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Petros Markaris: Der Spaziergänger

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Botschafter ohne Portefeuille: Petros Markaris (Foto: Regine Mosimann/Diogenes Verlag)

29. August 2013

Griechenland zu verstehen ist für Deutsche nicht immer leicht, aber gerade in einer Zeit des grassierenden Missverständnisses und Missmuts besonders wichtig. Wer es versuchen will, dem hilft der Krimiautor, Übersetzer und seit Mittwoch Träger der Goethe-Medaille, Petros Markaris. Von Christiane Schlötzer

Es ist gut zehn Jahre her, da hat mir ein griechischer Freund den ersten Kriminalroman von Petros Markaris in die Hand gedrückt: Hellas Channel. „Lies das!“, hat er gesagt, „dann verstehst du unser Land besser.“ So habe ich Kommissar Kostas Charitos kennengelernt, einen mürrischen Mordermittler mit zarter Seele, der gegenüber Vorgesetzten scheinbar klein beigibt, ihre Anweisungen dann aber behände ignoriert. In diesem von mediterraner Hausmannskost abhängigen Anti-Helden habe ich schon bald ein Alter-Ego des Autors vermutet.

Weit gefehlt. Petros Markaris bugsiert keinen klapprigen Fiat Mirafiori durch den Athener Stau, der mit der Krise inzwischen auch nur noch Legende ist. Markaris fährt gar kein Auto. Er hat den Athener Großstadtdschungel zu Fuß erobert. Ja, per pedes, me ta podia! Der Autor ist ein Großstadtflaneur, der wie Karl Kraus das Spazierengehen professionell betreibt. Wie ungriechisch! Aber Markaris ist ja auch kein griechischer Kleinbürger, wie sein Kommissar, ja nicht einmal Grieche ist er, jedenfalls nicht im landläufigen Sinne.

Auf die Spur kommt man diesem Mann, der stets in Bewegung scheint, denn auch am besten, wenn man sich auf seine Fersen begibt, beispielsweise mit der Lektüre seines Stadtführers Quer durch Athen. Ich bezweifle, dass ein anderer Autor einer anderen europäischen Hauptstadt in jüngster Zeit ein so liebevolles und lehrreiches Porträt geschenkt hat. Entlang der Elektrikos, der über 100 Jahren alten Stadtbahn, bereist Markaris Zentrum und Vororte Athens. Begeistern kann er sich nur für jene Bezirke, in denen die Gegensätze ins Auge stechen, wo „Kunstlederjacken und Pelzmäntel“ nebeneinander spazieren, wo zwischen Bürgervillen billige Amüsierschuppen und die gedrungenen Häuser der Flüchtlinge aus Kleinasien überlebt haben. Wo alles glatt ist, da langweilt sich Markaris.

Copyright: Goethe-Institut/Bernhard LudewigPreisträger S. Mahmoud Hosseini Zad

„Übersetzung ist Kunst, ist Technik, ist Fertigkeit, aber vor allem eine herausfordernde Gegenüberstellung von zwei – in meinem Fall – völlig unterschiedlichen Sprachsystemen, und somit zwei Kulturen“, sagt S. Mahmoud Hosseini Zad. „Diese Aufgabe bewusst zu bewältigen, bringt Menschen und Kulturen näher zusammen.“ Das Engagement des Übersetzers hat maßgeblich dazu beigetragen, dass viele Werke der aktuellen deutschen Autoren einem iranischen Publikum zugänglich sind. Mehr Informationen zur Person auf www.goethe.de.

Der Stadtwanderer Markaris ist zwar in Athen unterwegs, wo er seit Mitte der Sechzigerjahre lebt, aber er hat stets einen zweiten unauslöschlichen Stadtplan im Kopf. Die Landkarte Istanbuls. Dort hat Petros Markaris, für den Armenisch die Vatersprache und Griechisch die Muttersprache war, im österreichischen Sankt-Georgs-Kolleg sein südlich gefärbtes Deutsch gelernt.

Der durch die Istanbuler Wurzeln bedingte innere Abstand zu seiner griechischen Wahlheimat ist es wohl, der den Büchern von Petros Markaris den ironischen, sarkastischen Ton verleiht und der den Autor in Griechenland zu einem so hellsichtigen Kommentator der Krisenjahre gemacht hat. Der schlichte patriotische Reflex funktioniert bei ihm nicht. „Ich halte es mit Brecht“, sagt er, „statt meine Heimat zu lieben, beschreibe ich ihren Charakter.“ So wurde Markaris zu einem Mittler zwischen den Fronten, einem Botschafter ohne Portefeuille, in einer Zeit des grassierenden Missverständnisses und Missmuts. Seit mehr als einem halben Jahrhundert hat es zwischen Deutschen und Griechen nicht solche Schimpfkanonaden gegeben, so viel gegenseitiges Nichtverstehen. Markaris fragt sich selbst, wieso Deutsche für viele Griechen auf einmal wieder Nazis sind, wo sie doch jüngst noch mit offenen Armen empfangen wurden, und warum umgekehrt deutsche Boulevardblätter so unverblümt gegen die „Faulenzer“ im Süden hetzen.

Wer mit ihm darüber spricht, weiß, wie ihn das persönlich schmerzt. Immer wieder erinnert er die Griechen daran, dass Millionen ihrer Landsleute selbst Flüchtlinge aus Kleinasien waren. Und die Deutschen bittet er, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. „Es wäre beiden Seiten sehr geholfen“, schrieb Markaris, „wenn man den Griechen in ihren Gefühlen ein bisschen Vernunft einflößen würde und den Deutschen in ihrer Vernunft ein bisschen Mitgefühl.“

Copyright: Sunandini BanerjeePreisträger Naveen Kishore

Es ist eine Erfolgsgeschichte, die selbst das Zeug zum Bestseller hat: 1982 gründete Naveen Kishore im indischen Kalkutta Seagull Books. Heute sorgt der Verlag mit seinem einzigartigen Konzept weltweit für Aufsehen. Die Deutsche Welle porträtiert den Ausnahmeverleger.

Der Vater von Petros Markaris, ein Kaufmann im Istanbul von 1948, hielt Deutsch für die Sprache der Zukunft. Er „irrte gewaltig“, meint sein Sohn. Aber die Schul- und Sprachwahl führte ihn später nach Wien, wo er sich für das Griechische als Literatursprache entschied, mit der Begründung, das elegante Deutsch der Wiener könne er nie imitieren. In Griechenland haben viele Markaris erst entdeckt, als seine Romane in deutscher Übersetzung schon Bestseller waren. Dass er zuvor hocherfolgreiche Theaterstücke und TV-Serien verfasste, oder als kongenialer Co-Autor seines Freundes, des Filmeregisseurs Theo Angelopoulos, fungierte, war weniger bekannt. Ganz zu schweigen von der Übersetzung von Goethes Faust I und II, für die Markaris, wie er sagt „fünf Jahre seines Lebens geopfert hat“.

Als Krimiautor nennt Markaris Georges Simenon und Ed McBain seine Vorbilder. Sie sahen die Chancen des Genres ebenfalls in der Gesellschaftskritik. Schon seine Vor-Krisen-Romane trafen die Aktualität und ließen die jüngere Geschichte anklingen, vom Bürgerkrieg bis zur Obristen-Diktatur. Wer sie liest, lernt wirklich viel über Griechenland.

Dabei scheint Markaris die Hoffnung nie aufzugeben. Er sagt: „Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann sehe ich, dass ich in Ländern gelebt habe, die immer wieder am Scheideweg standen, was heißt, dass sie immer wieder neu angefangen haben.“ Wie Markaris selbst.

Der Text ist die gekürzte Fassung der Laudatio, die die Istanbuler Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“, Christiane Schlötzer, anlässlich der Verleihung der Goethe-Medaille auf Petros Markaris in Weimar gehalten hat.

Petros Markaris ist einer von drei Persönlichkeiten, denen der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, am Mittwoch die diesjährige Goethe-Medaille verliehen hat. Ebenfalls ausgezeichnet wurde S. Mahmoud Hosseini Zad. Er ist der bedeutendste Übersetzer zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur ins Persische. Er übertrug Brecht ins Persische, ebenso wie Romane von Dürrenmatt. Mit Umsicht und Sensibilität ebne er dem Wort die Bahn und ermögliche kulturelle und persönliche Begegnungen, die das gegenseitige Verständnis der Menschen im Iran und in Deutschland wachhalten und verstärken, so die Auswahlkommission. Naveen Kishore schließlich ist Gründer und Leiter des Seagull-Verlags in Kalkutta, der mit Niederlassungen in London und New York wie kein anderes indisches Haus international etabliert ist. So besitzt er die weltweiten Publikationsrechte für Autoren wie Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Jean-Paul Sartre, Thomas Bernhard, Imre Kertész, Yves Bonnefoy, Mo Yan, Mahasweta Devi, Peter Handke und Hans Magnus Enzensberger auf Englisch. Mit der Gründung seiner Verlegerakademie, der Seagull School of Publishing 2011 in Kalkutta, hat er wesentliche Impulse für die Professionalisierung der Kultur- und Verlagsarbeit in ganz Indien gegeben. Kishore repräsentiere in herausragender Weise und auf höchstem Niveau den Austausch und die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Indien und Deutschland, heißt es in der Begründung der Kommission.
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