern. In seinem Stück The Second Coming (Die Wiederkunft) gibt es Augenblicke, die meine Sinne ganz in ihren Bann ziehen.
Zu Hause erscheinen die Sterne näher,
weil die verzweifelten Wünsche elfjähriger Soldaten auf ihnen lasten,
im Schutz der Hütten verlesen Propheten ihre Träume im Kerzenlicht
Simelane zeichnet Bilder von Sehern, die ihr Licht gegen die schreckliche Dunkelheit eines von Gewalt geplagten Afrikas leuchten lassen; ein Afrika, in dem man Kleinkinder dazu heranzieht, für den Profit der Mächtigen zu töten. Dieses Bild allein wirft Licht auf das jüngste Massaker von Bangui und die Soldaten, die in Särgen nach Hause zurückkehren. Der Dichter sagt: „In den Kapiteln meiner Kindheit haben wir auf diesen Straßen Verstecken gespielt / Niemand wusste, dass wir uns bald in leeren Gräbern suchen würden“. Simelane schildert ein Afrika, in dem „Zeit nichts als ein neiderfüllter Geist ist, der aus der Ferne zuschaut und sich fragt, wie sie entkommen konnten“. Simelane greift aber auch die Möglichkeit des Wandels auf. Ein Wandel, der nur aus der Weigerung zu sterben geboren werden kann. Er drückt es so aus: „Ich habe der Ewigkeit meinen Abschiedsbrief gesandt, um ihr mitzuteilen dass ich aufgehört habe zu sterben.“


Sbu Simelane, The Second Coming

Simelane zeichnet das Bild einer „Wiederkunft”, das eine aktuelle afrikanische Realität in Frage stellt. Seine Gedichte sind von einer Vision des Wandels angetrieben – ein Wandel, der an den ärmsten Herden Afrikas entfacht werden muss.

Demgegenüber war der Vortrag des Siegers Ringane von kunstvoller Theatralik geprägt. Die Bühne ist die Bühne und folgt ihren eigenen Gesetzen. Auf der Bühne geht die Poesie durch den ganzen Körper.

Ein großer kontinentaler Dialog

Ringane machte deutlich, dass er weiß, dass magische Momente oft möglich sind, wenn der Dichter das Blatt beiseitelegt und die Worte ganz dem Körper überlässt. Mit einem unsichtbaren Rucksack, der schwer auf seinen Schultern lastete, seinen Rücken dem Publikum zugewandt, sprach er seine ersten Zeilen abseits des Mikrofons:
Nun, wer gibt dir Rückendeckung, wenn du mit dem Rücken an die Wand gedrückt wirst, ohne Rückgriffmöglichkeiten in deinem Rucksack? Und du hast noch nicht einmal ein Rückgrat, um deinen Rücken zu stützen. Junge, du musst Rückgrat entwickeln. Junge, du musst Rückgrat entwickeln.
Zielstrebig drehte er sich um. Seine Stimme, jetzt durch das von ihm ergriffene Mikrofon verstärkt, erhob sich und füllte den Raum. Die Musikalität des Wortes hallte in einigen gereimten Zeilen wider.


Gewinner Noel Kabelo „KB“ Ringane, Lonesome Soul

Das Bild eines Jungen im Waisenhaus versetzt das Publikum dann zwar in Melancholie, doch es bietet über die Dramatisierung des Opferschmerzes hinaus nicht allzu viel. Hier würde man sich mehr wünschen als reine Mitleidspoesie.

Mit der ersten Runde des Spoken Word Project ist es in Johannesburg im Großen und Ganzen hervorragend gelungen, das künstlerische Potenzial in der Dicht- und Redekunst zu feiern. Das Projekt verspricht, ein großartiger Rahmen für Spoken Word-Künstler aus ganz Afrika zu werden, um in einen gegenseitigen Austausch über Stilrichtungen in der Dicht- und Redekunst zu treten. Ich freue mich über die Aussicht auf einen großen kontinentalen Dialog, der über die Kunst des gesprochenen Wortes geführt wird. Ein Dialog, bei dem Afrika in Form der Performance-Poesie über die Schwierigkeiten des postkolonialen Daseins reflektieren wird.

Copyright: PrivatKgafela oa Magogodi, Jahrgang 1968, ist eine freie Stimme, deren experimentelle Arbeit im Bereich der Stand-Up-Poesie, des Spoken-Word-Theaters und der Essayistik weite Kreise gezogen hat. Magogodi ist sowohl in Setswana als auch in der englischen Sprache beheimatet und streut beim Schreiben häufig Ausdrücke der urbanen Umgangssprache mit ein. Nach der Veröffentlichung seines Spoken-Word- und Musikalbums Bua Fela arbeitet Magogodi aktuell mit der Musikgruppe Kgafela le Marabele zusammen.
„The Spoken Word Project“ macht gerade in Yaoundé in Kamerun Station – wo die besten Künstler aus Johannesburg zu einem nächsten Wettbewerb antreten. Sie haben neue Stücke kreiert, wobei sie ein Element aus den vorigen Beiträgen in ihre Performance aufgenommen haben. Bis Dezember 2013 tourt das Projekt so durch fünf weitere afrikanische Städte und bringt unterschiedliche Traditionen des Erzählens in Subsahara-Afrika und seine Künstler zusammen. Die einzelnen Auftritte und Performances sind in Videoclips auf der Projekt-Website zu sehen.
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