Trafalgar Square: „Und hier ist er, der große blaue – Vogel“

18 Monate lang wird Fritschs Skulptur „Hahn/Cock“ über den Trafalgar Square wachen (Foto: Gautier Deblonde)
31. Juli 2013
Gewiss, Tiere in sattes Blau einzufärben ist in der deutschen Kunst nicht ohne Beispiel, aber wenn diese über dem Trafalgar Square thronen dürfen, ist das schon eine besondere Ehre. Katharina Fritsch wurde sie zuteil. Und da sitzt er nun, ihr blauer Gockel auf dem berühmten Sockel. Von Uwe Rau
Das Royal Baby ist da und dominiert die britische und internationale Berichterstattung. Auch im Queen’s Tower des Imperial College, gleich gegenüber vom Goethe-Institut in London, läuteten die Glocken zu Ehren des neuen kleinen Prinzen. Da fällt es selbst überzeugten Republikanern schwer, nicht zu Monarchisten zu werden.
Auf dem Trafalgar Square hat vor wenigen Tagen auch eine neue künstlerische Arbeit das Licht der Welt erblickt, wobei das Goethe-Institut in diesem Fall ein wenig mitgeholfen hat. Und ganz zufällig entstehen sogar Bezüge zur Geburt des zukünftigen Thronfolgers.
Londons Bürgermeister Boris Johnson enthüllt den blauen Vogel
(Copyright: The Guardian)
(Copyright: The Guardian)
In den vergangenen sieben Jahren ist der Fourth Plinth in der Nordwestecke des Trafalgar Square Heimat für einige der innovativsten Kunstwerke der Welt geworden. Der Sockel wurde ursprünglich 1841 von Sir Charles Barry entworfen, um eine Reiterstatue zu zeigen. Aufgrund unzureichender Finanzierung konnte diese jedoch niemals fertiggestellt werden. Die Royal Society for the Encouragement of Arts, Manufactures and Commerce (RSA) hat dann im Jahr 1998 – über einhundertfünfzig Jahre später – bei den Künstlern Mark Wallinger, Bill Woodrow und Rachel Whiteread drei zeitgenössische Skulpturen bestellt, die temporär auf dem Fourth Plinth ausgestellt wurden. Danach war das Projekt erst einmal vorbei – man wollte eine feste Reiterstatue errichten. Doch die Öffentlichkeit zeigte großes Interesse für wechselnde zeitgenössische Kunst, so dass der damalige Bürgermeister das Fourth Plinth-Programm eingeführt hat. Seitdem werden einfallsreiche Kunstwerke von britischen und internationalen Künstlern auf der leer stehenden vierten Plinthe ausgestellt.
Zweieinhalb Jahre hat die Bildhauerin an ihrem Werk gearbeitet. Der Hahn ist ein typischer Fritsch: Die 57-Jährige hat sich auf lebens- oder überlebensgroße Plastiken von Menschen und Tieren oder symbolträchtigen Gegenständen spezialisiert, die durch ihre intensive Farbgebung auffallen. Der Hahn sei auch ein Symbol für Erneuerung, Aufbruch und Stärke. Gleichzeitig soll die Arbeit, so Fritsch, auf ironische Weise einen Bezug zu der „von Männern beherrschten britischen Gesellschaft herstellen und auf Gedanken des biologischen Determinismus hinweisen“. Boris Johnson freilich, seines Zeichens Bürgermeister von London und Repräsentant eben dieser Gesellschaft, vermied bei der Enthüllung des Kunstwerks die zweideutige Vokabel cock und blieb ornithologisch vage: „Und hier ist er, der große blaue – Vogel.“
Da kann man nur mit dem Motto des Vereinigten Königreichs enden: „Honi soit qui mal y pense“ (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt). Womit wir wieder in Frankreich wären. Und somit wächst – Gockel sei Dank – wieder ein bisschen mehr zusammen, was zusammengehört.








