Journalistenaustausch: „Litauen? Ah, Riga!“

Vytenė Stašaitytė und Monika Griebeler in der Redaktion von „Delfi“ (Foto: Valdas Kopūstas)
13. August 2013
Nordkorea, Nazis, BMW: Immer wenn es um diese Themen geht, weiß man beim Nachrichtenportal Delfi bereits vorher, dass die Artikel gelesen werden. Schwieriger ist es da schon bei EU-Themen. Wie Online-Journalismus in Litauen funktioniert, erklärt die Redakteurin Vytenė Stašaitytė.
Vytenė, erklär’s mir: Litauen ist seit fast zehn Jahren Mitglied in der EU – und trotzdem haben die litauischen Medien keine festen Korrespondenten in Brüssel. Warum?
Stašaitytė: Es ist einfach zu teuer – leider. Es lohnt sich nicht, weil Auslandsnachrichten kaum gelesen werden. Wenn eine Meldung der EU keinen direkten Bezug für die litauischen Mitbürger hat, dann ist es kaum ein Thema. Und es ist einfacher, die Nachrichtenagenturen zu nutzen. Außerdem gucken wir, was die anderen Medien im Ausland schreiben. Wir haben bei Delfi ein paar Freelancer als Mitarbeiter, in Deutschland zum Beispiel, oder in London. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hatte lange Jahre einen Korrespondenten in Brüssel. Aber als er Pressesprecher unserer Präsidentin wurde, gab es keinen mehr.
Ein Thema läuft gut, sobald es um Nordkorea, Nazis oder BMW geht, hast du mir mal erzählt. Ihr habt hier bei „Delfi“ ein ziemlich genaues Monitoring, welche Themen geklickt werden und welche nicht. Schränkt euch das beim Schreiben ein?

Journalistin Stašaitytė: „Nicht alle Onlinemedien sind so frei wie wir“ (Foto: Tomas Vinickas)
Als wir zusammen im Parlament waren, haben die meisten Abgeordneten auf ihren iPads oder Laptops die Nachrichten von einem der beiden großen Onlinemedien gelesen. Geht das auf Kosten der Zeitung – gibt es in Litauen eine „Zeitungskrise“?
Zweifellos. Im Laufe der Finanzkrise wurden die Zeitungen immer dünner, manche erscheinen auch seltener: nicht mehr fünfmal, sondern nur noch drei- oder einmal pro Woche; auch die Anzeigen wurden kleiner. Gleichzeitig wurden die Steuern erhöht. Das waren ziemlich heftige Zeiten. Inzwischen kommen viele Inhalte in der Zeitung von Online-Journalisten. Man sagte: „Wir brauchen nicht so viele Journalisten. Diejenigen, die für Online-Medien schreiben, können auch für die Zeitung schreiben und umgekehrt.“ Da haben die Journalisten natürlich drunter gelitten.
Wie gut sind die Online-Medien denn entwickelt?
Bei uns läuft Internet über Breitband – technisch ist es also sehr gut entwickelt. Die Zahl der Internetnutzer ist in den letzten Jahren gestiegen, und ich glaube, dass wirklich jeder, der das Internet nutzt, wenigstens ab und zu auf unsere Seite geht. Nicht alle Onlinemedien sind so frei wie wir. Einige haben dieselben litauischen Besitzer und, wenn man den Inhalt verfolgt, kommt einem die Frage: „Warum wurde über das und das nicht berichtet?“ Aber die zwei größten Nachrichtenportale, darunter wir selbst sowie 15min.lt, sind frei – wir haben ausländische Besitzer.

Alles ganz digital: Fast alle Parlamentsabgeordneten sitzen vor ihren Laptops und iPads (Foto: Monika Griebeler)
Eigentlich war Zensur ja vor allem ein Problem der Sowjet-Zeit. Gibt es das in Litauen immer noch?
Die Zeiten dieser Gefahr sind schon ziemlich lange vorbei. Aus meiner Erfahrung und Erinnerung – ich bin seit 2003 in diesem Geschäft – ist das nicht mehr das große Problem. In Litauen kann man manchmal nicht klar sagen, welche politische Richtung eine Zeitung hat. In Deutschland wird die Frankfurter Allgemeine Zeitung als konservativ beschrieben, die taz als links und so weiter. Bei uns ist es nicht so, vielleicht weil unsere politische Kultur und unser politisches Leben auch nicht wirklich klar sind: Man trifft die Entscheidungen manchmal nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus politischer Konjunktur.
Ist denn die sowjetische Vergangenheit noch immer präsent in Litauen?

Gleich am Eingang von „Delfi“ hängt ein Monitor mit den aktuellen Klick-, Leser- und Referenzzahlen (Foto: Monika Griebeler)
Du kennst die deutsche Medienlandschaft, du sprichst die Sprache, dein Freund ist Deutscher. Hat dich bei deinem „Nahaufnahme“-Aufenthalt in Deutschland überhaupt noch etwas überrascht?
Für litauische Verhältnisse sind wir bei Delfi eine große Redaktion. Aber durch meinen Aufenthalt habe ich verstanden, wie klein wir im Vergleich zur Deutschen Welle sind. Ich war von der Größe einfach überrascht.
Litauen hingegen ist für viele Deutsche ein unbekanntes Land mitten in Europa. Wie haben die Leute reagiert, wenn du gesagt hast, du kommst aus Litauen?
Die typische Reaktion: „Litauen? Ah, Riga!“ oder „Tallin!“ Die meisten Leute kennen Litauens Hauptstadt nicht und haben nur eine sehr grobe Vorstellung vom Baltikum.

Vilnius im Februar: Blick auf die Gediminas-Burg (Foto: Monika Griebeler)
Sollte Litauen mehr Werbung machen, um in Europa wahrgenommen zu werden?
Mit unseren politischen Entscheidungen oder unserer Außenpolitik präsent zu sein, das ist nicht einfach. Ich verfolge ein bisschen, wie präsent wir in anderen Weltmedien sind; sehr oft kommen Nachrichten, die über etwas Verrücktes berichten, das überhaupt nicht wichtig ist – zum Beispiel Babyrennen in Litauen. Das läuft dann auch in großen Medien. Dass wir aber Brücken nach Osteuropa bauen und eine rege Nachbarschaftspolitik betreiben, das wird nicht berichtet. Und das ist komisch.
Mir wurde an meinem ersten Tag in Vilnius gesagt: „Die Litauer können sich für vier Sachen begeistern: Theater, Basketball, den Eurovision Song Contest und den Kasimir-Markt.“ Nicht unbedingt die klassischen Lieblinge der Deutschen. Wie unterschiedlich sind wir?
Ich glaube, wir unterscheiden uns gar nicht so sehr voneinander. Wir sind eben Europäer, haben viele Gemeinsamkeiten, auch was unsere Geschichte betrifft. Ich sehe nicht, dass wir beide, du und ich, verschieden sind – nach dem Motto „Die kalten Balten und die heißen Deutschen“. Ihr Deutsche seid ja auch ein bisschen kühl.
Das Interview führte Monika Griebeler
Die Journalistin Vytenė Stašaitytė, 30, war mit dem Journalistenprogramm „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts im Dezember 2012 drei Wochen lang bei der Deutschen Welle in Bonn. Im Gegenzug bekam sie im Februar 2013 Besuch von ihrer Austauschpartnerin Monika Griebeler, 29. Während ihres Aufenthalts lernten die Journalistinnen den professionellen Alltag in ihrer Gastredaktion kennen und berichteten über ihre Eindrücke vor Ort. Bei dem Projekt wechselten insgesamt zwölf Journalisten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern ihre Arbeitsplätze.







