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Sprachcamp: Nur das Lieblingswort ist langweilig

Jahn NitschkeCopyright: Jahn Nitschke
PASCH-Schüler zeigen auf einer Weltkarte, wo ihre Heimatländer liegen (Foto: Jahn Nitschke)

6. September 2013

56 Schüler aus aller Herren Länder waren gerade in Schwäbisch Hall zu Gast. Gemeinsam paukten sie deutsche Vokabeln, konjugierten Verben, besuchten die Experimenta und erkundeten die Stadt. Hall sei Dank, dass man sich dort nicht verlaufen kann. Von Jahn Nitschke

Der Knall einer Explosion hallt durch das Stockwerk. Einige Leute fahren erschrocken hoch. „Cool!“, ruft Timothy, „woher kommt das?“ Der 17-Jährige aus New York gehört zu einer Gruppe Deutschschüler am Goethe-Institut, die kürzlich die Experimenta in Heilbronn besuchte.

Die Wechselausstellung hat viele interaktive Stationen auf vier Stockwerken verteilt, unter anderem eine Wasserstoffrakete, die durch Kurbeln ausgelöst wird und alle paar Minuten Besucher erschreckt: Und zwar immer dann, wenn jemand so lange gekurbelt hat, bis per Elektrolyse von Wasser genug Knallgas für eine kleine Explosion erzeugt ist. Nach einigen Minuten und Knalls verlieren Timothy und seine Clique das Interesse und wenden sich stattdessen dem Modell eines Meeresströmungskraftwerks zu.

Seit 2008 holt die Initiative des Außenministeriums Schulen: Partner der Zukunft (kurz: PASCH) Jugendliche aus aller Welt nach Deutschland. „Das ist eine Art Ferienlager mit Sprachkurs“, erklärt Corina Klaus, die die Gruppe in Hall koordiniert. Die Initiative arbeitet neben dem Goethe-Institut auch mit der Zentralstelle für Auslandsschulwesen, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und dem Pädagogischen Austauschdienst zusammen.


Schulen: Partner der Zukunft

Die Deutschkenntnisse der Schüler sind unterschiedlich. „Anfangs machen wir einen Einstufungstest, damit sich niemand überschätzt“, erklärt Klaus. „Oder unterschätzt“, ergänzt sie. Danach werden die Schüler in vier Klassen unterteilt, die sich nach der standardisierten Klassifikation für Fremdsprachenlerner richten: A, B und C steigen im Schwierigkeitsgrad an und werden wiederum in 1 und 2 unterteilt; A1 wäre also ein Schüler mit geringen Deutschkenntnissen; wer hingegen C2 auf seinem Zertifikat stehen hat, kann Deutsch so gut wie ein Muttersprachler.

„Die Jugendlichen sind sehr motivierte Lerner“, schwärmt Klaus. „Ich hatte schon Kurse mit wesentlich mehr Schülern“, erzählt sie. „Aber wir haben noch nie jemanden auf einem Ausflug verloren. Und meistens sind sie auch pünktlich.“ Das Team, das Corina Klaus zur Seite steht, zählt vier Lehrer, vier Betreuer und zwei Schülerpraktikanten aus Köln und Heilbronn. „Die meisten Lehrer sind Freiberufler, die sich Zeit nehmen, hier zu arbeiten“, erzählt Corina Klaus, die selbst in Leipzig wohnt, aber seit drei Jahren regelmäßig nach Hall kommt, um die PASCH-Kurse zu leiten – jedes Jahr zwei: Heuer ging der erste vom 7. bis zum 27. Juli, der zweite vom 4. bis 24. August. „Das sind Stipendien. Schüler, die schon Deutsch lernen, bewerben sich dafür an ihrer Schule.“

„Stuttgart ist wie New York“

Die Gruppe von 56 Schülern zwischen 14 und 18 hat sich für diese Zeit in der Haller Jugendherberge einquartiert – inklusive Lehrer. „Der Kontakt ist eng, man weiß, was sie machen und wie sie drauf sind“, sagt Klaus und beweist es, indem sie später Namen und Herkunft aller Schüler fehlerfrei aufsagt. „Wenn ich in den Urlaub fahre, treffe ich manche sogar nochmal.“

Anna aus Pittsburgh balanciert mit ihrer Freundin Dalila aus Washington D.C. einen Bauklotz auf einer wackligen Platte. Duan aus Ni (Serbien), kommt ihnen zur Hilfe. Der Turm wächst höher und höher, bis jemand an die Platte kommt, und die Klötze herunterfallen. „Ich war noch nie in Europa und war sehr aufgeregt“, erzählt Anna. Sie ist in der 10. Klasse, lernt seit fünf Jahren Deutsch. Ein Lehrer sei auf sie zugekommen, ihr würde der PASCH-Kurs sicher gefallen. „Dann musste ich Formulare ausfüllen, und jetzt bin ich hier“, sagt sie. „Wir haben versucht, uns in Schwäbisch Hall zu verlaufen – aber es geht nicht“, erzählt die 16-Jährige: „Es ist zu klein.“ Dabei vermerkt sie das als positiven Punkt. „Aber hier gibt es so viele Treppen“, beklagt sie sich, „danach will ich keine mehr sehen.“ Und Stuttgart? „Stuttgart ist wie New York – viele Leute, aber viel hübscher und sauberer.“ Außerdem rieche die Luft hier anders.

Foto: Jahn Nitschke
Corina Klaus (Bildmitte, vorne) ist eine von vielen Lehrkräften, die eigens für die PASCH-Kurse nach Schwäbisch Hall kommen (Foto: Jahn Nitschke)

Jedes Jahr steht der Kurs unter einem Motto. Dieses Jahr lautet es Zukunftsvision: Umweltschutz und Klimawandel. „Da bietet sich die Experimenta an, weil sie thematisch viel abdeckt. Die Ausstellung ist gut für Jugendliche, weil sie interaktiv ist“, sagt Klaus. Außerdem besuchen sie Heidelberg, waren in Stuttgart im Mercedes-Benz-Museum und backen Brezeln bei der Bäckerei Kronmüller. „Morgen machen wir einen Länderabend, da stellen alle ihr Herkunftsland vor, und manche kochen Spezialitäten.“ Die Jugendlichen kommen aus aller Welt – aus China, den USA, Uganda, Russland, Malawi, Serbien oder Brasilien.

Schön ist mein Lieblingswort“, meint Chasaya, der eigentlich aus Sambia kommt, aber in Malawi in der Hauptstadt Lilongwe lebt. Er behauptet, 15 Jahre alt zu sein, bis seine Mitschülerin Enalla, 14, ihn verbessert: „Du bist noch 14!“ Langweilig sei ihr Lieblingswort auf Deutsch. Timothy aus New York schätzt Schadenfreude, für das es im Englischen kein Wort gibt. Juvella findet unheimlich überhaupt nicht unheimlich, sondern schön zu sprechen.

Nermine Abdel-Aty aus Alexandria in Ägypten kennt beide Seiten des Deutschunterrichts: Sie lernt Deutsch seit sie vier Jahre alt ist. Jetzt lehrt sie es selbst. „Als Ausländer kann man leider nur in Jugendkursen Deutsch lehren“, meint sie. Man hört ihr beinahe nicht an, dass es nicht ihre Muttersprache ist. „Deutschland macht bewusst Programme zur Förderung der Integration“, lobt sie. Ihr gefalle besonders die n-Deklination, verrät sie: „Ich mag Sprachen, das ist ein Teil von mir.“

Mit freundlicher Genehmigung des „Haller Tagblatt”. Wir haben den Artikel leicht gekürzt.

Im Rahmen der Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH) veranstaltet das Goethe-Institut seit 2008 internationale Jugendkurse für Schüler von PASCH-Schulen aus aller Welt. Während der dreiwöchigen Aufenthalte lernen die jungen Stipendiaten in einer internationalen Gemeinschaft Deutsch, schließen Kontakte zu PASCH-Schülern aus anderen Ländern und lernen Deutschland kennen. Die Initiative PASCH vernetzt weltweit rund 1.500 Schulen, an denen Deutsch einen besonders hohen Stellenwert hat.
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